Für Asylsuchende, die in Italien landen und in den Norden wollen, wird es eng. Französische Polizisten sichern die Grenze zu Italien mit dem Gummiknüppel, Österreich hat die Bearbeitung von Asylanträgen eingeschränkt. Das Tessin steht offiziell noch offen und dient als Ausweichroute. Allein am letzten Wochenende kamen fast 350 Personen in Chiasso an. Das Tessin ist zum Nadelöhr in Europa geworden. Die Staaten im Norden beobachten genau, wie viele Menschen in Chiasso ankommen. Deutschland hat einen Verbindungsoffizier vor Ort.

Jetzt verstärkt auch die Schweiz ihre Grenze. «Die Grenzwache überprüft in Chiasso seit kurzem mit mehr Personal jeden Zug, der von Italien kommt», sagt der Tessiner Militärdirektor Norman Gobbi (Lega). Sein Parteikollege Lorenzo Quadri geht noch weiter. «Ich wäre für einen Zaun», sagt er und schliesst sich damit dem ungarischen Regierungschef Viktor Orban an, der mit seinen Schliessungsplänen für die Grenze zu Serbien für Schlagzeilen sorgte. Quadri weiss aber, dass ein solches Projekt für die Schweiz «nicht sehr realistisch» ist. Realistischer sind «symbolische Zäune», wie sie SVP-Nationalrat Hans Fehr hochziehen will. «Wir brauchen wieder systematische Grenzkontrollen», sagt er. Die Armee soll das Grenzwachtkorps dabei unterstützen – Mission: Abschreckung.

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) greift derweil wegen des Andrangs in Chiasso zu ausserordentlichen Mitteln. Es drückt Asylsuchenden ein Zug-Billett in die Hand und schickt sie auf eigene Faust quer durch die Schweiz in andere Zentren des Bundes. «Formloser Transfer» heisst diese Art der Verteilung der Schutzsuchenden auf andere Zentren. Im Jahr 2014 reisten 6100 Personen auf diese Weise durch die Schweiz, wie das SEM auf Anfrage mitteilte.

Die Zahl dieser Reisen hat sich fast verdoppelt. 2013 waren es noch 3400. Kritiker befürchten, dass Asylsuchende unregistriert in die Schweiz gelangen oder untertauchen. Tatsächlich werden sie zum Teil nur rudimentär erfasst. Die Abnahme von Fingerabdrücken und der Abgleich mit der Datenbank Eurodac finden erst in der Zielunterkunft statt. SEM-Sprecher Martin Reichlin erklärt: «Diese aussergewöhnliche Massnahme wird ergriffen, um die Unterbringung der Asylsuchenden sicherzustellen und die an den verschiedenen Standorten des Bundes vorhandenen Kapazitäten bestmöglich auszulasten.» Die Zahl derer, die während dieses Transfers untertauchen, beziffert das SEM auf «wenige hundert pro Jahr». Reichlin gibt zudem zu bedenken, dass Asylsuchende auch ohne Transfer zu jedem Zeitpunkt des Asylverfahrens ein Bundeszentrum verlassen und unkontrolliert abreisen können. Zudem würden die meisten Neuankommenden von der Grenzwache kontrolliert. Diese nimmt Fingerabdrücke und macht eine Abfrage in der Schengen-Datenbank.

Während SVP und die Tessiner Lega die Grenze am liebsten abriegeln würden, zeigt sich in den Kantonen im Norden ein anderes Bild. Der Kanton Zürich sei gut vorbereitet auf eine steigende Zahl von Flüchtlingen, sagt etwa Thomas Kunz, Leiter der Asyl-Organisation Zürich. Im Kanton Basel-Stadt stehen laut Regierungsrat Christoph Brutschin (SP) vorerst ausreichend Plätze zur Verfügung. In Bern und im Aargau wird fieberhaft nach neuen Unterbringungsorten gesucht. 90 verschiedene Standorte werden allein in Bern geprüft. Der Aargau sucht Unterkünfte für 300 bis 500 neue Asylsuchende.

Die politischen Verantwortlichen in den Kantonen wollen von Grenzzäunen im Tessin nichts wissen. «Rechtsverweigerung ist für einen Rechtsstaat keine Antwort auf migrationspolitische Herausforderungen», sagt der Basler Regierungsrat Brutschin. «Grenzschliessungen sind nicht der richtige Weg», pflichtet ihm seine Aargauer Kollegin Susanne Hochuli (Grüne) bei. «Wir befinden uns nicht im Krieg, sondern in einer Situation, da Menschen sonder Zahl und aus aller Welt aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Heimat verlassen und anderswo Sicherheit und Schutz suchen.»

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