Alles stand zur Debatte, nachdem die CVP in den eidgenössischen Wahlen 2011 eine schmetternde Niederlage eingefahren hatte: der Verzicht auf das C im Parteinamen, eine Fusion mit der BDP, der Aufbau einer Holding mit den anderen Mitteparteien. Daraus ist bisher nicht mehr geworden als eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen CVP und BDP im eidgenössischen Parlament, die in der Herbstsession immerhin dazu führte, dass die beiden Parteien eine gemeinsame Fraktionssitzung zur Landwirtschaftspolitik abgehalten haben.

«Die Zusammenarbeit auf nationaler Ebene ist etabliert», sagt CVP-Präsident Christophe Darbellay, der gestern Samstag am 100-Jahr-Jubiläum seiner Partei in Luzern die erfolgreiche Beglaubigung zweier Volksinitiativen verkünden konnte. Und schon wieder ein neues Projekt in Angriff nehmen will, wie er dem «Sonntag» sagt: «Jetzt denken wir daran, gemeinsam mit der BDP eine Volksinitiative zu lancieren.»

Die Vorwärtsstrategie des CVP-Chefs an die Brust der BDP kommt nicht von ungefähr. Seit Darbellay 2006 das Parteipräsidium übernommen hat, verlor die CVP nicht nur über 2 Prozentpunkte in eidgenössischen Wahlen, sondern auch insgesamt 96 Sitze in kantonalen Parlamenten. So viel wie kein anderer der amtierenden Parteipräsidenten.

Am letzten Wochenende ging der Niedergang der CVP in eine neue Runde: Im Kanton Aargau, der zu den Stammlanden gehört, hat die CVP erneut eine Schlappe eingefahren. Und einmal mehr macht sich Verzweiflung breit: «Ich bin total ratlos», sagt die Aargauer Nationalrätin Ruth Humbel. «An was liegt es, dass wir keinen Erfolg haben? An der teilweisen Unentschlossenheit? Am C?», fragt sie sich. «Wir leiden unter der Konkurrenz von BDP und GLP», so Humbel weiter, um die C-Debatte gleich selber wieder zu beenden – mit einem bitteren Fazit: «Unseren Namen kurz vor dem Untergang zu ändern, ist unglaubwürdig.»

Statt Fusion oder Namenswechsel soll jetzt die Idee der Mitte-Holding mit der BDP und allenfalls den Grünliberalen die Abwärtsspirale der Partei stoppen. Also die enge Zusammenarbeit der Mitteparteien unter einem gemeinsamen Dach, aber weiterhin als eigenständige Parteien. Was auf nationaler Ebene auf halbem Weg stecken blieb, wird in den Kantonen vollendet: «Die Mitte» als neues Polit-Label.

Im März 2013 kommt es in den Solothurner Kantonsratswahlen zu einer Schweizer Premiere, wie «Sonntag»-Recherchen zeigen: Erstmals bieten sich CVP, BDP und allenfalls auch die Grünliberalen den Wählern gemeinsam an.

«Der Vorstand der Solothurner CVP hat beschlossen, zusammen mit BDP und GLP als ‹Die Mitte› in die Kantonsratswahlen zu gehen», bestätigt der Solothurner CVP-Präsident und Nationalrat Stefan Müller-Altermatt. «Wir möchten die viel diskutierte Idee der Mitte-Holding in unserem Kanton umsetzen und damit vielleicht eine Vorreiterrolle übernehmen». Ob dabei das Label «Die Mitte» im Wahlkampf auch grafisch präsent sein wird, ist noch nicht entschieden. «Wir haben das als Idee eingebracht», sagt Müller-Altermatt, der glaubt, dass die CVP gute Köpfe habe, «aber eine schlechte Marke, die bei den Wählern unter Wert ankommt.»

Müller-Altermatt, der sich mit einigem Bedauern als «einziger neu gewählter CVP-Nationalrat zwischen Genf und Koblenz» bezeichnen darf, hält eine enge Zusammenarbeit der CVP mit den anderen Mitteparteien für «zentral bis zwingend». Nur so könne verhindert werden, dass die CVP verliere, weil sich die Mitte zersplittere: «Wir werden den Zwingli-Kanton Zürich und den traditionellen BDP-Kanton Bern als CVP nie erobern können, deshalb ist eine Zusammenarbeit mit der BDP sinnvoll. Das gilt auch für die Kantone Waadt und Aargau.»

Im Aargau allerdings bremst Parteipräsident Markus Zemp, der nach der jüngsten Wahlniederlage fast den Bettel hinschmeissen wollte: «Unser Ziel ist es, die CVP als CVP zu stabilisieren», sagt er. «Deshalb wollen wir im Kanton Aargau weder Fusions- noch Holdings-Diskussionen. Solche Debatten verunsichern unsere Stammwähler. Eine Mitte-Holding, so wie sie im Kanton Solothurn vorangetrieben wird, schliesse ich deshalb im Aargau für die nächsten Jahre aus.» Es werde sich zeigen, welche Strategie erfolgreicher sein wird: «Dann wird man die richtigen Schlüsse für die Zukunft ziehen können», so Zemp.

Auch CVP-Chef Darbellay bezeichnet Solothurn als «spannenden Testfall», der zeigen werde, ob die CVP in den für die Partei «wichtigen urbanen Wachstumsgebieten Zürich, Aargau, Bern und Waadt, in denen fast die Hälfte aller Schweizerinnen und Schweizer leben», mit dem Holding-Projekt wieder Boden finden werde. Zuspruch gibt es auch von CVP-Fraktionschef Urs Schwaller: Nur durch Zusammenarbeit bei den Wahlen könne das Zentrum gestärkt werden. «Wir müssen mit der BDP und der GLP zusammenarbeiten.»

Doch die Grünliberalen stehen derzeit etwas aussen vor – jedenfalls auf nationaler Ebene. «CVP und BDP setzen die inhaltliche Zusammenarbeit um, die ich damals vorgeschlagen habe», sagt GLP-Präsident Martin Bäumle, der die Holding-Idee ursprünglich lanciert hatte. Nur ohne GLP. «Natürlich haben CVP und BDP signalisiert, dass wir beitreten könnten», sagt Bäumle. Doch unter diesen Umständen ist er dazu nicht bereit. «CVP und BDP bestimmen derzeit, wie es funktionieren soll – und die GLP soll sich dann einfach eingliedern. Das ist für mich keine echte Partnerschaft.»

Auch wenn die GLP formell nicht dazugehört, arbeiten die drei Holding-Parteien im Bundesparlament durchaus gut zusammen. Bei der Energiewende zum Beispiel geben sie gemeinsam mit der SP und den Grünen den Takt an. Ihre steigende Erfolgsquote bei Parlamentsabstimmungen verdankt die MitteLinks-Allianz auch dem geschwächten rechtsbürgerlichen Lager, wo die SVP- und FDP-Spitzen nicht einmal mehr miteinander reden.

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