Von Valentin Kressler und Andreas Maurer

Herr Cramer, wir sind in der Bar Rouge, im obersten Stock des Messeturms, und schauen auf die Stadt hinunter. Welches sind die markantesten Veränderungen, die wir von hier in zwanzig Jahren feststellen würden?
Conradin Cramer: Zuerst einmal würden wir natürlich den Claraturm sehen. Und wenn wir in Richtung Novartis Campus schauen würden, würden wir gleich eine ganze Reihe von neuen Hochhäusern entdecken. Dann würden wir auch noch den Roche-Turm und den Erweiterungsbau des Kunstmuseums sehen. Diese Bauwerke werden die Stadt prägen in zwanzig Jahren.

Freuen Sie sich darauf?
Ja, das ist für mich ein Grund zur Freude. Bei den genannten Bauwerken handelt sich um sehr hochwertige, ästhetisch befriedigende Projekte, welche die Stadt weiterbringen.

Wie beurteilen Sie die Tatsache, dass in Basel fast jedes Grossprojekt auf erbitterten Widerstand stösst?
Ich finde es grundsätzlich positiv, dass es im Vorfeld von Bauprojekten, die das Gesicht der Stadt verändern, eine angeregte Diskussion gibt. Sorgen bereitet mir aber die Tatsache, dass es starke konservative Kräfte gibt, die das Gefühl haben, eine Stadt müsse sich nicht entwickeln, und sich deshalb gegen jegliche Veränderung zur Wehr setzen. Das ist meines Erachtens keine haltbare Ansicht. Eine Stadt muss sich verändern. Und dazu gehört eben auch verdichtetes Bauen, damit Wohnraum und Arbeitsplätze geschaffen werden können. Stillstand wäre ein Rückschritt.

Sie sind oft in Hamburg, da Ihre Freundin dort studiert. Im Gegensatz zu Basel entwickelt sich Hamburg städtebaulich viel rascher. Denken wir etwa an die Hafen City, einem neuen Stadtteil an der Elbe.
Natürlich ist die Dynamik einer Hafen City beeindruckend. Aber vergessen Sie nicht: Auch dieses Projekt hatte es am Anfang schwer. Und man kann die Grossstadt Hamburg nicht eins zu eins mit der Kleinstadt Basel vergleichen. Es wäre jedenfalls ein Fehler, wenn wir in Basel nun damit beginnen würden, neue Stadtteile auf dem Reissbrett zu entwerfen. Das würde mit Bestimmtheit schiefgehen.

Was macht Hamburg besser als Basel?
Ich denke nicht, dass Hamburg vieles besser macht. Wenn man sieht, welche Schwierigkeiten die Hansestadt mit dem Bau der Elbphilharmonie hat, können wir im Gegenteil zufrieden sein, dass wir in der Schweiz bei Grossprojekten in der Regel eine gute Planung und eine gute Kostenkontrolle haben.

Gibt es in Hamburg etwas, das Sie in Basel vermissen?
(lacht) Ja, einen Anschluss ans Meer. Aber noch einmal: Hamburg ist im Gegensatz zu Basel eine Millionenstadt. Und das wollen wir auch nicht sein.

Mit dem Baloise-Turm stösst in Basel bereits das nächste Grossprojekt auf Widerstand.
Ja, ich habe gelesen, dass Claraturm-Gegner Andreas Bernauer nun auch hier das Referendum ergreifen möchte. Es war immer eine Stärke von Basel, dass es gelungen ist, die grossen Arbeitgeber hier zu behalten. Dafür muss man ihnen aber auch die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln. Und die Neubauten, welche die Baloise am Aeschengraben plant, sind auch städtebaulich ein Gewinn. Ich bin zuversichtlich, dass dieses Projekt, falls es tatsächlich zu einer Volksabstimmung kommen sollte, eine Mehrheit findet.

Nach der Hochhaus-Diskussion im November haben im Dezember die Basler Kantonalbank (BKB) und die Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) Schlagzeilen gemacht. In Ihrer Antrittsrede im Grossen Rat gingen Sie auf die Machtlosigkeit der Parlamentarier ein. Konnte der Grosse Rat bei den Affären um die BKB und die BVB die Aufsichtsfunktion deshalb nicht wahrnehmen?
Zuerst einmal: Die Vorkommnisse bei der BKB und den BVB sind nicht miteinander zu vergleichen. Das sind ganz unterschiedliche Dimensionen. Nach meiner Überzeugung steht in beiden Fällen aber in erster Linie der Verwaltungsrat und in zweiter Linie die Regierung in der Verantwortung, die Aufsichtspflicht wahrzunehmen.

In beiden Fällen hat aber der Grosse Rat die Verwaltungsräte gewählt.
Das ist tatsächlich eine Inkongruenz. Der Grosse Rat wählt den Verwaltungsrat oder einen Teil davon und ist gar nicht in der Lage, die Aufsichtsfunktion wahrzunehmen. Die Vorkommnisse zeigen, dass ein Parlament an seine Grenzen stösst, wenn es darum geht, einen fachlich kompetenten und ausgewogenen Verwaltungsrat zu bestimmen. Für die Führung und die Aufsicht von Unternehmen wie die BKB oder die BVB ist eine Wahl des Verwaltungsrats durch den Grossen Rat sicher nicht die optimale Lösung. Mit dem neuen BKB-Gesetz wird dies nun aber hoffentlich geändert.

Sie fordern, dass künftig generell die Regierung und nicht der Grosse Rat alle Verwaltungsräte wählt?
Ja.

Damit würde der Grosse Rat noch machtloser.
Es sollte hier nicht um Macht gehen, sondern darum, wer die Rolle des Eigners am besten wahrnehmen kann. Und das sind doch eher die Profis in der Regierung als die Milizler im Parlament.

Bei diesem Thema fordern Sie eine saubere Trennung. Wäre es aber nicht auch konsequent, Beruf und politische Karriere sauber zu trennen?
Wie meinen Sie das?

Sie wollen nach dem Grossratspräsidium die Nachfolge Ihres Partei- und Kanzleikollegen Andreas Albrecht als Präsident der Bau- und Raumplanungskommission (BRK) antreten.
Ja, ich würde dieses Amt gerne ausüben.

Kritiker sprechen von Erbmonarchie, da das Kommissionspräsidium damit weiterhin in den Händen der Kanzlei Vischer bleiben würde, die selbst bei vielen Grossprojekten involviert ist.
Diese Kritik kann ich offen gestanden überhaupt nicht nachvollziehen. Sowohl Andreas Albrecht als auch dessen Vorgänger Bernhard Christ wurden im Grossen Rat allgemein als kompetent angesehen. Sie haben einen guten Job gemacht, und das ganz unabhängig von ihrem Arbeitgeber. Ich habe das Glück, dass ich bei einem Arbeitgeber tätig bin, der es unterstützt, wenn sich seine Mitarbeiter in der Politik engagieren. Das trägt zum Funktionieren unserer Milizdemokratie bei.

Ihr Arbeitgeber unterstützt Sie, weil es ihm auch zugute kommt, wenn Sie Ämter wie das Grossrats- oder das BRK-Präsidium übernehmen.
Nein. Mein politisches Engagement hat mir noch nie Mandate eingebracht. Vielleicht hilft die Bekanntheit manchmal. Aber das kompensiert den Verdienstausfall nicht. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

Das BRK-Präsidium kann zu Interessenkonflikten führen. Die Kanzlei Vischer bearbeitet auch planungsrechtliche Fälle.
Es ist eine paradoxe Situation. Man wünscht sich für das BRK-Präsidium einen Politiker, der aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit Erfahrungen auf diesem Gebiet hat. Und kritisiert dies gleichzeitig. Der entscheidende Punkt ist doch, dass man, wenn es aufgrund der beruflichen Tätigkeit zu Interessenkonflikten kommen sollte, sauber damit umgeht, dies deklariert und in den Ausstand tritt. Selbstverständlich würde ich dies tun, falls es zu solchen Situationen kommen sollte.

Haben Sie Ihre Schlussrede eigentlich schon vorbereitet?
Ich habe noch nichts aufgeschrieben, aber schon einiges im Kopf.

Ihr Vorgänger Daniel Goepfert (SP) hat die Latte hoch gesetzt. Mit seiner Forderung, heilige Kühe wie das Bruderholzspital notzuschlachten, löste er im Baselbiet heftige Reaktionen aus.
Ich möchte nichts verraten. Ich möchte die Plattform aber nutzen, um Gedanken grundsätzlicher Natur zur Politik anzubringen und nicht ein Thema wie Stadt und Land ins Zentrum zu stellen.

Im Gegensatz zu Goepfert polarisieren Sie nicht. Sind Sie wirklich ein so harmonischer, konsensorientierter Mensch oder agieren Sie bewusst zurückhaltend, um es sich im Hinblick auf eine Regierungskandidatur mit niemandem zu verscherzen?
Nein, nein. Ich bin seit jeher am Kompromiss interessiert. Ich bin überzeugt davon, dass der Weg zu einer guten politischen Lösung über eine gute Bündelung der verschiedenen Interessen läuft. Das bedeutet aber nicht, dass ich keine dezidierten Meinungen vertreten kann. Als Grossratspräsident ist es aber meine Aufgabe, in erster Linie eine vermittelnde Funktion wahrzunehmen. Ab Februar wird sich dies wieder ändern.

Im Gegensatz zu vielen anderen Grossräten sind Sie stets vornehm gekleidet. Fühlen Sie sich wohl im Parlament?
Ja. Es ist jedem Mitglied des Grossen Rats selbst überlassen, wie es sich anzieht. Im National- und Ständerat wird eine «schickliche Kleidung» verlangt. Das ist im Grossen Rat nicht der Fall. Als Präsident musste ich aber wegen der Bekleidung noch nie intervenieren. Das wäre nur nötig, wenn jemand im Träger-T-Shirt auftreten würde. Persönlich werde ich mich im Parlament aber nicht downdressen, um mich dem Durchschnitt anzupassen. Als Anwalt trage ich traditionell Anzug und Krawatte.

Der Vorteil: Sie müssen sich auch nicht updressen, wenn Sie für die Regierung kandidieren.
(lacht) Aus dieser Optik habe ich dieses Thema noch nie angeschaut.

Sie haben die Anspielung auf eine Regierungskandidatur wohl bewusst überhört.
Ich sage dazu immer das Gleiche: Christoph Eymann hat angekündigt, dass er im Herbst 2016 nicht mehr für eine weitere Legislaturperiode kandidiert. Und wenn sich bei meiner Partei die Frage stellt, wen sie nominieren soll, werde ich mir eine Kandidatur ernsthaft überlegen. Jetzt ist es noch zu früh dafür. Ich habe bei der Kanzlei Vischer einen tollen Job und sehe im Moment keinen Grund, an dieser Situation etwas zu ändern.

Liegt Ihre Zurückhaltung bei dieser Frage nicht auch daran, dass sich Ihre Stellung bei Ihrem Arbeitgeber verschlechtern würde, wenn Sie Ihre Regierungsambitionen bereits heute anmelden würden?
Noch einmal: Es besteht kein Grund, jetzt schon etwas zu entscheiden. Und mein Job macht mir grossen Spass. Das ist keine taktische Aussage. Bitte glauben Sie mir das.

Sie haben ein bekanntes politisches Vorbild.
Auf wen sprechen Sie an?

Nelson Mandela.
Es wäre vermessen, von einem Vorbild zu sprechen. Nelson Mandela ist aber seit meiner Kindheit präsent. Mein Grossvater hat mir von ihm erzählt, da er ihn als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz im Gefängnis von Robben Island besuchen konnte. Mandelas Tapferkeit hat mich schon immer fasziniert.

Werden Sie beim geplanten Club de Bâle dabei sein?
Ich finde es grundsätzlich positiv, wenn Private in Basel etwas aufbauen möchten. Ich habe Mühe damit, wenn man nun von vornherein darüber schnödet.

Sie sind also dabei?
Nein, die Mitgliedschaft übersteigt meine finanziellen Verhältnisse.

Sie kostet jährlich 12 000 Franken.
Das ist mir schlicht zu teuer.

Ihr Vorgänger Daniel Goepfert hat sich über die vielen Lachsbrötchen an den unzähligen Anlässen beklagt, an denen er als Grossratspräsident dabei sein musste. Was werden Sie am wenigsten vermissen?
Ich habe keinen Überdruss. Ich geniesse die Repräsentationsverpflichtungen. Ich schaue aber, dass ich nicht zu viel esse und zu viel Alkohol trinke. Dann geht es sehr gut.

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