Der ehemalige Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, fühlt sich von Papst Franziskus getragen. Bei der Präsentation seines Buches «Heute im Blick» sagte er Mitte November laut «Limmattaler Zeitung»: «In der Kirche ist vieles verstaubt. Das Buch ist eine Ermutigung, zusammen mit Papst Franziskus abzustauben.»

Abzustauben wäre in den Augen von Werlen zweifellos die sehr konservative Leitung des Bistums Chur. Sie ist in ständigem Konflikt mit dem grossen liberalen Teil der Kirche. Der Churer Bischof Vitus Huonder sorgte etwa Ende 2013 für Schlagzeilen, als er in einem Hirtenbrief «mit heiligem Eifer gegen Homosexuelle» antrat, wie der «Tages-Anzeiger» notierte.

Das erstaunt: Auch Huonders Vertrauter Martin Grichting, Generalvikar des Bistums Chur, sieht sich vom aktuellen Papst Franziskus getragen. Er sieht sich wie auch den Papst als Vertreter der wahren Liberalen, wie er auf Anfrage klarmacht: «Papst Franziskus ist so liberal wie das Lehramt, wenn es um die gerechte bürgerliche Freiheit in politischen Fragen geht. Dagegen scheinen gewisse Kreise auch in der Kirche in der Schweiz diese Freiheit zu missachten und das Evangelium vor den Karren der eigenen parteipolitischen Präferenzen zu spannen.»

Wen er damit meint, ist in Grichtings «Streitschrift» nachzulesen, die er in der Zeitschrift «Schweizer Monat» veröffentlich hat: namentlich den Präsidenten der Schweizer Bischofskonferenz, Markus Büchel, Bischof von St. Gallen, und den ehemaligen Abt des Klosters Einsiedeln, Martin Werlen.

Büchel habe «der Banken- und Finanzwelt pauschal unterstellt, sie habe sich von den realen Bedürfnissen der Wirtschaft verabschiedet», kritisiert Grichting in seiner Schrift. Werlen hält er den (erfolglosen) Einsatz gegen die Liberalisierung der Tankstellenshop-Öffnungszeiten vor: Eine «kirchliche Hierarchie» habe sich «im Brustton der Überzeugung für die Beschränkung von Verkaufszeiten für Bratwürste engagiert», mokiert sich Grichting.

Grundsätzlich ist Grichting dagegen, dass sich die Kirchenhierarchie in die Politik einmischt – ausser dort, «wo zentrale Inhalte der Glaubenslehre oder die Menschenwürde unmittelbar zur Debatte stehen». Das seien etwa Fragen des Rechts auf Leben oder die Bioethik, da werde die «amtliche Verkündigung automatisch politisch».

Nur: Greift Grichting damit nicht direkt den sehr politischen Papst Franziskus an? Dieser hatte etwa Ende November in Strassburg vor dem EU-Parlament und dem Europarat einen eindringlichen Appell an Europa gerichtet, wieder den Menschen ins Zentrum zu stellen und nicht wirtschaftliche und technische Fragen. Namentlich wandte er sich auch gegen Diskriminierungen jeder Art.

Und der Papst äusserte sich unter anderem zu den Arbeitsbedingungen. «Es ist Zeit, die Beschäftigungspolitik zu fördern, vor allem aber ist es notwendig, der Arbeit wieder Würde zu verleihen, indem man auch angemessene Bedingungen für ihre Ausübung gewährleistet.» Durch die Arbeit müsse die Möglichkeit garantiert werden, «eine Familie aufzubauen und die Kinder zu erziehen».

Man kann das als konkreten Appell für ein existenzsicherndes Grundeinkommen lesen, als Aufforderung, Familie und Beruf vereinbar zu machen.
Aber genau solch konkrete Einmischung scheint Grichting in seiner Streitschrift zu beanstanden. Immer wieder würden «mit modisch-sozialistischer Schlagseite politische und wirtschaftliche Sachfragen im Namen Gottes beantwortet», erklärt er.

Doch Generalvikar Grichting sieht sich «ganz bei Papst Franziskus», wie er auf Anfrage festhält. «Wenn er über Menschenrechte, Flüchtlinge, Menschenhandel, Zwangsarbeit oder Familienpolitik spricht, betont er zu Recht den Vorrang der Menschenwürde vor nationalistischen oder ideologischen Interessen. Auch globale Wirtschaftsakteure, welche die Menschenwürde missachten, werden vom Papst kritisiert.»

Wer ist näher beim Papst, Grichting oder Büchel und Wehrlen? Für Grichting-Kritiker ist der Fall klar. Wie der Papst habe auch der Präsident der Bischofskonferenz Wirtschaftsakteure kritisiert. Aber diesem gestehe Grichting diese Freiheit nicht zu. Und kritisiere so auch den Papst. Und: Der ehemalige Abt Werlen habe sich bloss für den Schutz des Sonntags eingesetzt. Und damit für eines der zehn Gebote. Auch da liege Grichting also daneben.

Grichting jedoch hält daran fest, er setze sich für die Lehre ein, wie sie auch der letzte und der jetzige Papst vertreten.

Ist das so? Eine Antwort könnte Franziskus bald selbst geben. Grichting gilt als möglicher Nachfolger von Bischof Huonder oder Chef eines allfälligen Bistums Zürich. Da kann der Heilige Vater ein Zeichen setzen.

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