Frau Del Ponte, Sie sind seit 2012 UNO-Sonderermittlerin für Syrien. Nun wurde Ihr Mandat um ein Jahr verlängert. Hätten Sie gedacht, dass Sie heute immer noch ermitteln würden?
Carla Del Ponte: Nein. Als ich damals zusagte, war das Mandat der Syrien-Kommission auf ein halbes Jahr begrenzt. Das kam mir gelegen, weil ich ja eigentlich pensioniert bin. Doch nun sind daraus doch bald zwei Jahre geworden, und wir machen jetzt nochmals ein Jahr weiter.

Sie waren Chefanklägerin für Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien und für den Völkermord in Ruanda. Was ist in Syrien anders?
Die Kinder, die als Kämpfer in den Krieg hineingezogen werden. Ich habe Spitäler in Jordanien und in der Türkei besucht. Dort liegen Kinder im Alter von 12 und 13 Jahren, denen Arme und Beine amputiert wurden. So etwas habe ich nie zuvor gesehen. Das ist grausam.

Ist das Ihr prägendster Eindruck des Konflikts?
Es gibt noch einen zweiten Eindruck: die systematische Folter, die in diesem Krieg begangen wird. Sie geht von beiden Seiten aus, von der Regierung wie von den Rebellen. Besonders in den Gefängnissen werden Menschen systematisch gefoltert, viele sterben daran.

Wird der Konflikt immer brutaler?
Ja, das haben wir in unseren Berichten festgestellt. Die Täter auf beiden Seiten sehen, dass sie ungestraft vorgehen können. Sie meinen, ihr Handeln hätte keine Konsequenzen. Das steigert die Gewalt, und das macht mich betroffen.

Welche Seite verübt die schlimmsten Verbrechen?
Im Gegensatz zu den Truppen der Regierung haben die Rebellen keine Kampfflugzeuge und Helikopter, mit denen sie Bombardements aus der Luft verüben können. Doch was die Qualität der Verbrechen betrifft, gibt es keinen Unterschied. Beide Seiten gehen skrupellos vor, der Schutz der Zivilpersonen kümmert sie nicht. Im Gegenteil: Dörfer und Städte werden belagert, und ihre Einwohner sterben an Hunger, weil die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser nicht mehr funktioniert. Es sind skandalöse Zustände.

Was löst das in Ihnen aus?
Es macht mich wütend und traurig. Dieser Krieg tobt nun schon vier Jahre, und die internationale Gemeinschaft hat noch keinen Schritt gemacht, um Gerechtigkeit für die Opfer zu schaffen.

Zu Beginn des Konflikts waren die Sympathien im Westen geteilt: Rebellen kämpften gegen ein diktatorisches Regime. Haben wir angesichts der Gräueltaten auf beiden Seiten zu früh Partei ergriffen?
Es war anfangs eine durchaus demokratische, legitime Opposition. Was danach passierte, ist tragisch. Die vielen ausländischen Kämpfer, die ins Land strömten, haben die Lage verändert. Nun bekämpfen sich die Rebellen teilweise gegenseitig. Religiöse Sekten und Fundamentalisten gewinnen an Einfluss. Es hat sich schlecht entwickelt, und man sieht kein Ende.

Wie gross ist bei den Rebellen der Anteil der Dschihadisten?
Die Zahl der Extremisten und Islamisten ist klar gewachsen. Es gibt immer mehr solche Gruppen, und sie sind grösser geworden. Das haben wir auch in unseren Berichten festgestellt.

Noch immer erlaubt es Assads Regime der Kommission nicht, vor Ort zu ermitteln. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Es bleibt ein grosses Problem. Wir tragen zwar laufend Beweise zusammen, aber wir sollten die Möglichkeit haben, vor Ort und Stelle zu ermitteln. Die Regierung in Syrien will das aber nach wie vor nicht. Sie hat mich zwar wiederholt eingeladen, aber stets nur in persönlicher Kapazität. Wenn ich aber nach Syrien gehe, dann als Mitglied der Kommission.

Wie oft waren Sie in den Nachbarstaaten?
Wir waren etliche Male im Libanon, in Jordanien, in der Türkei und im Irak. Wir haben mehrere Teams vor Ort, welche die Menschen befragen, die aus Syrien geflüchtet sind. Das ist wichtig, um die Verbrechen zu dokumentieren und Beweise zu sammeln. Aber noch wichtiger ist es jetzt, die politischen und militärischen Verantwortungsträger hinter den Verbrechen zu bestimmen. Auch das ist Teil unseres Mandats.

Sie führen eine Liste von Verdächtigen, die Sie aber nicht öffentlich machen.
Wir sind keine Justizbehörde, auch in diesem Konflikt gilt die Unschuldsvermutung. Die Liste wird in einem Koffer bei der Hochkommissarin für Menschenrechte in Genf aufbewahrt. Wir warten, bis wir sie einem Ankläger übergeben können.

Die internationale Gemeinschaft wirkt in diesem Konflikt hilflos wie selten.
Ja, das ist auch mein Eindruck. Und das nach all den Erfahrungen, die wir in Ex-Jugoslawien, Ruanda, Osttimor und Sierra Leone gemacht haben. Ich frage mich, warum das so sein muss, und ich habe darauf keine Antwort.

Stellen Sie sich nie die Frage, ob Ihre Arbeit Sinn macht?
Nein. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir irgendwann für Gerechtigkeit sorgen können. Aber an jedem Tag, der vergeht, werden Hunderte Zivilisten getötet. Es liegt am UNO-Sicherheitsrat, die Verbrechen in Syrien an den Internationalen Strafgerichtshof zu überweisen. Doch der Sicherheitsrat unternimmt nichts.

Dort hat Russland, der Verbündete Assads, ein Vetorecht. Sie fordern deshalb ein Sondertribunal für Syrien ausserhalb des Strafgerichtshofs.
Man muss der Realität ins Auge schauen: Zwei Verhandlungsrunden in Genf haben keinen Frieden gebracht. Jetzt ist der Moment für die Justiz gekommen. In Jugoslawien wurde ein Tribunal zusammengestellt, als der Krieg noch in vollem Gange war. In Ruanda hat man es immerhin bereits wenige Wochen nach dem Völkermord an den Tutsi zustande gebracht. Jetzt braucht es ein spezielles Syrien-Tribunal.

Wären Sie gerne nochmals Klägerin?
Die Syrien-Kommission hat sehr gute Arbeit geleistet. Wir haben etliche Beweise für Verbrechen gesammelt, es liegen uns Zehntausende Bilder, Zeugenaussagen und Dokumente vor. Jemand sollte nun den Ball aufnehmen und eine Anklageschrift verfassen, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Diese Anklage muss aber nicht ich machen, es gibt jüngere Leute, die das tun könnten.

Aber Sie würden zur Verfügung stehen, wenn man Sie fragte?
Wenn es sein muss, sicher. Ich habe grosse Erfahrung in diesem Bereich. Aber ich hoffe trotzdem, dass es andere machen würden.

Sie sind pensioniert. Wie viel Zeit wenden Sie für Syrien auf?
Ich dachte anfangs, es würde ein Halbtagesjob! Aber nur schon das Lesen der Berichte und Zeugenaussagen sowie der ständige Austausch mit den anderen Kommissären braucht viel Zeit. Wir treffen uns auch regelmässig in Genf. Hinzu kommen die Missionen vor Ort. Ja, es ist viel Arbeit.

Sie könnten den Ruhestand geniessen. Was treibt Sie an?
Ich war Staatsanwältin, Bundesanwältin und Chefanklägerin, und meine Motivation ist die gleiche geblieben: Ich will den Opfern zu Gerechtigkeit verhelfen. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass Gerechtigkeit das Leid der Opfer mildert. Und es ist auch ein Dank an die Schweiz, die mich während meiner Zeit als Chefanklägerin in Den Haag stark unterstützt hat.

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