VON SANDRO BROTZ

Der Schlüsselsatz stammt von zwei ehrenwerten Herren, deren Unabhängigkeit ausser Frage steht. Bernard Bertossa und Andreas J. Keller haben als Bundesstrafrichter den Einsatz von jenem Mann untersucht, der behauptete, der Zürcher Bankier Oskar Holenweger sei ein Drogengeldwäscher: José Manuel Ramos, Doppelagent und verurteilter kolumbianischer Drogenboss. Ramos entwickelt sich für Bundesanwalt Erwin Beyeler – ehemals Chef der Bundeskriminalpolizei (BKP) – zu einer gefährlichen Zeitbombe im Amt. In dem Aufsichtsbericht von Bertossa/Keller, der dem «Sonntag» vorliegt, heisst es wörtlich: «Nachdem der Chef BKP ein entsprechendes Interesse signalisiert hatte, fanden zwischen dem Bundesanwalt und der BKP Gespräche statt, welche zur Ausarbeitung eines detaillierten Konzepts für den Empfang des Informanten führten mit dem Hauptziel, die Struktur des kolumbianischen Drogenkartells in der Schweiz aufzudecken und in der Schweiz angelegte Gewinne zu beschlagnahmen.»

Im Klartext: Als Chef BKP hat Beyeler sein Interesse für eine Zusammenarbeit mit Ramos signalisiert. Damit hat er die Affäre Holenweger mit ausgelöst, die sich zunehmend zu einem Justizskandal entwickelt. Der Anklagepunkt der Drogengeldwäscherei gegen den Privatbankier fiel bereits in sich zusammen und der Einsatz des US-Agenten wurde zu einem einzigen Desaster. Doch Beyelers Erinnerungsvermögen scheint getrübt:

6. Mai 2010, Pressekonferenz zur Anklageerhebung im Fall Holenweger: «An der Verpflichtung von Herrn Ramos war ich überhaupt nicht beteiligt.»

22. Mai 2010, Interview im «Blick»: «Ich habe nicht gelogen! Am Einsatz von Ramos war ich nicht beteiligt.»

Fakt ist: Bereits im ersten Quartal 2001 verhandelte der damalige Bundesanwalt Valentin Roschacher mit dem Anwalt von Ramos über eine Zusammenarbeit. Beyeler war spätestens ab Mitte 2002 in den Entscheidungsprozess involviert, wie von mehreren Quellen bestätigt wird. An einer GPK-Sitzung vom Oktober 2006 sagte Bundesstrafrichter Keller laut Recherchen des «Sonntags» zur Rolle von Ramos: «Der damalige Chef der BKP, Herr Beyeler, war mit einer näheren Prüfung des Falles einverstanden. Die BKP gab grünes Licht und zwei Beamte reisten in die USA und trafen, zusammen mit dem dortigen schweizerischen Kontaktbeamten, u.a. den Führungsoffizier von Ramos und dessen Chef.»

Ohne die Bundeskriminalpolizei wäre Ramos nicht in die Schweiz gekommen. Die Verantwortlichkeiten lagen bei Beyelers Truppe. Hätte er bei der Überprüfung von Ramos sein Veto eingelegt, wäre es Roschacher wohl unmöglich gewesen, den Agenten in die Schweiz zu holen.

BundesanwalT Beyeler muss am Prozess gegen Holenweger vor dem Bundesstrafgericht in Locarno jederzeit damit rechnen, dass Dokumente auftauchen, die für ihn heikel werden. Doch Beyeler weist gegenüber dem «Sonntag» vehement darauf hin, dass der Entschluss, Ramos in die Schweiz zu holen, sein Nachfolger und Bundesanwalt Roschacher gemeinsam Ende Oktober 2002 gefällt hätten. Zu diesem Zeitpunkt war Beyeler bereits in seinem neuen Job als Erster Staatsanwalt in St. Gallen tätig. Auf mehrmaliges Nachfragen räumt er aber ein, er habe «in der Phase der Vorabklärungen eine Anfrage des BA beantwortet». Beyeler hat diese Anfrage von Bundesanwalt Roschacher positiv beantwortet und gab damit grünes Licht für die Jagd auf Privatbankier Holenweger. Ausser einem Spesenberg von 15 Millionen Franken (exklusiv im «Sonntag») und einem Bundesanwalt Beyeler in der Ramos-Falle, ist bis jetzt nicht viel dabei herausgekommen.

Beyeler wittert jedoch eine Medien-Kampagne und erachtet die Vorwürfe, nicht die Wahrheit gesagt zu haben, als ungerechtfertigt. Auch wenn Dokumente und Protokolle der Bundesstrafrichter und der GPK ein anderes Bild vermitteln, behauptet er unbeirrt: «An der Einsetzung des Informanten war ich nicht beteiligt» (siehe Interview).
Sein Vorgänger Roschacher, der den Ramos-Deal mit Beyeler einfädelte, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Er zimmert an seiner zweiten Karriere und weilt zu Malstudien in den Bergen.

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