Der Auftakt zum Countdown erfolgte im Dezember, an der A1. Im Restaurant Grauholz trafen sich drei Personen konspirativ: Werner Salzmann (SVP), Heinz Siegenthaler (BDP) und Pierre-Yves Grivel (FDP), die Präsidenten der drei grössten bürgerlichen Kantonalparteien Berns. Inhalt des Treffens: Wollen und können die Bürgerlichen im Frühling 2014 die rotgrüne Mehrheit in der Regierung kippen? Und wenn ja: wie?

Es war Salzmann, der nur 14 Tage nach seiner eher überraschenden Wahl zum Präsidenten der SVP des Kantons Bern Kontakt aufnahm mit den Präsidenten von BDP, FDP und EDU. Noch ohne EDU trafen sich drei Präsidenten in der Folge im «Grauholz». «Wir diskutierten frei», erinnert sich Salzmann. «Und wir waren uns rasch einig: Es muss etwas ändern im Kanton Bern.»

Die Vorbereitungen zur Attacke auf die rot-grüne Mehrheit in der Berner Regierung sind inzwischen weit gediehen. Einmal pro Monat trafen sich die Präsidenten. Mit von der Partie ist nun auch Peter Bonsack, Präsident der EDU des Kantons Bern. Die vier Präsidenten haben bereits eine gegenseitige schriftliche Unterstützungserklärung unterschrieben: «Dass wir einen gemeinsamen Wahlkampf mit gemeinsamer Werbung machen», wie es BDP-Präsident Siegenthaler formuliert.

Recherchen zeigen: Die Erklärung enthält auch die Namen der vier Kandidaten, mit denen die Koalition die Mehrheit im siebenköpfigen Regierungsrat erobern will: Hans-Jürg Käser (FDP, bisher), Christoph Neuhaus (SVP, bisher), Beatrice Simon (BDP, bisher) und Manfred Bühler (SVP, Jura, neu). Klar ist: Mit dem Jurassier Bühler erfolgt der Angriff auf den garantierten Jura-Sitz, den seit 2006 Philippe Perrenoud (SP) innehält.

Am Freitag vor einer Woche wählte die Koalition nach einer Präsentation von vier Agenturen jene aus, welche die Kampagne für 2014 ausarbeiten soll: Es ist die Farner Consulting AG, wie zwei Präsidenten bestätigen. Die bürgerlichen Parteien im Kanton Bern haben damit ihre Bemühungen für eine neue Mehrheit weiter getrieben als überall sonst in der Schweiz. Doch sie sind nicht allein. Auch in den Städten Zürich und Winterthur koordinieren sich die Bürgerlichen für das deckungsgleiche Ziel: rot-grüne Regierungsmehrheiten zurückzuerobern. In leicht anderer Zusammensetzung als im Kanton Bern. In der Stadt Zürich wollen SVP, FDP und CVP die seit 1990 dauernde rot-grüne Dominaz brechen. Heute stellen die Bürgerlichen in Zürich noch gerade zwei von neun Stadträten. Und in Winterthur sind es ebenfalls SVP, FDP und CVP, die den Aufstand proben gegen die seit 2002 existierende rot-grüne Mehrheit. Immerhin ist hier das Verhältnis weniger krass als in Zürich: Der siebenköpfige Stadtrat umfasst vier rot-grüne und drei bürgerliche Mitglieder.

Bereits zweimal haben sich in der Stadt Zürich SVP, FDP und CVP getroffen, um die Erneuerungswahlen vom 9. Februar 2014 zu besprechen. «Wir haben die Gespräche nach den Ersatzwahlen initiiert», sagt Roger Liebi, Präsident der SVP Stadt Zürich. «Wir wollen so angreifen, dass wir im Stadtrat die Mehrheit erhalten. Und will man die Mehrheit, muss man auch das Präsidium wollen.»
Als Alternative zu SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch hat sich FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger in Position geschoben. Im Interview (S. 9) zeigt er erstmals auf, mit welchen Themen er als Stapi-Gegenkandidat in den Wahlkampf ziehen würde: Wohnungsnot, Kinderkrippen, Kinderhorte und Schule generell. «Zürich ist eine wunderbare Stadt», sagt er. «Aber Zürich lebt über seine Verhältnisse. Das wird sich schon in wenigen Jahren zeigen.»

Er fordert eine Aufgabenüberprüfung. «Rot-grüne Städte haben ein höheres Ausgabenwachstum und setzen auf Umverteilung», sagt er. Deshalb brauche es jetzt eine «nachhaltige Aufgabenüberprüfung», damit die Finanzen nicht aus dem Ruder liefen. «Dazu braucht es zu Rot-grün eine bürgerliche Korrektur, die Mitverantwortung übernimmt.» Leutenegger wird seine Vorstellungen den Delegierten der FDP der Stadt Zürich am Dienstag an einem Hearing im Holiday Inn präsentieren. «Man kann davon ausgehen, dass wir eine Kandidatur Leuteneggers wohlwollend prüfen würden», sagt SVP-Präsident Liebi. Er bezeichnet Leuteneggers politische Arbeit als «durchaus vorbildlich etwa im Sozial- und Bildungsbereich». Zudem habe Leutenegger auch seine Häuser energetisch saniert. Doch Liebi lässt durchblicken, dass auch die SVP noch immer mit einer Kandidatur liebäugelt. «Weshalb sollte nicht die grösste bürgerliche Partei den Stapi stellen?», fragt er rhetorisch. «Wir hätten auch solche Leute.» Man wolle sich aber nicht gegenseitig angreifen.

In Winterthur war es SVP-Nationalrat Jürg Stahl, der die bürgerliche Koalition ins Rollen brachte. Er, der vierzig Jahre lang in Winterthur wohnte, lebt nun in einem Nachbardorf. Damit ist er kein Kandidat mehr für ein Amt in Winterthur. Es gelang ihm, in der Stadt SVP, FDP und CVP an einen Tisch zu bringen. Weil er als unbefangen taxiert wurde. «Es geht darum, nach zwölf Jahren wieder eine bürgerliche Mehrheit im Stadtrat zu bekommen», sagt er. Dies hatten die Bürgerlichen mehrfach versucht, scheiterten aber stets. Deshalb habe er früh das Gespräch gesucht, sagt Stahl: «Wir wollten alles schon während der Legislatur vorbereiten.»

Klar ist auch, mit wem die bürgerliche Koalition am 9. Februar 2014 diese Mehrheit erringen will: mit SVP-Gemeinderat Josef Lisibach, einem Kantonspolizisten, der im letzten Amtsjahr als Präsident des Gemeinderats höchster Winterthurer war. Die SVP Winterthur hat ihn Mitte Juni nominiert. Nun gehe es für die Bürgerlichen darum, sagt Stahl, «dass wir den Konsens zu pflegen und den Dissenz zu akzeptieren versuchen».

Die bürgerlichen Angriffe im Kanton Bern und in den Städten Zürich und Winterthur haben einen gemeinsamen Nenner: Die Wirtschaft übt in allen drei Fällen Druck aus. «Schon 2010 äusserte sie den Wunsch, dass die Bürgerlichen die Wahlen gemeinsam bestreiten - und die Kandidaten unterstützten dies», sagt Adrian Haas, Direktor des Berner Handels- und Industrievereins (HIV). «Die Basis lief aber nicht mit.» Diesmal ist er zuversichtlich, dass die Koalition nicht auseinanderbricht: «Ich denke, sie wird halten, da die Bereitschaft von allen ausdrücklich geäussert wurde.» In Zürich traf sich die bürgerliche Koalition bereits zweimal mit dem Forum Zürich, einer Plattform für kantonale und städtische Wirtschaftsverbände. «Gegenüber den letzten Jahren gibt es einen gewaltigen Wandel», hat SVP-Präsident Liebi festgestellt. «Die Wirtschaftsverbände und die Unternehmen haben ein sehr hohes Interesse an einer bürgerlichen Mehrheit. Sie haben Angst um den Standort Zürich.» Rotgrün habe inzwischen eine «Gierkurve wie an der Börse», sagt Liebi. «Die Beschränkungen und Regulierungen wurden zu viel.» Auch in Winterthur hätten Gewerbeverband und Wirtschaftsverbände «auf eine Koalition für eine Mehrheit im Stadtrat hingearbeitet», sagt Stahl.

Die Ereignisse der letzten zwei Jahre waren es, die Im Kanton Bern die Stimmung zum Kippen brachten. «Bis 2010 spielte die Konjunktur Rotgrün in die Hände», sagt ein Insider. «Doch es kehrte und die strukturellen Defizite zeigen, dass wir uns eine rotgrüne Regierung nicht mehr leisten können.» Das Gesetz zur Spitalversorgung und die Angebots- und Strukturüberprüfung (ASP 2014) haben auch in der Regierung selbst zu einem gereizten Klima zwischen bürgerlichen und rotgrünen Magistraten geführt. Aus der ursprünglich konstruktiven Zusammenarbei sei inzwischen eine «knallharte rotgrüne Machtpolitik» geworden, sagt ein Insider. Dass etwa der Kulturbereich, der Regierungsrat Bernhard Pulver (Grüne) unterstellt ist, von Sparmassnahmen ganz verschont blieb, kommt selbst in der Regierung nicht gut an. Und die Zusammenarbeit zwischen Regierung und Parlament funktioniere «gar nicht gut», urteilt BDP-Präsident Siegenthaler. «Das bürgerliche Parlament macht Vorstösse, aber die rotgrüne Regierung macht doch, was sie will. So können wir nicht weiterfahren.»

Von «Arroganz» sprechen Bürgerliche inzwischen im Zusammenhang mit der SP. Einerseits gebärde sich SP-Regierungsrätin Barbara Egger wie eine Diva und SP-Regierungsrat Andreas Rickenbacher rede permanent in den Finanzbereich hinein. Andererseits sei die SP mit drei Regierungsräten bei nur 18,9 Wählerprozenten «völlig übervertreten», wie es BDP-Präsident Heinz Siegenthaler formuliert. Die «Arroganz der SP» soll, wie es ein Insider formuliert, im Wahlkampf offensiv thematisiert werden.

«Uns ist es sehr ernst», sagt SVP-Präsident Salzmann. «Die grobe Richtung ist klar definiert. Offen sind nur noch Details.» Dass SVP und BDP nach den Schlammschlachten der letzten Jahre plötzlich wieder zusammenarbeiten können, hängt vor allem mit einem zusammen: Sowohl die Präsidenten von SVP, BDP und FDP sind neu im Amt. «Mit Salzmann wurde ein Neuanfang möglich», sagt BDP-Präsident Siegenthaler. Salzmann selbst betont noch etwas: «Die Zeit ist reif für einen Wechsel.»

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