Als der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano das Tessin besuchte, blühte Manuele Bertoli auf. Eigentlich mag er Repräsentationspflichten nicht besonders. Natürlich sei er geehrt, «meinen Kanton zu repräsentieren», betont der SP-Regierungspräsident. Dossiers zu bearbeiten, sein Departement zu gestalten, politische Diskussionen zu führen gefällt ihm aber besser. «Glamour ist nicht mein Ding.»

Für einmal aber machte ihm der Glamour Spass. Es sprudelt nur so heraus aus ihm. «Für mich war dieses Gespräch keine repräsentative Aufgabe», sagt er. Zu viel hält er von Giorgio Napolitano. Es sei eine Gelegenheit gewesen, beim Essen jemanden zu sprechen, den man sonst nicht sprechen könne.

Bertoli holt aus. Er will Italiens Linke und ihre Bedeutung für die Schweiz erklären. «Ich kenne Herrn Napolitano ziemlich gut. Er kam von der kommunistischen Partei», sagt er. «Für die Tessiner Linke ist nicht die SP die Referenzpartei, sondern die kommunistische Partei.» Die italienischen Kommunisten seien «keine Moskau-Treuen» gewesen. Bertoli: «Sie hatten mit Moskau seit langem gebrochen.» Dass Napolitano mit seinen 88 Jahren – inzwischen ist er 89 Jahre alt – gezwungen war, nochmals als Präsident zu kandidieren, obwohl er das nicht wollte, ringt Bertoli Respekt ab. «Unglaublich», sagt er. «Eine Persönlichkeit.» Überhaupt sei Italien «formidabel», habe unerhörte Geschichten und Persönlichkeiten zu bieten.

Als die «Schweiz am Sonntag» Bertoli für einen Termin anfragt, meldet er sich trotz Ferien umgehend per E-Mail. Gerne sei er zu einem Gespräch bereit, in seinem Haus in Losone. Oder in seinem Büro in Bellinzona. Wir lassen ihm die Wahl. Er entscheidet sich für Losone.
Sein Sohn (10) und seine Adoptivtochter (7) aus Äthiopien tollen mit einem gelben Smiley-Ball auf dem Rasen umher. Ein Übrigbleibsel der Fussball-WM. Sohn und Tochter verziehen sich aber ins Haus, sobald die Fotografin ihre Arbeit aufnimmt.

Manuele Bertoli ist der erste blinde Regierungsrat der Schweiz. Dass das in der Deutschschweiz praktisch niemand zur Kenntnis genommen hat, kommt ihm durchaus gelegen. «Natürlich gibt es eine symbolische Dimension meiner Blindheit, sagt er. «Sie ist wichtig und ich weiss, dass sie ihren Platz haben muss.» Übertreiben will er es aber nicht.

2011 habe ihn das Schweizer Fernsehen angefragt, ob er einverstanden sei, für den regionalisierten Swiss Award vorgeschlagen zu werden. Bertoli war es nicht. «Wenn ich schon jemals einen Preis erhalten sollte», sagt er, «dann am Ende meiner Karriere und nicht am Anfang.» Und er erwähnt als negatives Beispiel Barack Obama, den ersten schwarzen US-Präsidenten. Er habe gleich den Nobelpreis erhalten, «was ich ein wenig als Missbrauch der Symbolik empfinde».

Bertoli kam nicht blind auf die Welt. Doch schon im Kindesalter stellten sich Probleme mit dem Sehvermögen ein. In der Dämmerung und Dunkelheit war für ihn die Orientierung schwierig. Er wusste früh, dass seine Netzhauterkrankung eines Tages zur vollständigen Blindheit führen würde.

Davon liess sich Bertoli nicht aufhalten. Er war SP-Parteisekretär, arbeitete als Sekretär des Mieterverbandes, präsidierte die SP, war Fraktionschef.

Heute ist Bertoli Regierungspräsident. Man habe ihn im Tessin bereits gekannt, sagt er. Deshalb habe seine Blindheit bei der Wahl in den Staatsrat für keine Diskussionen gesorgt. «Es galt bereits als natürlich, dass ich ein blinder Politiker bin. Das finde ich gut.» Technische Hilfsmittel wie Computer-Sprachprogramme ermöglichen es Bertoli, Texte zu hören und zu bearbeiten. Briefe scannt er ein, lässt sie sich vom PC vorlesen. Auf seiner Homepage (www.vederepercredere.ch), die so viel bedeutet wie «Sehen ist Glauben», zeigt sich seine Lust an der politischen Debatte und an Abstimmungen.

Besonders auf dem Magen liegt ihm die Abstimmung vom 9. Februar. Die Schweiz müsse «die Öffnung gegenüber Europa unbedingt aufrechterhalten», findet er. Für ihn sind die Unternehmen, die für das Tessin nicht mehr von allgemeinem Interesse sind, die grosse Herausforderung. «Wir dürfen den Boden nicht verschwenden», sagt er. «Deshalb wollen wir keine Unternehmen mehr, die viel Boden benötigen und keinen erhöhten Wert schaffen.» Um diese Veränderung zu erreichen, sei die Öffnung sehr wichtig. In dieser Frage aber sei man sich in der Tessiner Regierung nicht einig, sagt Bertoli. Und lässt durchblicken, dass er als SP-Vertreter nicht immer einen leichten Stand hat.

Orientiert sich das Tessin mehr nach Zürich oder Mailand? «Das ist schwierig zu sagen», hält Bertoli fest. Das Tessin habe traditionellerweise eine Brückenfunktion. «Und eine Brücke muss sich auf beide Seiten ausrichten. Sonst fällt sie zusammen.»

Dann erzählt er, wie er und seine Frau ihre Tochter aus Äthiopien adoptiert haben. Er will das nicht über einen Helfer-Reflex erklärt haben. «Man adoptiert, um ein Kind zu haben», sagt er. «Umso besser, wenn man damit auch noch helfen kann.»

Die Adoption war mit vielen Hürden verbunden. 2007 kamen für ihn und seine Frau Thailand und Äthiopien infrage. «Wir entschieden uns für Äthiopien», erzählt er. In Thailand müssten Adoptiveltern damit rechnen, vor einer nationalen Kommission auszusagen. «Ich stellte mir vor, wie ich in Bangkok vor der Kommission erkläre, dass ich zwar blind bin, aber doch eine Tochter adoptieren kann.»

Nicht vor einer nationalen Kommission auftreten musste Bertoli bei Napolitanos Besuch im Tessin. Auch Bundespräsident Didier Burkhalter war dabei. Zum Scherzen aufgelegt, wie Bertoli erzählt. «Signore Presidente, Signore Presidente» habe es überall geheissen, sagte Burkhalter. «Doch man sprach nicht mit mir. Sondern mit Ihnen.»


Manuele Bertoli
Im Mai 2011 wählte die Tessiner Bevölkerung den beliebten SP-Vertreter Manuele Bertoli zum Regierungsrat. Er hat das Erziehungs-, Kultur- und Sportdepartement. Im Moment ist Bertoli Regierungspräsident. Geboren am 29. September 1961 in Balerna, war Bertoli 12 Jahre lang Kantonsrat und sieben Jahre Präsident der SP des Kantons Tessin. Nach dem Lehrerseminar hatte er trotz zunehmender Netzhauterkrankung Rechtswissenschaften in Genf studiert. Danach arbeitete er beim Mieterverband und bei der SP.

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