VON OTHMAR VON MATT

Als er von Fulvio Pellis Aussagen hörte, war Hans-Rudolf Merz verärgert. «Wir werden im nächsten November eine neue Lageanalyse machen. Dann sehen wir weiter», hatte der FDP-Präsident am 14.März im «Sonntag» gesagt – und damit die Tür für einen vorzeitigen Rücktritt des Finanzministers geöffnet. Seither grassieren die Spekulationen um einen Merz-Rücktritt.

Genauso verärgert reagierte Merz auf Aussagen von Nationalrätin Marianne Kleiner (FDP/AR). Es sei für «viele von unserer Fraktion» klar, dass «Merz die Legislatur nicht beendet», hatte sie in der «SonntagsZeitung» gesagt.

Sowohl Pelli wie Kleiner haben sich inzwischen beim Finanzminister entschuldigt. Pelli hat seine öffentliche Sprachregelung korrigiert. «Ich habe immer gesagt, Merz werde bis Ende der Legislatur im Amt bleiben», hielt er am Freitag in der «NZZ» fest.

Eine Sprachregelung, die neuerdings auch von Merz’ Umgebung offensiv vertreten wird. «Merz ist kerngesund, motiviert und hat noch einiges vor», sagt ein Vertrauter. Kommunikationschefin Tanja Kocher formuliert es deutlich: «Bundesrat Merz hat bestimmt einen Fahrplan im Kopf bis Ende Legislatur.»

Pellis vorübergehender Türöffner für einen frühzeitigen Merz-Rücktritt hat das Verhältnis zwischen dem Finanzminister und dem Parteipräsidenten aber spürbar abgekühlt. Merz verdrehe die Augen, sobald der Name Pelli falle, erzählt ein Vertrauter. Auf Rückenschüsse von vermeintlichen Freunden reagiert er besonders empfindlich.

Sie trafen den sensiblen Merz umso härter, als er sein Rezept gefunden zu haben schien, wie er mit der Medien-Dauerkritik seit seiner Libyen-Reise umgehen soll: indem er auf Distanz geht zu den Medien. Nachdem der «Blick» am 1. September 2009 Merz als «Mann ohne Gesicht» auf der Front gezeigt hatte, begann er, den «Blick» konsequent zu meiden. «Irgendwann letztes Jahr hat er beschlossen, den ‹Blick› nicht mehr zu lesen», bestätigt Kommunikationschefin Kocher. «Was erwarten Sie – dass er weiterhin jeden Tag die Rücktritt-Kampagne hätte verfolgen sollen?»

Vertraute erzählen, Merz’ Achtung vor dem Schweizer Journalismus sei generell gesunken. Zu uniform und zu indifferent sei er geworden. «Und wenn dann auch noch das letzte Lokalblatt Merz kritisiert, stumpft das ab.» Das Ganze stachle ihn aber auch an. Und der Finanzminister habe Schlussfolgerungen gezogen: «Er gibt nur noch sehr sehr dosiert Interviews.»

Wie zum Beispiel im Wirtschaftsmagazin «Eco» des Schweizer Fernsehens – weil es ihn als «besten Finanzminister Europas» würdigte, der 20 Milliarden Franken Schulden abgebaut hat. «Es ist wahr: Das Ergebnis wird zum Teil schwach wahrgenommen», sagte Merz.

Schlechte Nachrichten sollen von ihm ferngehalten werden. Insider im Generalsekretariat erzählen, der «Blick» werde versteckt, wenn Merz wieder hart angepackt werde. Damit er die Kritik nicht durch puren Zufall doch lese. Die wichtigen Informationen würden im engsten Kreis gehalten, offene und kritische Auseinandersetzungen seien nicht erwünscht. Die «Weltwoche» hatte im Artikel «Der Reigen der Schönfärberinnen» die Verantwortlichen dafür genannt: Generalsekretärin Elisabeth Meyerhans und Kommunikationschefin Tanja Kocher. Ein Insider: «Jedes Wort in diesem Artikel war korrekt.»

Auch Merz selbst war mit seiner Kommunikationschefin unzufrieden. Vertrauten erzählte er als Bundespräsident, eigentlich müsste er Kocher ersetzen – aber das könne er doch nicht tun. Als die Mittelland Zeitung die Kommunikation des Aussenministeriums als bedeutend wirksamer taxierte als die seines eigenen Departements, liess Merz den Zeitungsartikel von seiner Weibelin bestellen. Ein Insider: «Merz hat manchmal das Gefühl, seine Kommunikation müsse doch in der Lage sein, sein Image zu steuern.»

Kocher selbst wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, sie schotte Merz von aller Kritik ab. «Ich verstehe meine Rolle auch als jene des Hofnarrs», betont sie. Sie teile ihm kritische Aspekte mit, informiere ihn, wenn nötig, auch über wichtige Artikel im «Blick». Den Artikel über die EFD-Kommunikation habe sie Merz ins Büro gebracht. Und sie teile ihm auch persönliche Bedenken mit. Kocher: «Kritische Auseinandersetzungen zwischen Chefs und engen Mitarbeitern – ein ‹Challengen› auch – sind wichtig.»

Kocher glaubt sowieso, dass «inhaltlich fundierte und verständliche sowie sachlich korrekte Information» entscheidend sei. «Das ist auch das Credo meines Chefs. Auch das prägt auf lange Sicht ein Image. Entscheidend ist die Nachhaltigkeit.» Und die, glaubt Kocher, arbeite für Merz. Von ihm habe sich ein Bild verfestigt, «das sich langsam zu wenden beginnt».

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