Statt in Selbstkritik übte sich Beyeler letzte Woche in Selbstmitleid. Er habe «nie die Fehler gemacht», die man ihm vorgeworfen habe, sagte er in der SF-«Rundschau». Tags darauf doppelte der oberste Ankläger des Landes in der «Basler Zeitung» nach und meinte larmoyant: «Als Angegriffener fühlt man sich da wehrlos.»

Diese Aussage muss Oskar Holenweger wie Hohn vorkommen. Der Ex-Privatbankier erlebt seit acht Jahren, wie es ist, wenn man Beyelers Truppe ausgeliefert ist. Selbst mit dem Freispruch auf der ganzen Linie durch das Bundesstrafgericht im vergangenen April hat der Spuk kein Ende. Gemäss mehreren gut informierten Quellen bei der Bundesanwaltschaft (BA) ist der Weiterzug für Beyeler längst beschlossene Sache. Es gehe um «wichtige Fragen», die von «höchstem Interesse» seien, liess er intern verlauten.

Die gleiche Sprachregelung hatte schon der zuständige Ankläger Lienhard Ochsner im Hearing bei der Gerichtskommission verwendet. Das kostete ihm auch den Sprung an die Spitze der BA – seine Verbissenheit in Beyelers Namen kam bei den Parlamentariern nicht gut an.

Das hindert das Duo Beyeler/Ochsner keineswegs, eine Beschwerde ans höchste Gericht nach Lausanne vorzubereiten. Die Folge: Der Justizskandal verlängert sich auf Kosten des Steuerzahlers um weitere rund vier Jahre. Laut einer Aufstellung innerhalb der Bundesverwaltung hat allein die Untersuchung durch die über 200 involvierten Personen zu Lohnkosten in Höhe von 15 Millionen Franken geführt.

Offiziell wartet Beyeler das schriftliche Urteil ab. Es wird in den kommenden Tagen erwartet, wie Mascia Gregori Al-Barafi vom Bundesstrafgericht dem «Sonntag» bestätigt: «Die Redaktion des Urteils ist in der Schlussphase; es wird nach Genehmigung durch die drei Richter unverzüglich versandt.» Dann hat Beyeler 30 Tage Zeit, um die Beschwerde definitiv einzureichen. Dazu ist er entschlossen, wie die Quellen versichern. Selbst gegenüber der Aufsichtsbehörde hat er dies bereits durchblicken lassen.

Beyeler hinterlässt seinem Nachfolger damit kurz vor Ende einer erfolglosen Amtszeit, zu der auch die Schlappe im Dossier Hells Angels gehört, eine enorme Hypothek. Michael Lauber, der am 28. September vom Parlament gewählt werden soll, hat in der Angelegenheit keine Mitsprache. Es soll einen klaren Schnitt geben. Dazu gehört, dass Lauber vorab nicht in die heikle Frage eines Weiterzugs eingebunden wird. «Kein Kommentar», sagt BA-Sprecher Walpurga Bur zu den Recherchen.

Am Sitz der BA an der Taubenstrasse 16 in Bern mehren sich die Stimmen, dass ein Weiterzug dem erwünschten Neuanfang unter Lauber nicht hilft. «Es wäre für uns besser, darauf zu verzichten, sonst hört das nie auf», sagt ein Staatsanwalt. Ein anderer kritisiert, «dass Beyeler nur an sich selbst denkt und nicht daran, was er Lauber zurücklässt». Er sei «von Rachegefühlen geleitet».

Sein voraussichtlicher Nachfolger und jetziger Leiter der Finanzmarktaufsicht in Liechtenstein wollte sich nicht zu der schwierigen Ausgangslage äussern. Er hätte es in der Hand, nach Amtsantritt im Januar die Beschwerde wieder zurückzuziehen – so wie dies auch in den Fällen Swissair und Swissfirst (Thomas Matter) geschehen ist. Es wäre die letzte Möglichkeit für eine Notbremse, um die Liste der Verfehlungen im Holenweger-Verfahren nicht zu verlängern:

Falscher Anfangsverdacht der Drogengeldwäscherei.
Konstruierte Anklageschrift.
Rechtswidriger Einsatz von V-Mann Ramos.
Falsche Angaben zur Einleitung der Telefonüberwachung.
Gefälschter Polizei-Einsatzbericht.
Verweigerung der Aktenherausgabe.
Selbst verfasster Drohfax von Untersuchungsrichter Ernst Roduner.
Beyelers abgestrittene Verstrickung beim Ramos-Einsatz.
Inakzeptable Verfahrenslänge.

Beyelers Führungskurs hat in der BA einen nachhaltigen Schaden angerichtet. In seinem Bewerbungsschreiben kündigte Lauber an: «Ich möchte Ihnen versichern, dass ich diese Aufgabe mit Besonnenheit, dem nötigen Respekt vor der Institution, aber auch der Fähigkeit, Entscheidungen zu fällen und zu verantworten, wahrnehmen würde.» Fakt ist: Zieht er eine Beschwerde von Beyeler nicht zurück, wird der Fall Holenweger auch für den dritten Bundesanwalt in Folge zum Damoklesschwert.

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