Christian Lohr lebt 500 Meter vom Bahnhof Kreuzlingen entfernt, im ersten Stock einer Wohnsiedlung – unweit der Schule, die er als Kind besuchte. Von hierher reist der Nationalrat an die Parlamentssitzungen nach Bern. Fahrzeit mit den SBB: Gut zweieinhalb Stunden. Christian Lohr hat keine Arme – er reicht dem Interviewer in seiner unscheinbaren Wohnung zur Begrüssung den rechten Fuss.

Herr Lohr, Sie erledigen alles mit dem Fuss: Sie schreiben damit, halten die Gabel, nehmen das Telefon ab. Wie haben Sie das gelernt?
Christian Lohr: Das Leben hat mich das gelehrt. Ich kam ohne Arme und mit missgebildeten Beinen zur Welt, und da habe ich schon als Kind versucht, alles Mögliche mit dem rechten Fuss zu erledigen. So hat sich diese Fertigkeit entwickelt.

Sie benutzen wie selbstverständlich neue Kommunikationsmittel wie das iPad.
Die neuen Geräte sind ein Segen für mich. Zeitungen zu lesen und darin zu blättern, fällt mir auf dem iPad leichter als auf Papier. Und ich brauche es auch zum Mailen – vor allem, seit ich Nationalrat bin und schnell auf Anfragen reagieren muss.

Sie sind nicht nur Nationalrat, sondern auch Thurgauer Kantonsrat, Dozent an vier Hochschulen, Präsident von Behindertenorganisationen und Journalist. Wie um Himmels willen schaffen Sie das alles?
Ich schöpfe aus meinen Engagements die Kraft, von denen man vielleicht glaubt, dass ich sie dort verbrauche. Ich lebe gern und intensiv! Und ich lebe nicht in der Zukunft, sondern jetzt. Ich will mich einbringen, wo ich etwas bewirken kann. Dass ich so aktiv bin, ist für mich eine gute Möglichkeit, meine Behinderung anzunehmen. Gut, ich bin vielleicht etwas gar aktiv …

… hyperaktiv?
Nein, nein. Sonst würde ich dauernd Neues anfangen und umherjucken. Aber das ist nicht meine Sache, ich habe Ausdauer. Ich war 15 Jahre lang Präsident des Behindertensportverbands und 13 Jahre Gemeinderat in Kreuzlingen.

Würden Sie ohne zu zögern sagen: Mein Leben ist lebenswert?
Ja – mit drei Ausrufezeichen! Ich habe zwar Einschränkungen, aber viele von ihnen sind von aussen betrachtet einschneidender als für mich selbst. Manche Leute sagen: «Du bist im Rollstuhl und musst auf so vieles verzichten.» Was für eine einseitige Sicht! Der Sinn und der Wert des Lebens wurden mir im Laufe der Zeit immer mehr bewusst.

Worin liegt denn der Sinn?
Für mich besteht er darin, das Leben so anzunehmen, wie es ist, und daraus das Beste zu machen. Es steckt auch eine gewisse Demut dahinter: Die Einsicht, dass mir ein Leben geschenkt wurde, ein Leben mit einer Behinderung, aber gleichwohl ein Leben – und daraus etwas zu entwickeln. Viele Leute zerbrechen sich den Kopf darüber, weil sie einen Bauchansatz haben oder gern grösser wären. Diese Themen kenne ich nicht. Das sind doch komplette Nebensächlichkeiten. Aber es ist natürlich auch so: Ich bin privilegiert.

Wie meinen Sie das?
Ich habe riesiges Glück: Meine Familie – meine Eltern, mein vier Jahre älterer Bruder – und auch mein soziales Umfeld haben mich perfekt unterstützt. Klar muss man selber auch immer etwas dazu beitragen, und das habe ich getan. Ich sehe das Leben als eine Summe von Chancen, von denen ich viele nutzen möchte.

Hatten Sie auch schon schlimme Momente? Krisen, in denen Sie alles hinterfragt haben?
In den letzten 10 oder 15 Jahren nicht mehr. Davor gab es das schon: Wenn man als Kind realisiert, wie andere Kinder auf Bäume klettern, und ich nur zuschauen kann, dann ist das schon hart. Mein Bruder hat mich immer auf den Spielplatz mitgenommen – und das Wichtigste war für mich, dabei zu sein. Wenn andere Fussball spielten, war ich halt der Schiedsrichter. Heute habe ich längst aufgehört, dauernd über meine Behinderung zu grübeln. Irgendwann muss man mit sich ins Reine kommen und sich sagen: Da stehe ich.

Das ist einfacher gesagt als getan.
Ich trotze dem Leben nicht, sehe mich nicht in einem permanenten Kampf. Was hätte das auch für einen Sinn, daran herumzustudieren, dass es das Medikament Contergan war, das während der Schwangerschaft diese tragische Folge hatte? Mir ist einfach wichtig, dass diese Ursache nicht vergessen geht, und dass man auch heute nicht zu leichtgläubig ist gegenüber Pharmaprodukten.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Ja. Der Glaube ist ein wichtiges Fundament für mich.

Verliert man nicht den Glauben an Gott, wenn man behindert ist?
Das könnte sein. Bei mir war es anders. Ich sehe es so, dass ich von Gott eine Aufgabe erhalten habe, eine Lebensaufgabe: Zum Leben zu stehen, zu den Werten des Lebens zu stehen. Meine Behinderung ist nicht sinnlos.

Wegen des medizinischen Fortschritts kommen immer weniger behinderte Kinder zur Welt. Somit fallen diejenigen, die behindert sind, mehr auf. Fühlen Sie sich mehr und mehr als Exot?
Die Gefahr wächst, dass die Gesellschaft der Meinung ist: Behinderungen lassen sich vermeiden. Und dass man den Leuten ein schlechtes Gewissen einjagt, wenn sie sich dieser Vermeidung widersetzen. Sehr problematisch finde ich, dass heute eine Art «Recht auf Leben ohne Behinderung» eingefordert wird, und dass man nicht akzeptiert, dass auch ein Leben mit Behinderung absolut lebenswert sein kann.

In der Schweiz wird in zehn Tagen ein Bluttest eingeführt, mit dem das Down-Syndrom bei ungeborenen Kindern erkannt werden kann. Was halten Sie davon?
Ich habe starke Vorbehalte. Frauen werden unter gewaltigem Druck stehen, diesen Test zu machen – und dann, wenn das Resultat anzeigt, dass ihr Kind behindert sein könnte, das Kind nicht auf die Welt zu bringen. Noch heikler wird es, wenn sich die Krankenkassen einmischen: Was ist, wenn eine Frau den Test nicht machen will – und dann ein behindertes Kind geboren wird? Zahlt dann die Krankenkasse nicht? Bei dieser Vorstellung schaudert es mich. Denn die Selektionierung der Lebenskriterien hat schon begonnen.

Woher kommt diese Entwicklung?
Sie zeigt sich etwa am Ruf nach dem Design-Baby: Ich will ein Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen und diesen oder jenen Charaktereigenschaften. Katalog-Kinder – dieser Gedanke ist für mich Wahnsinn.

Hat in unserer Leistungsgesellschaft «das Andere» keinen Platz mehr?
Alles muss genormt sein, effizient und nützlich. Als würde das nur auf die Menschen zutreffen, die so sind wie die meisten anderen. Spannend finde ich folgenden Widerspruch: Menschen, die uns am meisten beeindrucken, die stehen meistens ausserhalb der Norm. Sie sind anders als die meisten!

Schon heute kann das Down-Syndrom bei Ungeborenen mit einer Fruchtwasser-Untersuchung festgestellt werden, was Risiken mit sich bringt. 9 von 10 Frauen treiben ab, wenn sie erfahren, dass ihr Kind Trisomie haben könnte.
Eine wahnsinnige Zahl, die mir sehr zu denken gibt. Ich habe volles Verständnis für den Wunsch nach einem gesunden Kind, das ist klar. Und doch ist diese Zahl ein Zeichen dafür, wie Behinderte stigmatisiert werden. In der Politik spielen sie fast nur dann eine Rolle, wenn es um die Kosten der IV geht.

In einem parlamentarischen Vorstoss schreiben Sie: «Mit dem wachsenden Kostendruck im Gesundheitswesen und verbesserten Methoden und Untersuchungsmöglichkeiten steigt der Druck der Gesellschaft, dass immer mehr selektioniert wird. Und zwar am Anfang wie am Ende eines Lebens.» Was wollen Sie erreichen?
Erst einmal eine offene gesellschaftspolitische Diskussion anstossen. Ich akzeptiere nicht, dass diese verheerende Entwicklung schleichend ihren Lauf nimmt. Wo hört das auf? Der Mensch wird zum Produkt, das man auf Knopfdruck herstellt, ein- und ausschaltet.

Kann die Politik diese Entwicklung wirklich aufhalten?
Wir müssen es zumindest versuchen. Leider kennt die Schweiz bislang keine übergeordnete Behindertenpolitik. Ich möchte dazu beitragen, dass sich das ändert. Was heute passiert, ist alles Flickwerk. Hier eine isolierte IV-Revision, dort eine neue Verordnung . . .

Bei der IV will man die Missbräuche verhindern, und Sie haben selbst auch dafür gestimmt!
Ja, weil Missbräuche allen Behinderten schaden. Aber wenn es darum geht, Renten für Schwerbehinderte zu kürzen – und das will man leider in dieser Revision – dann sage ich: Stopp.

Davon müssen Sie aber erst noch Ihre Partei, die CVP, überzeugen.
Richtig. Aber nochmals, mir geht es jetzt nicht um diese oder jene Revision, sondern darum, dass wir eine Behindertenpolitik erhalten, die diesen Namen verdient. Einen entsprechenden Vorstoss werde ich demnächst einreichen. Ich fordere nicht mehr Rampen oder höhere Renten. Was es braucht, ist übergeordnetes Denken, sind Standards: Für Bildung, Mobilität, gesellschaftliche Fragen, Lebensformen und so weiter. Ich wünsche mir, dass die Schweiz international eine Pionierrolle einnimmt.

Wo erleben Sie selber, dass die Gesellschaft noch nicht so weit ist?
Es sind manchmal die kleinen Dinge. Wenn ich mit dem gelben Lift in den Zug eingeladen werde, und alle Leute stürmen vor mir noch rein, und keiner kommt auf die Idee, mal rasch zu warten: Dann sagt das schon etwas aus. Oder auch: Wenn im Jahr 2012 Architekten in Gebäuden völlig unnötige Stufen einbauen. Es sind diese Gedankenlosigkeiten, die mich ärgern.

Warum ist das Bewusstsein so wenig vorhanden?
Für die meisten Leute sind Behinderungen sehr weit weg. Die wenigsten sind sich bewusst, wie schnell sich das ändern kann. Ein Velosturz, ein Autounfall reicht. Haben Leute in der Verwandtschaft plötzlich einen Betroffenen, sehen sie vieles auf einmal ganz anders. Es gibt noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

Auch in Ihrer Partei und bei den anderen Bürgerlichen: Sie stehen Anliegen der Behinderten oft kritischer gegenüber als die Linken.
Ich fühle mich in der CVP getragen. Bei den Bürgerlichen hat sich einiges geändert, ist das Verständnis heute durchaus vorhanden. Klar, die Kostenfrage hat mehr Gewicht als bei den Linken. Aber mit mehr Ausgaben löst man die Probleme meist gar nicht. Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass der persönliche Assistenz-Beitrag, der ein grosser Fortschritt ist, am Ende Kosten sparen wird.

Sie sind kürzlich 50 geworden. Was haben Sie noch für Träume?
Die sind nicht unbedingt politischer Natur. Ich reise gern, war schon in China, Japan, Alaska, Amerika und Neuseeland – noch nie aber in Südamerika. Das möchte ich nachholen.

Sie waren Gemeinderat, sind Kantonsrat, nun Nationalrat. Da wäre doch der nächste Schritt Bundesrat . . .
Das ist für mich kein Thema.

Aber würden Sie sich das Bundesratsamt zutrauen?
Warum denn nicht, etwa wegen meiner Behinderung?

Träumen Sie von einer eigenen Familie?
Ich bin jetzt 50 und habe keine Familie. Wobei das nicht ganz stimmt: Meine Familie ist ganz gross, es sind die Menschen, mit denen zusammen ich mich engagiere. Ich bin alles andere als ein einsamer Mensch.

Christian Lohr kam am 5. April 1962 zur Welt. Er ist eines der letzten «Contergan-Kinder» . Der Skandal wurde 1962 aufgedeckt. Das seit 1957 millionenfach verkaufte Beruhigungsmedikament verursachte schwere Fehlbildungen bei Neugeborenen. Man schätzt heute, dass etwa 10000 geschädigte Kinder zur Welt kamen. Lohr wuchs in Kreuzlingen auf, besuchte dort die Volks- und Kantonsschule. An der Uni Konstanz studierte er ab 1983 Volkswirtschaftslehre. Heute arbeitet er als Journalist und als Dozent an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Seine politische Karriere startete Lohr 1999 im Gemeinderat der Stadt Kreuzlingen. Im Jahr 2000 wurde er in den Kantonsrat gewählt. Seit Dezember 2011 politisiert er im Nationalrat in der CVP-Fraktion.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!