Bisher herrschte ungetrübte Freude, wenn es hiess: Die Lebenserwartung der Schweizerinnen und Schweizer ist wieder einmal gestiegen. Künftig könnten solche Meldungen gleichzeitig und automatisch auch bedeuten: Wir müssen länger arbeiten.

Darauf jedenfalls läuft eine parlamentarische Initiative hinaus, welche die BDP diese Woche im Bundeshaus eingereicht hat. «Automatische Verknüpfung von Rentenalter und Lebenserwartung» heisst der Vorstoss, den Parteichef Martin Landolt (GL) deponiert hat.

Landolt sagt auch gleich, wie er das AHV-Alter festgesetzt haben will: «Das gesetzliche Rentenalter für Frauen und Männer beträgt 80 Prozent der durchschnittlichen Lebenserwartung von Frauen und Männern und wird periodisch angepasst», steht im Vorstoss. 80 Prozent der durchschnittlichen Lebenserwartung würden im Augenblick heissen: Rentenalter 66 für alle. Tendenz steigend. 1981 hätte das noch AHV-Alter 61 bedeutet.

2012 hatten Frauen bei Geburt eine Lebenserwartung von 84,7 Jahren, Männer eine solche von 80,5 Jahren. 80 Prozent des Durchschnitts macht 66 Jahre. Landolt will für Frauen und Männer das gleiche Rentenalter. Würde geschlechterweise verrentet, müssten Frauen bis 68 arbeiten, Männer bis 64.

Die «ökonomischen Fakten» gingen heute in emotionalen Debatten unter, meint Landolt. «Ein Automatismus würde die Debatten ums Rentenalter entpolitisieren.» Er möchte aber weiterhin «berufsspezifische und individuelle Flexibilisierungen möglich» machen.

Müssen wir bald alle automatisch länger arbeiten? Die politische Konkurrenz reagiert unterschiedlich. «Das AHV-Alter an die Lebenserwartung zu koppeln, ist eine Idee, die man prüfen muss», sagt Nationalrat Thomas Aeschi (SVP/ZG). «Damit können wir das Finanzierungsproblem der Renten automatisch und ohne Zusatzfinanzierung wie Mehrwertsteuer lösen und müssen nicht alle paar Jahre wieder über das gleiche Problem diskutieren.» Er will die Forderung in die SVP-Fraktion einbringen: «Das muss in die laufende Rentenreform einfliessen.» Also in die grosse Reform, die Sozialminister Alain Berset (SP) im November in die Vernehmlassung geschickt hat und danach ins Parlament kommt.

Nationalrätin Ruth Humbel (CVP/AG) dagegen sagt: «Ich bin eher skeptisch gegenüber der Idee, die Koppelung des Rentenalters an die Lebenserwartung in die laufende Revision einzubauen.» Die Sache sei komplex. Ein Problem sei, «dass es gewisse Berufsgruppen gibt – vor allem körperlich anspruchsvolle Berufe – deren Lebenserwartung tiefer ist als für andere. Auch für Ständerätin Karin Keller-Sutter (FDP/SG) ist zwar klar, dass angesichts unserer hohen Lebenserwartung «Lösungen jenseits von 65 gefunden werden müssen». Aber es brauche nicht Einzelinitiativen, sondern mehrheitsfähige Lösungen im Rahmen des Gesamtpakets. «Ich bin eher der Meinung, dass eine Flexibilisierung greifen muss, und zwar auch nach oben.» Und: «Ich bin damit eher auf der Linie von Alain Berset, der von einem Referenzrentenalter spricht.» Der Fraktionschef der Grünen, Balthasar Glättli (ZH), gibt dem Vorstoss wenig Kredit. Er könnte sich viel eher ein Modell mit Lebensarbeitszeit vorstellen.

Ein klares Nein kommt von Jacqueline Fehr (SP/ZH): «Die SP wird zusammen mit den Gewerkschaften eine Erhöhung des Rentenalters, gleich über welchen Weg und mit welcher Begründung, bekämpfen.» Und: «In einer Arbeitswelt, in der ältere Angestellte ständig damit rechnen müssen, entlassen zu werden, hat die Erhöhung des Rentenalters in einer Volksabstimmung keine Chance.»

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