VON KURT-EMIL MERKI, CHRISTOF MOSER

Ein umsichtiger Chefredaktor geht stets vom schlimmstmöglichen Szenario aus. Markus Somm ist umsichtig. Darum überliess er am Montag, als er der Redaktion der «Basler Zeitung» («BaZ») als neuer Chef vorgestellt wurde, nichts dem Schicksal. Er rechnete damit, dass die Redaktion auf seine Ernennung mit einem Proteststreik reagieren könnte, also rekrutierte er eine Handvoll Ersatz-Journalisten. Jeder bekam 500 Franken für die Bereitschaft, sich als Streikbrecher zu betätigen, wie «Sonntag»-Recherchen ergaben. Wäre es tatsächlich zum Einsatz gekommen, hätte sich das Honorar auf 1000 Franken verdoppelt. Somm, der zuvor stellvertretender Chefredaktor bei der «Weltwoche» war, wollte dazu gestern keine Stellung nehmen.

Doch die «BaZ»-Redaktion dachte nicht an Streik. Und wird den Befehl «Rechtsumkehrt!» wohl ohne zu murren ausführen. Somm liess verlauten, er wolle die Zeitung nicht auf einen Rechtskurs trimmen, sondern bloss das Spektrum um bürgerliche Positionen erweitern. Bürgerlicher, wirtschaftsfreundlicher: So wünschen es Martin Wagner und Tito Tettamanti, die beiden «BaZ»-Eigentümer.

SP-Medienpolitiker und Nationalrat Hans-Jürg Fehr sieht in Basel bereits eine «rechte Medienmacht» entstehen. «Das Engagement von Tettamanti/Wagner ist stark politisch motiviert. Zuerst wurde die ‹Weltwoche› nationalistisch und rechts ausgerichtet, jetzt folgt die ‹BaZ›. Die Rechte hat immer von einer Tageszeitung geträumt.» Hat es in der Deutschschweiz denn Platz für eine rechte Tageszeitung? Und ist die «BaZ» der richtige Titel, um die Zeitungslandschaft von rechts aufzumischen? Der grüne Zürcher Nationalrat Daniel Vischer, der ursprünglich aus Basel kommt, ist skeptisch. Er glaubt nicht, dass Somm am Rheinknie eine zweite «Weltwoche» machen werde. «Das wäre widersinnig. Basel ist rot-grün, da kann man keinen parteipolitischen Kontrakurs fahren.»

Ähnlich die Einschätzung von Karl Lüönd, Grand Old Man der hiesigen Journalistenszene. Er ist zwar überzeugt, dass in Basel ein Chefwechsel notwendig war. «Ausserhalb von Basel hat die ‹BaZ› niemanden mehr interessiert. Die lokale Industrie hasste die Zeitung gar, sie fühlte sich verächtlich behandelt. Und atmet nun auf.» Lüönd gibt aber zu bedenken, «dass ideologische Linientreue allein von den Inserenten nicht belohnt wird». Eine Zeitung müsse auch und in erster Linie bei den Lesern Erfolg haben.

Unbestritten ist, dass das rechtsbürgerliche Spektrum tageszeitungsmässig heimatlos ist, seit sich die «NZZ» dazu entschlossen hat, nicht mehr bloss ein FDP- und Wirtschafts-Sprachrohr zu sein. Die «alte Tante» hat den Journalismus entdeckt, sie recherchiert und macht Interviews. Das ist vielen Rechten suspekt; sie beklagen, das Blatt sei nach links gerückt. Wie um diesen Befund zu bestätigen, sagt Links-Politiker Vischer: «Ich lese die ‹NZZ›. Im Inland ist sie besser geworden, seit sie nicht mehr einfach freisinnig ist.»

Was den Zürcher Mitkonkurrenten in die Bredouille bringt. Der «Tages-Anzeiger», einst «eine Haaresbreite links von der Mitte» positioniert (so der damalige «TA»-Chefredaktor Peter Studer im Jahre 1980), hat sich mittlerweile «Ausgewogenheit» auf die Fahne geschrieben. Das wird deutlich im aktuellen Chefredaktoren-Gespann: Res Strehle deckt die linke Flanke ab, Markus Eisenhut die rechte.

Das Resultat dieser Konstellation ist ein Slalom-Kurs – oder wie es Daniel Vischer formuliert: «Der ‹Tagi› ist apolitisch geworden.» FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger widerspricht. Er sieht beim «Tages-Anzeiger» nach wie vor «alt-linke Leithammel» am Werk: «Studien von WWF, Greenpeace oder Caritas werden total unkritisch publiziert. Wenn Economiesuisse etwas veröffentlicht, wird es zerzaust.»

Der «Blick» steuerte unter den Chefredaktoren Jürg Lehmann (1999 bis 2003) und Werner De Schepper (2003 bis 2007) einen SP-nahen Kurs. Seither werden Polit-Themen kleiner gefahren, Sex and Crime sollten für Auflage sorgen. Medienbeobachter Lüönd findet die «Entideologisierung» «nicht schlecht». Heute gehe man eher von «Problemen» aus als von «Programmen». Dass Jürg Lehmann am 1. Oktober als Politik-Chef zur «Blick»-Gruppe zurückkehren wird, deutet Lüönd als Zeichen dafür, «dass die institutionelle Politik an Gewicht gewinnen könnte».

Lehmann sagt tatsächlich, dass mit seiner Anstellung «die Politik einen grösseren Stellenwert bekommt». Er werde sich darum bemühen, dass bei den «Blick»-Produkten wieder eine politische Handschrift erkennbar werde. Er habe im Newsroom an der Zürcher Dufourstrasse eine Drehscheiben-Funktion und wolle auch als Kommentator und Analytiker Akzente setzen. «Da-bei interessiert mich das Links-Rechts-Schema nicht. Ich will einfach gute Polit-Geschichten.»

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