Der Auftritt missglückte. 500 Personen warteten in der vollgestopften Mehrzweckhalle von Pfeffingen BL. Auf 18.45 Uhr war Aussenminister Didier Burkhalter am Pfeffinger Forum 2012 als Gastredner angekündigt. Er kam und kam nicht. Nebel hatte ihm auf dem Heli-Flug ins 60 Kilometer entfernte Pfeffingen einen Strich durch die Rechnung gemacht: Er musste zwischenlanden. Um 20 Uhr traf er doch noch ein für sein Referat. Fragen aus dem Publikum mochte er aber keine beantworten. Obwohl angekündigt. Einspringen mussten Parlamentarier. Fünf Minuten vor Ende verliess Burkhalter den Saal, entzog sich der Diskussion.

Wenig erfreut über diesen unkommunikativen Auftritt waren die Parlamentarier vor Ort. Sie empfanden ihn aber als symptomatisch. Weil sie den Aussenminister auch in den Aussenpolitischen Kommissionen (APK) ähnlich erleben: sympathisch, nett und als guten Repräsentanten zwar. Aber defensiv, schnell beleidigt und empfindlich, sobald es um kritische Diskussionen geht.

Und oft nicht zugänglich. Burkhalter verschanze sich im EDA, sagt ein APK-Mitglied. Ähnliches lässt sogar APK-Präsident Andreas Aebi (BE) durchblicken. «Ich wünsche mir, mich intensiver mit ihm auszutauschen. Ich bin mir in solchen Funktionen gewohnt, enger zusammenzuarbeiten», hält er fest. «Das habe ich bei Herrn Burkhalter deponiert. Deshalb sollte er nun auf mich zukommen. Meine Koordinaten sind bekannt.»

Die wachsende Beunruhigung der Aussenpolitiker über Aussenminister Burkhalter ist nicht zu übersehen. Sie geht quer durch alle Parteien. Zwar attestieren ihm alle einen guten Start. «Dass er sich auf die Nachbarländer und auf Europa konzentriert, ist die richtige Strategie», sagt Hans-Jürg Fehr (SH). Doch nach immerhin neun Monaten gehe es einfach nicht weiter, monieren andere.

Burkhalter sitze aus, rede schön. Der Besuch der SP-Fraktion in Brüssel habe gezeigt, wie «unglaublich blockiert» der bilaterale Weg sei, sagt SP-Nationalrätin Hildegard Fässler (SG). «Wir haben hier eine Störung der Wahrnehmung.» Burkhalter schätze die Situation falsch ein. «Das beunruhigt mich, da wir dermassen viele Baustellen haben.»

«Diese Beunruhigung teile ich», sagt CVP-Nationalrat Gerhard Pfister (ZG). Die Art, wie er in der APK nicht diskutiere, hinterlasse «keinen souveränen» Eindruck. Burkhalter schiebe das Konflikthafte weg, «als ob er Angst vor politischen Auseinandersetzungen» hätte. Und CVP-Nationalrätin Kathy Riklin sagt: «Ich habe eine aktivere Aussenpolitik und vor allem ein mutiges Anpacken der seit Jahren anstehenden EU-Fragen von Herrn Burkhalter erwartet.»

Am Freitag trat Burkhalter zwar überraschend vor die Medien und verteidigte den bilateralen Weg dezidiert. Die Regierung 2012 ist in der Europa-Frage aber zumindest leicht gespalten. Wenn auch nicht ansatzweise so tief wie 1992. Damals kam es am 18. Mai zu einem historischen Entscheid der Regierung. Vier Bundesräte stimmten einem Gesuch um Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG) zu, drei lehnten es ab. Heute stehen vier Bundesräte klar hinter dem bilateralen Weg, drei hingegen sympathisieren mit einer Neuauflage des EWR.

Burkhalters Auftritt vom Freitag war wichtig. Allmählich hatte sich in der Öffentlichkeit ein Vakuum bemerkbar gemacht. CVP-Präsident Christophe Darbellay forderte die Neuauflage der EWR-Beitrittsabstimmung. Eine Forderung, die auch aus einzelnen Kantonen kommt. Und Philippe Nell aus dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ging in der «Unternehmerzeitung» noch weiter. «Meiner Meinung nach sollte sich die Schweiz auf einen Beitritt in die EU vorbereiten», betonte er, der für die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen mit den USA zuständig ist. «Die EU mit bald 28 Mitgliedern vertritt in der Welt Europa. Deshalb sollte die Schweiz mit am Tisch sitzen, wenn über die Zukunft des Kontinents entschieden wird.»

Beunruhigt sind die Aussenpolitiker auch, weil für sie Burkhalters engster Stab ausgerechnet in dieser wichtigen Phase nur über beschränktes europapolitisches Know-how verfügt. Staatssekretär Yves Rossier ist ein Quereinsteiger. Burkhalter hätte «hier einen erfahrenen EDA-Mann einsetzen müssen», sagt Hans-Jürg Fehr. «Nicht einen wesensfremden Neuling.» Roberto Balzaretti, dem Botschafter in Brüssel, fehle das Sensorium, kritisiert Fässler indirekt: «Wir haben nicht wirklich gute Leute vor Ort, die spüren, was läuft.» Balzaretti sei zudem von der Zentrale angehalten, keine schlechten Nachrichten mehr aus Brüssel zu übermitteln, will ein anderes Parlamentsmitglied wissen. Und Henri Gétaz, Chef des Integrationsbüros, wird als blass beschrieben.

Im EDA selbst lässt man nur eine Kritik gelten: Kommunikativ sollte Burkhalter in der Tat zulegen, sagen Insider. Er habe aber in den ersten neun Monaten sehr hart gearbeitet, schnell eine Strategie und einen Reformvorschlag für die Bilateralen präsentiert. Diese habe er persönlich 15 Aussenministern von EU-Staaten erläutert. Rossier sei brillant, ebenso wie Balzaretti. Und Gétaz ein sehr intelligenter Techniker.

Burkhalter selbst sagt zur Kritik an den Mitarbeitern: «Müsste ich diese drei Stellen neu besetzen, würde der Entscheid nur eine Hundertstelsekunde dauern: Ich würde alle drei bestätigen.»

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