Eigentlich sind die Regeln klar: Das Zivildienstgesetz macht strenge Auflagen darüber, wo jemand seinen militärischen Ersatzdienst leisten darf und wo nicht. Recherchen zeigen aber: Viele Zivildienstleistende arbeiten in Funktionen, die gesetzlich nicht erlaubt sind – oder zumindest fragwürdig scheinen.

Verboten sind gemäss Gesetz etwa Einsätze, die «primär privaten Zwecken» eines Zivildienstleistenden dienen, «insbesondere der Aus- oder Weiterbildung». Das Spital Dornach SO sowie das Felix-Platter-Spital in Basel sind zwei Beispiele von Kliniken, in denen Zivis ihre Diensttage als Assistenzärzte abverdienen können. Das wäre an sich noch kein Problem. Beide Spitäler bestätigen aber, dass sie den Zivis diese Zeit an die Ausbildung zum Facharzt anrechnen.

Diese Praxis sei an vielen Spitälern üblich, sagt ein Assistenzarzt, der selber als Zivi in der Zentralschweiz tätig war. Nicht nur Ärzte nutzen dies aus: Auch Sozialarbeiter lassen sich Zivildiensteinsätze als obligatorische Berufspraktika anrechnen, die an manchen Fachhochschulen verlangt werden.

Ausgeschlossen sind gemäss Zivildienstgesetz auch Einsätze, die nicht «arbeitsmarktneutral» sind. Das heisst: Sie dürfen den Wettbewerb nicht dadurch verfälschen, dass ein Einsatzbetrieb für einen Zivi viel weniger bezahlen muss als für einen normalen Angestellten. Auch gemeinnützige Organisationen operieren aber oftmals in einem kommerziellen Umfeld.

So beschäftigt die anthroposophische Basler Privatklinik Ita Wegman seit Jahren Zivis in der Produktion von Heil- und Kosmetikmitteln, die über den Webshop der Klinik zu Marktpreisen verkauft werden. Ähnlich verhält es sich mit Jugendherbergen, die Zivis an der Reception beschäftigen. Die Einsatzbetriebe profitieren davon, dass sie ihre Zivis nur mit fünf Franken pro Tag entschädigen müssen. Den Rest des Lohns zahlt die Militärversicherung.

Umweltverbände wie WWF, Greenpeace oder Pro Velo sowie Organisationen wie Amnesty International stellen ebenfalls häufig Zivis ein. Das Gesetz verbietet zwar Einsätze, die den «Prozess der politischen Meinungsbildung» beeinflussen. Daran halten sich jedoch viele Organisationen nicht. Beispiel WWF Schweiz: Dort sind Zivis zuständig für Medienarbeit, die Organisation von öffentlichen Veranstaltungen oder die Erarbeitung von Projekten. Auch viele andere Umweltverbände stellen Zivis für «Projektarbeiten» an.

Jetzt räumt sogar die Vollzugsstelle des Bundes Missstände ein und kündigt Massnahmen an. «Nächstes Jahr kontrollieren wir vermehrt, ob Zivildienst in kommerziellen Bereichen geleistet wird», sagt Zivildienstchef Samuel Werenfels. «Wir müssen unsere Praxis in diesem Bereich verschärfen.» Nach einer Inspektion in der Ita-Wegman-Klinik habe man entschieden, dass die Stelle in der Heilmittelproduktion nicht mehr angeboten werden dürfe, da sie «schwerpunktmässig eine kommerzielle Tätigkeit» umfasste.

Ein «Dilemma» bestehe bei den Einsätzen, die sich die Zivis als Bestandteil der persönlichen Ausbildung verbuchen. «Es geht nicht, dass sich Leute nur für den Zivildienst bewerben, weil sie sich den Einsatz an die Ausbildung anrechnen lassen wollen», sagt Werenfels. «In solchen Fällen schreiten wir ein und lehnen den Einsatz ab.» Ob ein Einsatz primär im öffentlichen oder im privaten Interesse eines Zivis liege, lasse sich aber nicht immer sagen. «Wir kennen die Motivation der Zivis oftmals nicht.»

Was die Tätigkeit in politischen Organisationen betreffe, so sei es Zivis nicht erlaubt, direkt an Kampagnen mitzuwirken und zum Beispiel auf der Strasse Broschüren zu verteilen. «Aber es ist klar, dass gewisse Recherche- und Back-Office-Tätigkeiten Kampagnen zugute kommen», sagt Werenfels. «Das lässt sich nicht immer trennen.»

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