Ein Zürcher Nationalrat will es wissen: «Es kann gut sein, dass Magdalena Martullo-Blocher für die SVP sowohl als Ständerätin als auch als Nationalrätin kandidiert.»

Diese Information aus Zürich kommt zu einem doppelt interessanten Zeitpunkt. Erstens ist die 44-Jährige mit ihrer Ems-Chemie erfolgreicher denn je. «Einen besseren Zeitpunkt für die Lancierung der Politkarriere gibt es nicht», sagt ein Insider. Zweitens schaltete sich Martullo-Blocher diese Woche einmal mehr in die Politik ein – mit einem Brief an ausgewählte Parlamentarier. Doch der Reihe nach.

Seit Christoph Blocher (heute 73-jährig) nach seiner Wahl in den Bundesrat Ende 2003 das Ems-Zepter an seine älteste Tochter übergab, stieg der Börsenwert des Unternehmens geradezu explosionsartig. Diese Woche durchbrach die Aktie erstmals die Marke von 400 Franken. Das Unternehmen ist jetzt 9,5 Milliarden Franken wert – und in internationalen Vergleichen, die in Dollar gemacht werden, wiegt es nun zum ersten Mal mehr als 10 Milliarden. Innerhalb von drei Jahren hat sich dessen Wert verdreifacht.

Der Erfolg wird unter anderem darauf zurückgeführt, dass Martullo-Blocher stark in Forschung und Entwicklung investierte. Das zahlt sich jetzt aus. Die Bestellungen der Autoindustrie für die Elektronik aus Domat/Ems nehmen zu, und auch die asiatische Konsumgüterindustrie verlangt danach – ebenso gefragt sind die Hochleistungspolymere, die Spezialitäten der Ems-Chemie.

Je besser es läuft, umso mehr Selbstbewusstsein hat die Unternehmerin, um sich politisch zu äussern. Nicht zum ersten Mal, aber deutlicher denn je schaltete sie sich an der jüngsten Pressekonferenz der Ems-Chemie in die Politik ein. Bei der Präsentation der Halbjahresergebnisse polterte sie, ganz im Stil ihres Vaters, gegen die EU-Bildungsprogramme. Der Studentenaustausch Erasmus sei ein teurer «Stumpfsinn», den die Schweiz nicht brauche. Die «Weltwoche» und die «Basler Zeitung», an der Christoph Blocher beteiligt ist, druckten ihre Rede diese Woche ab. Sie legt sich dabei mit dem Bundesrat wie mit den Wirtschaftsverbänden an, welche die Notwendigkeit der EU-Bildungsprogramme bei jeder Gelegenheit betonen.

Wie Recherchen nun zeigen, nutzt Martullo-Blocher nicht nur die ihr nahestehenden Zeitungen für die Verbreitung ihrer Botschaft. Sie wandte sich in einem Brief auch direkt an Parlamentarier und schickte ihnen ihr «Plädoyer zum Forschungs- und Bildungsplatz Schweiz» zu.

Die Unternehmerin schreibt: «Meine Analyse zeigt, dass der Forschungs- und Innovationsplatz Schweiz weltweit einen Spitzenplatz einnimmt und keine Konzessionen der Schweiz gegenüber der EU benötigt. Die aktuellen EUProgramme Erasmus und Horizon 2020 habe ich dabei besonders analysiert», teilt sie mit. Es bleibt aber nicht bei der Analyse. Martullo-Blocher gibt den Parlamentariern den Tarif durch: «Ich vertraue darauf, dass Sie die für den Wirtschaftsstandort Schweiz relevanten Erkenntnisse in Ihre politische Arbeit einbringen.»

Erleben wir gerade die Anfänge einer Polit-Karriere? Magdalena Martullo-Blocher schweigt zu dieser Frage. Als sie die «Schweiz am Sonntag» gestern auf dem Handy erreichte, gab sie keine Auskunft. Einige Stunden nach dem Anruf meldete sich der Ems-Sprecher: Frau Martullo plane nicht, ein politisches Amt zu übernehmen. Vor drei Jahren machte diese Zeitung publik, dass die Bündner SVP-Sektion Martullo-Blocher für die Wahlen 2011 als National- und Ständeratskandidatin angefragt hatte. Doch Martullo sagte vorerst ab: Sie wolle sich voll auf ihre Arbeit im Unternehmen konzentrieren. Livio Zanolari, Bündner SVP-Politiker und Ex-Kommunikationschef von Christoph Blocher, sagte: «Ich hätte sie sehr gerne auf der Bündner Liste gesehen.» SVP-Präsident Toni Brunner erklärte damals: «Christoph Blocher ist überzeugt, dass sie eine gute Politikerin wäre.» Brunner ergänzte, Martullo-Blocher habe zu wenig Zeit für die Politik, aber: «Es ist gut möglich, dass sich die Situation in vier Jahren völlig anders präsentiert. Ich würde mich sehr freuen, wenn sie einsteigt.»

Eine Politikerin Martullo-Blocher wäre für die SVP wortwörtlich wertvoll, denn ohne ein Blocher-Familienmitglied drohten die Millionen zu fehlen, die sie in ihre Politkampagnen steckt. Die Familie Blocher kontrolliert rund 70 Prozent der Ems-Aktien, das entspricht einem Wert von knapp 7 Milliarden Franken.

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