Economiesuisse und der Industrieverband Swissmem haben vergangene Woche mit ihrem Appell an die Politik einiges ausgelöst. Ihre Präsidenten Heinz Karrer und Hans Hess forderten in der «Schweiz am Sonntag» den Bundesrat auf, die Einwanderungsinitiative nicht zu rigide umzusetzen und den Spielraum des Initiativtexts zu nutzen – sodass sie bei der EU nicht chancenlos ist. Applaus gabs von der SVP, Kritik von CVP und FDP.

Doch die Verbände setzen nicht nur auf die Politik, sondern handeln auch selbst. Für Valentin Vogt, Verwaltungsratspräsident von Burckhardt Compression und Präsident des Arbeitgeberverbandes, ist klar: «Wie immer man die Einwanderungsinitiative umsetzt: Die Arbeitgeber werden weniger Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutieren können und müssen überlegen, wie sie das Potenzial im Inland besser nutzen.»

Bei den Frauen besteht das Potenzial laut Vogt vor allem darin, dass mehr Arbeitnehmerinnen Vollzeit tätig sind. «Die Teilzeiterwerbstätigkeit ist bereits sehr hoch», sagt Vogt. In seinem Unternehmen setzt er darum zunehmend auf ältere Arbeitskräfte. «Wir geben allen, die in Pension gehen, einen Pensionierten-Vertrag», sagt Vogt. Bei Bedarf würden die ehemaligen Angestellten für temporäre Einsätze angefragt: «Das entspricht auf beiden Seiten einem Bedürfnis und wird rege genutzt.» Burckhardt Compression geht zudem mit Frühpensionierungen zurückhaltender um als früher. Vogt: «Bei uns gibt es keine finanziellen Anreize für Frühpensionierungen.»

Das ist bei immer mehr Firmen der Fall – und der erwartete Rückgang der Zuwanderung verstärkt diesen Trend jetzt noch. Hans Hess, Präsident des Industrieverbandes Swissmem, sagt: «Wir müssen uns in der Industrie, aber auch in anderen Branchen fragen: Wie können wir die Älteren länger im Arbeitsprozess halten?» In der Altersgruppe ab 50, allenfalls auch schon früher, müsse man einen Paradigmenwechsel herbeiführen: «Einerseits wird Weiterbildung zentral, andererseits müssen wir davon abkommen, Frühpensionierung als erstrebenswertes Ziel zu sehen.»

Der Befund des Swissmem-Präsidenten ist glasklar: «Wir müssen nicht darüber reden, wie wir unsere Sozialwerke sanieren und das Rentenalter erhöhen, wenn am Ende alle mit 62 in Frühpension gehen wollen. Man muss einmal klar sagen: Das Thema Frühpensionierungen ist angesichts der Demografie vorbei.»

Heute beenden Männer durchschnittlich ein Jahr vor dem ordentlichen AHV-Alter 65 ihre Erwerbstätigkeit (siehe Grafik). Der Durchschnittswert hat sich seit 1997 erhöht – und diese Entwicklung dürfte sich noch akzentuieren. Beim Pharmakonzern Novartis etwa sind «Frühpensionierungen nicht erwünscht und keine bevorzugte Lösung», wie Sprecher Patrick Barth sagt. Und bei der Post heisst es: «Die Herausforderung liegt im Halten der Mitarbeiter im Arbeitsprozess bis zum heutigen offiziellen AHV-Alter.»

Doch auch das starre Pensionsalter 65 wird hinterfragt. Swissmem-Präsident Hans Hess plädiert für eine Flexibilisierung: «Es sollte vermehrt möglich sein, ab einem gewissen Alter nur noch vier Tage die Woche zu arbeiten, oder nach zwei Monaten einen Monat auszusetzen. Und gerade bei Führungskräften braucht es die Bereitschaft, auch mal ins zweite Glied zurückzugehen.» Hess sieht Folgen für die Lohnpolitik: «Wir müssen umdenken. Die künstliche Vorstellung, dass der Peak der Arbeitsleistung und damit des Lohns bei 65 ist, ist falsch. Die Leistung ist vielleicht bei 55 auf dem Höchst. Danach muss man auch akzeptieren, dass man etwas weniger verdient.»

Allerdings dürfe man deswegen von den Sozialwerken nicht bestraft werden, wie das heute der Fall ist. Hess: «Die Politik ist gefordert – sie muss dafür sorgen, dass Anschlusslösungen bereitstehen, die den heute falschen Anreiz beheben, dass man nur mit stetigen Lohnsteigerungen bis 65 bei der Vorsorge optimal aufgestellt ist.»

Die Idee im Zusammenhang mit der Zuwanderung: Ältere Inländer könnten so länger berufstätig sein und würden nicht durch junge, billigere Ausländer ersetzt. Bei ABB Schweiz können Arbeitnehmer bereits heute bis 70 weiterbeschäftigt bleiben. «Eine Anstellung mit einem 100-Prozent-Pensum ist möglich, in der Regel sprechen wir 30 bis 50 Prozent», sagt Sprecher Markus Gamper.

Beim grössten Arbeitgeber im Inland, der Migros, ist es seit kurzem ebenfalls möglich, länger als bis 65 zu arbeiten: Die Altersrente kann drei Jahre aufgeschoben werden. Mehr und mehr Firmen gehen nun diesen Weg.

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