Ich bin sehr, sehr traurig. Leon Schlumpf war eine absolut liebenswürdige Persönlichkeit. Zurzeit befinde ich mich gerade an der 25-Jahr-Feier des Privatradios Berner Oberland. Das hat einen fast symbolischen Charakter. Denn Leon Schlumpf machte die Privatradios möglich, nach einem langen Kampf mit Roger Schawinski.

Leon Schlumpf war Sein und nicht Schein. Sein, bodenseriös, zuverlässig, pflichtbewusst, korrekt. Eben nicht der «Shining Bundesrat». Er suchte nicht die Show, die grossen Auftritte. Bei ihm spürte man den Juristen. Alles musste immer perfekt sein, er strebte den Perfektionismus an, fühlte sich immer dem Volk verpflichtet, trug wesentlich dazu bei, dass die Harmonie im Bundesrat gut war. Er verstand sich mit Otto Stich. Und er sorgte dafür, dass der Bundesrat über dem Parteiengeplänkel stand.

1979 kam ich in den Nationalrat und Leon Schlumpf wurde Nachfolger von Rudolf Gnägi. Als SVP-Parteipräsident von 1984 bis 1987, bis zu meiner Wahl in den Bundesrat, war ich sehr eng mit ihm verbunden. Ich traf ihn jeden Donnerstagmorgen. Da orientierte er mich über die Bundesrats-Sitzungen vom Vortag. Das tat er immer sehr zurückhaltend.

Sein Verantwortungsgefühl diktierte ihm, reserviert mit Informationen umzugehen, damit keine Indiskretionen entstehen. Wir hatten es sehr gut zusammen. Man musste einfach wissen, dass man ihn nicht zu stark mit Fragen bombardieren durfte. Er wollte sich seinen Kollegen gegenüber zu 100 Prozent korrekt verhalten.

Leon Schlumpf betreute ganz wesentliche Dossiers. Im Verkehr liess er verschiedene Varianten für die Neat prüfen. Fünf waren es, zwei entstanden später: der Gotthard und der Lötschberg. Er brachte den Vereina-Tunnel durch das Parlament. Bahn und Bus 2000 durfte ich als Nachfolger übernehmen. Zu Bahn und Bus trug er Wesentliches bei.

Im Land der vier Kulturen, vier Sprachen und 26 Kantone ist entscheidend, dass Begegnung funktioniert. Das tut sie über die Infrastruktur. Und darüber, dass wir die Minderheiten pflegen. Deshalb leben wir seit 1848 in Frieden und Freiheit zusammen. Die Infrastruktur war Schlumpf, der selber einer Minderheit angehörte, sehr wichtig.

In der Kommunikation führte er einen Abnützungskampf mit Roger Schawinski. Er schuf aber die nötigen gesetzlichen Grundlagen für Privatradios. Etwas, was heute eine Selbstverständlichkeit ist. Er nutzte das Zeitfenster. Schlumpf leitete auch die ersten Schritte für das Privatfernsehen ein.

Als es in der Schweiz wieder einmal ein Energie-Hoch gab, liess er verschiedene Energie-Szenarien ausarbeiten. Er legte dabei den Fokus auf Energiesparen. Sie gaben die Grundlagen dafür, dass Kaiseraugst nicht gebaut wurde. Einstellen mussten es Otto Stich und ich, basierend auf seinen Grundlagen. Seine Szenarien führten zu einer «Bravo»-Kampagne an das Schweizer Volk. Wir müssen anders umgehen mit Energie, das ist ein Gut, das wir sparsamer einsetzen müssen, hiess die Botschaft.

Leon Schlumpf legte selbst Hand an, formulierte einzelne Gesetze persönlich, legte unglaubliche Verantwortung an den Tag. Er war ein hochanständiger Mensch, im Gegensatz zu vielen anderen Politikern.

Leon Schlumpf war eine treibende Kraft dafür, dass die Bündner, Glarner und Zürcher Demokraten bei der BGB zur SVP wurden. Deshalb war es für ihn sicher nicht einfach, den Herauswurf der Bündner SVP zu verkraften. Das hat ihn sicher berührt und beschäftig. Er stand immer zu seiner Tochter Eveline, als sie zur BDP wechselte. Er hatte ja schon eine Tochter verloren. Sie war Flight Attendant und starb bei einem Autounfall. Das belastete ihn und seine Frau sehr. Ich weiss, was es heisst, ein geliebtes Kind zu verlieren.

In letzter Zeit sah ich ihn ab und zu noch an den Zusammenkünften der Alt-Bundesräte und der aktiven Bundesräte. Er hatte sehr grosse Freude, dass seine Tochter Bundesrätin wurde. Er war sehr ruhig, wie man das im Alter sein sollte. Immer sehr korrekt, sehr wohlwollend. Auch dem Bundesrat gegenüber. Er wusste: Die Regierung ringt um Entscheide.

Meine Gedanken weilen bei der Familie Schlumpf. Ich wünsche ihr in dieser schwierigen Zeit die nötige Kraft, um diesen schweren Verlust zu verarbeiten.

Adolf Ogi


Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!