Das Schulfranzösisch steht auf der Kippe: Der Kanton St. Gallen will wissen, ob Harmos «grundsätzliche Befreiungen/Ausschlüsse» lernschwacher Schüler zulässt. Das geht aus einem Brief des St. Galler Regierungsrats Stefan Kölliker (SVP) an die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) hervor, der dem «Sonntag» vorliegt.

Harmos erlaubt den Kantonen, einzelne Schüler mit Schwierigkeiten von bestimmten Fächern zu dispensieren. Das wird heute auch schon gemacht. Das Anliegen von St. Gallen geht aber einen Schritt weiter: «Die Frage ist, ob man auch leistungsschwache Jugendliche ohne nähere Begründung dispensieren könnte», erklärt Jürg Raschle vom Rechtsdienst im St. Galler Bildungsdepartement. Falls ja, könnten ganze Gruppen oder gar Klassen von Schülern vom Französischlernen dispensiert werden.

Konkrete Pläne gibt es in St. Gallen vorerst nicht. «Es handelt sich beim Brief um eine vorsorgliche Grundsatzanfrage: Wir wollen, dass die Sache juristisch abgeklärt wird», sagt Raschle. «Dann sind wir auch gewappnet, wenn die Frage im Kantonsparlament wieder aufs Tapet kommt.»

In der EDK regt sich Widerstand. «Harmos enthält keine rechtliche Grundlage für generelle Dispensationen von ganzen Klassen- oder Leistungszügen», sagt die stellvertretende Generalsekretärin Susanne Hardmeier. Das heisst: Gemäss dem Konkordat können nicht die schwächsten Klassen der Sekundarstufe I vom Französisch befreit werden. «Individuelle Dispensationen sind hingegen immer möglich, sie richten sich nach dem kantonalen Recht.»

Köllikers Brief kommt jetzt bei der EDK auf die Traktandenliste. «Wir werden wahrscheinlich an einer nächsten Vorstandssitzung eine Aussprache haben», sagt die jurassische Bildungsdirektorin Elisabeth Baume-Schneider (SP), die die Gruppe der welschen Kantone in der EDK präsidiert. «Wenn wir jetzt plötzlich über ganze Gruppen oder Klassen reden, wenn Dispensationen vom Französischunterricht institutionalisiert werden, dann ist das besorgniserregend.» Alles, was das Lernen von anderen Landessprachen beeinträchtige, sei gefährlich.

Bereits in 14 von 19 Deutschschweizer Kantonen steht Englisch vor einer zweiten Landessprache auf dem Lehrplan. Ausnahmen sind die Röstigraben-Grenzkantone Bern, Solothurn sowie die beiden Basel. Graubünden hat sich für Italienisch entschieden. Anders die Situation in der Romandie: «Hier war immer klar, dass die Landessprache vor dem Englisch kommt», sagt der Genfer Harmos-Chef Frédéric Wittwer. «Auch wenn Deutsch nicht sehr populär ist.»

Gegensteuer Gibt der Kanton Neuenburg. Im August 2011 wurden neun zweisprachige Klassen installiert. Rund 150 Vierjährige starten ihre Schullaufbahn in Deutsch und Französisch. Und geht es nach den Ideen von Bildungsdirektor Philippe Gnaegi (FDP), dann sollen die Schüler die ganze Schullaufbahn zweisprachig absolvieren. Weitere Klassen sollen folgen. «Sprache ist nicht nur ein Instrument, eine Notwendigkeit», sagt Gnaegi. «Sie ist viel mehr: Sie ist auch Trägerin von Kultur, von Werten, von Wissen.» Der utilitaristische Gedanke, der die Schule mehr und mehr prägt, ist Gnaegi zuwider. «Bildung ist nicht nur ein Konsumgut.»

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