Nicht weniger als 43 Nationalrätinnen und Nationalräte von links bis rechts verlangen, dass der Bundesrat ein Prostitutionsverbot prüft. Sie haben einen entsprechenden parlamentarischen Vorstoss der Berner EVP-Nationalrätin Marianne Streiff-Feller unterschrieben. Mitunterzeichnerinnen sind FDP-Fraktionschefin Gabi Huber, Franziska Teuscher (Grüne) und Kathy Riklin (CVP). Aber auch etliche Männer unterstützen das Postulat: BDP-Präsident Martin Landolt oder die SVP-Nationalräte Oskar Freysinger, Hans Kaufmann und Hans Fehr gehören dazu.

Der Bundesrat muss nun bis 2015 einen Bericht vorlegen, der prüft, «inwiefern ein Verbot der Prostitution und des Kaufs von sexuellen Dienstleistungen in der Schweiz machbar wäre».

Mit diesem Anliegen liegt die Schweiz im europaweiten Trend. Die deutsche Feministin Alice Schwarzer hat vorletzte Woche einen viel beachteten «Appell gegen die Prostitution» lanciert. Es sei die erfolgreichste Kampagne, die sie je initiiert habe, sagt Schwarzer im Interview mit der «Schweiz am Sonntag.» Sie findet es «grossartig», dass die Schweiz nun auch ein Verbot des käuflichen Sex prüfen will. Beide Länder sehen das Modell Schweden als Vorbild. Dort werden die Freier mit Geld- oder Haftstrafen von bis zu sechs Monaten bestraft. Auch in Frankreich gibt es Bestrebungen, die Prostitution zu verbieten. Und in Österreich sind zu Beginn dieses Monats strengere Bestimmungen gegen die Prostitution eingeführt worden.

Die Verbotsbefürworter wollen damit vor allem den Menschenhandel bekämpfen. «Prostitution ist keine Dienstleistung. Menschen sind keine Ware», sagt Schwarzer dazu.

Fachorganisationen sind mehrheitlich dagegen. Das Verbot trage das Problem von frauenverachtenden Geschlechterverhältnissen auf dem Rücken der Schwächsten aus – so ihre Meinung.

Sie werden in ihrer liberalen Haltung von einer völlig neuen Allianz herausgefordert. EVP-Nationalrätin Streiff, die Alice Schwarzer «cool» findet, bringt es auf den Punkt: «Ihr Anliegen kommt aus der emanzipatorischen Seite, meines aus einer Wertehaltung heraus.» Eine Konstellation, die für ein Verbot der Prostitution nicht zu unterschätzen ist.


Alice Schwarzer im Interview: «Das finde ich grossartig»
Die deutsche Feministin Alice Schwarzer über ein Prostitutionsverbot in der Schweiz.
Interview: Fabienne Riklin und Beat Kraushaar

Was sagen Sie dazu, dass die Schweiz auch ein Prostitutionsverbot prüft?
Alice Schwarzer: Das finde ich grossartig! Denn das Elend in der Prostitution ist ja nicht auf Deutschland beschränkt. Und wir müssen selbstverständlich eine zumindest europaweite Lösung finden. Sonst werden die Armuts- und Zwangsprostituierten einfach über die Grenze geschoben – und die Freier reisen hinterher. So wie wir heute Busladungen von Franzosen in deutschen Flatrate-Bordellen haben.

Ihre Argumente dafür?
Prostitution ist keine Dienstleistung. Menschen sind keine Ware. Es ist ein Skandal, dass die Pro-Prostitutions-LobbyistInnen ein gesellschaftliches Klima schaffen konnten, in dem heute Prostitution nicht nur geduldet, sondern quasi propagiert wird. Es ist eben überhaupt nicht normal, einen Geldschein hinzulegen und dafür den Körper und die Seele eines Menschen benutzen zu können. Prostitution ist ein Verstoss gegen die Menschenwürde.

Können Sie sich vorstellen, dass ein Verbot Erfolg hat?
Selbstverständlich! Ich habe am Freitag auf Bitten der in Berlin akkreditierten Auslandkorrespondenten eine Pressekonferenz gegeben – und da hat sich ganz klar abgezeichnet, dass die Stimmung in mehreren Ländern so ist, dass Prostitution nicht länger akzeptiert werden soll. Das schwedische Modell der Freierbestrafung soll ja auch in Frankreich und Irland eingeführt werden.

Ist Ihr Apell gegen die Prostitution erfolgreich?
Es ist die erfolgreichste Kampagne, die ich je initiiert habe. Bereits vier Tage nach Erscheinen des Appells war er Thema in den Koalitionsverhandlungen. Das ist beschlossen, Union und Sozialdemokraten werden das Gesetz ändern. Und ganz Deutschland diskutiert zurzeit über das Problem. Endlich.

Ist ein Verbot nicht kontraproduktiv?
Mit einem Verbot der Prostitution wäre es wie mit allen Verboten: Sie würden von manchen umgangen oder gebrochen werden. Aber dann hat man eine Handhabe, dagegen vorzugehen. Hinzu kommt: Gesetze sind ja auch Ausdruck des Rechtsempfindens einer Gesellschaft. Es muss einfach klar werden, dass Prostitution ein Verstoss gegen die Menschenwürde ist!

Und wenn die Frauen in den Untergrund abwandern?
Schlimmer kann es für die Frauen in der Prostitution nicht mehr kommen. In Deutschland sind heute Hunderttausende von Armuts- und Zwangsprostituierten vorwiegend aus Rumänien oder Bulgarien im Untergrund. Sie werden als «Frischfleisch» von Grossbordell zu Grossbordell geschoben – und landen irgendwann auf der Strasse. Diese Frauen sind nicht registriert, es gibt keine Gesundheitskontrollen mehr, niemand kennt sie. Sie könnten von heute auf morgen einfach verschwinden. Niemand würde es merken.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

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