Der neue Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer sagt es unverblümt: «Drohen ist das Dümmste, was man machen kann.» Die CEOs halten sich an die neue Kommunikationsstrategie des Wirtschaftsdachverbandes: Bislang hat kein Konzernchef öffentlich damit gedroht, sein Unternehmen oder Stellen im grossen Stil ins Ausland zu verlagern, sollte die 1:12-Initiative angenommen werden. Am 24. November stimmt das Volk über das Begehren der Jungsozialisten ab, das verlangt, dass der höchste Lohn höchstens zwölfmal so hoch sein darf wie der unterste Lohn.

Vor wenigen Monaten tönte es bei Economiesuisse und einzelnen Unternehmen noch ganz anders. Legendär ist die Aussage von Karrers Vorgänger Rudolf Wehrli in der «Rundschau» zur Abzocker-Initiative: «Die Pläne zum Wegzug sind ausgearbeitet», behauptete er steil. Es handle sich dabei um «mehrere grosse Unternehmen». Er wisse persönlich von realen Szenarien. Passiert ist bislang nichts, die Unternehmen können offenbar gut mit der Initiative leben, die mit 68 Prozent überdeutlich angenommen wurde. Die desaströse Kommunikation war ein Grund für Wehrlis Rücktritt bei Economiesuisse.

Die linke 1:12-Initiative wäre für die grossen Unternehmen einschneidender als die von KMU-Unternehmer Minder lancierte Abzocker-Initiative. SVP-Nationalrat Christoph Blocher lehnte bereits die Abzocker-Initiative ab und sagt: «Die 1:12-Initiative hätte viel gravierendere Auswirkungen.» Er nehme diese Vorlage, welche er «nicht für chancenlos» hält, sehr ernst. Mit Job-Verlagerungen zu drohen, darauf verzichtet auch Blocher.

Die Ironie hinter der sanftmütigen Kommunikationsstrategie: Während die Drohungen bei der Abzocker-Initiative bloss ein Bluff waren, ist im Fall der 1:12-Initiative klar, dass diese zu Stellenverlusten führen würde.

Gemäss Insidern der Grossbanken UBS und CS würden diese zwar ihren Sitz mit Sicherheit in der Schweiz behalten. «Es ist undenkbar, dass eine Bank, die stark mit der Schweiz verbunden wird, ins Ausland geht», sagt ein Konzernleitungsmitglied. Doch wenn das Domizil in der Schweiz bleibt, heisst das nicht, dass auch die Jobs hier bleiben. Bei der UBS spricht man intern davon, dass jede zweite Stelle mit mindestens 700 000 Franken Jahreslohn ins Ausland verlagert wird. Dies nicht über Nacht, sondern schrittweise innerhalb der nächsten fünf Jahre. Handelt nicht nur die UBS so, sondern alle grösseren Banken, würde das einige tausend Stellen betreffen.

Berechnungen, wie sich die Initiative insgesamt auf die Arbeitsplätze auswirkt, gibt es bislang nicht. Auch nicht beim Gewerbeverband, der die Kampagne gegen die Initiative führt. In seiner Kampagnenzeitschrift zitiert er Bahn-Unternehmer Peter Spuhler, den ehemaligen SVP-Nationalrat, der unkonkret, aber deutlich von einem «Blutbad» spricht. Und ebenso den ehemaligen Sulzer- und ABB-Verwaltungsratspräsidenten Jürgen Dormann. Er sagt: «Die meisten Topmanager internationaler Unternehmen würden eine solche Einschränkung nicht akzeptieren, und damit gingen auch die Arbeitsplätze der ganzen Führungszentralen verloren.»

Diese Gefahr sieht auch ein unverdächtiger Experte: Serge Gaillard, Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, ehemaliger Chef der Direktion für Arbeit des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) – und früherer Chefökonom des Gewerkschaftsbundes. Er sagt: «Eine 1:12-Limite würde vor allem bei Headquarters, Handelsgesellschaften, Pharmamultis und Banken zu Stellenverlusten führen.»

Bei Multis, die aus den USA oder aus anderen fernen Ländern dirigiert werden, ist gemäss Gaillard entscheidend, ob deren Führungskräfte in der Schweiz den hiesigen Sitz wirklich wollen. «Das hängt stark vom Personal ab, und wenn dieses wegen der Lohnbeschränkung nicht mehr hier sein mag, dann könnten die ganzen Gesellschaften gefährdet sein», sagt Gaillard.

Laut der neusten Umfrage würden zurzeit 35,5 Prozent der Stimmbürger die Initiative annehmen, 38 Prozent lehnen sie ab, die übrigen sind noch unentschlossen. Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer sieht die Gegenkampagne auf Kurs. «Unser Ziel muss aber sein, nicht mit 51 oder 52 Prozent Nein-Anteil zu gewinnen», sagt er. «Nur ein sehr klares Votum gegen die Lohnbegrenzung hätte die nötige Signalwirkung zugunsten des Standortes Schweiz.»

Doch obschon in der Regel die Unentschlossenen am Ende mehrheitlich ins Nein-Lager gehen – eine Prognose bleibt schwierig. Der Gewerbeverband hat mehr Mühe als erwartet, zugkräftige KMU-Geschäftsführer für seine Kampagne zu finden. Er kämpft nicht nur mit Passivität, sondern sogar mit Abweichlern.

Zu ihnen gehört Thomas Gasser, CEO und Präsident der bodenständigen Gasser Felstechnik AG in Lungern OW mit 350 Mitarbeitern. Er schreibt im Firmenmagazin: «Ich werde nie begreifen, dass meine Leistung als Chef mehr als der Faktor 6 wert sein kann. Die Auswirkungen der Initiative, welche Millionensaläre unterbindet, trifft Personen, welche die Bodenhaftung verloren haben. Ich bin davon überzeugt, dass der Markt mit neuen, motivierten Leuten diese Herausforderung meistern wird.»

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