Eine Mehrheit von 55 Prozent der Bevölkerung würde aktuell der 1:12-Initiative zustimmen. Dagegen sind 28 Prozent. 17 Prozent haben noch keine Meinung. Dies zeigt eine Umfrage, die das Online-Marktforschungsinstitut Marketagent zwischen dem 3. und 10. Mai 2013 im Auftrag der «Schweiz am Sonntag» durchgeführt hat.

Gemäss den Resultaten liegt die Zustimmung zur Juso-Initiative, die Löhne über dem Zwölffachen des tiefsten Salärs in einem Unternehmen verbieten will, bei Frauen mit 61 Prozent signifikant höher als bei Männern (49 Prozent Ja-Anteil). In der Westschweiz stösst die Initiative mit 61,5 Prozent auf deutlich mehr Zustimmung als in der Deutschschweiz mit 53 Prozent. In den Altersgruppen sind die Jüngeren zwischen 18 und 29 Jahren skeptischer (Ja-Anteil: 52 Prozent) als die Älteren zwischen 50 und 65 Jahren (Ja-Anteil: 58 Prozent).

Die Meinungsumfrage gilt mit 475 Befragten nach den Regeln der Meinungsforschung zwar nicht als repräsentativ, ist aber nach Geschlecht, Alter, Bildungsniveau und Sprachregionen repräsentativ gewichtet und liefert ein zuverlässiges Stimmungsbild über die derzeitigen Erfolgschancen der Juso-Initiative, die voraussichtlich am 24. November zur Abstimmung kommen wird.

Die Resultate bestätigen die überraschend hohe Zustimmungsrate, die das Volksbegehren laut einer Isopublic-Befragung Anfang März erreichte, in der eine relative Mehrheit von 49,5 Prozent angab, ein Ja zur 1:12-Initiative in die Urne legen zu wollen. Vor wenigen Wochen zeigte auch eine Auswertung von Smartvote-Profilen, dass im Wahlkampf 2011 rund die Hälfte der Kandidaten von CVP, GLP und BDP mit dem Volksbegehren sympathisierten und die linke Initiative selbst in FDP und SVP Zustimmungswerte von 25 bis 40 Prozent erreicht.

Eine Erklärung für die Popularität der Juso-Initiative liefert das Umfrageergebnis auf die zweite Frage, die im Auftrag der «Schweiz am Sonntag» den befragten Personen vorgelegt wurde: «Ist es für Sie nachvollziehbar, dass Chefs grosser Unternehmen mehr als eine Million Franken verdienen?»

Das Resultat ist deutlich: Nur gerade 31 Prozent der Befragten antworten darauf mit «Ja» oder «eher Ja». Eine satte Mehrheit von 69 Prozent kann Saläre von mehr als einer Million «eher nicht» oder «überhaupt nicht» nachvollziehen. Auch hier fällt wieder der Unterschied zwischen den Geschlechtern auf: Bei den Frauen halten 77 Prozent Löhne über einer Million Franken für nicht nachvollziehbar, bei den Männern sind es mit 61 Prozent zwar deutlich weniger, aber immer noch mehr als genug für eine klare Mehrheit. In den Alterskategorien sinkt das Verständnis für Millionen-Saläre mit zunehmendem Alter von 45 Prozent (18-bis 29-Jährige) auf 29 Prozent (50- bis 65-Jährige). Die Resultate in der Deutsch- und Westschweiz sind ausgeglichen.

Bemerkenswert ist, dass die 1:12-Initiative bei den Befragten mehrheitlich auf Zustimmung stösst, obwohl ebenfalls eine Mehrheit glaubt, dass grosse Firmen die Schweiz verlassen könnten, sollte die Initiative angenommen werden. 15,5 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass «viele» Firmen abwandern würden. 62,5 Prozent glauben an «vereinzelte» Firmenverlagerungen ins Ausland. Und 23 Prozent glauben nicht, dass wegen der 1:12-Initiative Unternehmen die Schweiz als Standort verlassen würden.

Diese widersprüchlichen Resultate lassen weniger den Schluss zu, dass sich Abwanderungsdrohungen als vermeintliches Argument vor wirtschaftsrelevanten Abstimmungen abgenutzt haben. Angesichts des hohen Anteils jener, die glauben, dass vereinzelt Unternehmen wegziehen könnten, scheinen Firmenabwanderungen vielmehr von einer Mehrheit hingenommen zu werden, wenn im Gegenzug als Exzesse wahrgenommenen Löhnen ein Riegel geschoben werden kann. Das würde sich mit der «Präferenzverschiebung» decken, die Politologen im Vox-Jahresbericht 2012 festgestellt haben und die seit 2006 eine steigende Akzeptanz für staatliche Eingriffe in die Marktwirtschaft ausweisen.

Anfang Mai hatte der Bundesrat entschieden, die 1:12-Abstimmung von September auf November zu verschieben, um für die «wichtige Diskussion über die Vorlage mehr Zeit zu haben». Offensichtlich haben die Gegner der Initiative diese Zeit tatsächlich dringend nötig.

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