Mit müdem Blick sitzt Christian Kast auf dem schwarzen Ledersofa in seiner Stube. Keine Kinderstimmen sind zu hören. Das Haus in Sisseln AG ist leer. Am Samstag vor einer Woche hatte der 46-Jährige seiner Tochter (2), deren Halbschwester (6) und seiner Frau zur Flucht auf die Philippinen verholfen. Jetzt sind die drei nur noch auf Fotos an den Zimmerwänden präsent. Das sei die beste Lösung für die Familie, sagt er.

Seit gut einer Woche ist Kast eine nationale Medienfigur. Als Vater, der seine Kinder aus den Fängen einer übergriffigen Behörde befreite, erhält er auf den Onlineportalen und im Regionalfernsehen fast täglich eine Plattform. Die grössere Bühne für seine Geschichte bieten aber die sozialen Medien: Auf seiner Facebook-Seite feiern ihn Hunderte als Widerstandskämpfer. «Lassen Sie sich nicht vom System unterkriegen!», schreibt ein Nutzer. «Danke für Ihren Einsatz», schreibt ein anderer.

Das «System», das ist für Kast die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), die ihm vergangenen September seine Kinder entzog und in einem Heim platzierte. «Unzumutbar» sei die Situation zu Hause für die Mädchen, befand die Behörde. In den Akten ist von einer «angespannten Paarproblematik mit häuslicher Gewalt» die Rede. Abfinden wollte sich Kast damit nicht – er suchte den Kampf mit der Kesb. Seit er seine Familie ins Ausland brachte und die Behörde austrickste, ist er für viele ein Held.

Und der Kältetechniker, dessen Leben schwierig verlief, scheint die Rolle zu geniessen. Wenn Kast von den vergangenen Tagen erzählt, rückt seine Familie in den Hintergrund. Lieber redet er über das, was in der Schweiz politisch schieflaufe. Überall würden die Bürger entmachtet, Bundesbern mische sich in Dinge ein, die eigentlich in die Gemeinden gehörten. Die Tabaksteuer gehöre abgeschafft, die Promillegrenze für Autofahrer auch.

Der Verbotsstaat, der Bundesrat, die EU: Kast hat viele Feindbilder. Mal klingt er so, wie man sich einen Wutbürger vorstellt, dann wieder wie ein Politiker, der an einer Parteiveranstaltung einstudierte Sätze wiedergibt. Spricht man ihn darauf an, sagt Kast: Ja, er könne sich durchaus vorstellen, auch einmal in die Politik zu gehen.

Aufgewachsen ist Kast als Einzelkind bei seiner Mutter in Basel. Der Vater zieht aus, bevor er in den Kindergarten kommt. Seine Mutter, die im Gastgewerbe und als Krankenschwester arbeitet, nimmt ihn schon früh mit an Anti-AKW-Demos. Als Jugendlicher kommt er wegen kleinerer Delikte mit dem Gesetz in Konflikt. Geld verdient er als Hilfsarbeiter. Erst mit 28 Jahren beginnt er die Ausbildung zum Kältetechniker.

Vor vier Jahren wird sein Leben ruhiger. Kast erhält einen festen Arbeitsvertrag bei einer Klimatechnikfirma in Kloten ZH, 2012 holt er seine philippinische Freundin in die Schweiz. Sie heiraten. Doch als im letzten Sommer seine Frau die ältere Tochter aus einer früheren Beziehung in die Schweiz nachzieht, nehmen die Spannungen zu. Zwischen den Eheleuten kommt es oft zu Streitereien. Seit seine Frau zurück in den Philippinen ist, steht für Kast fest: «Sie hat sich hier nie richtig wohlgefühlt.»

Es ist nicht nur verbaler Zuspruch, den Kast in diesen Tagen erhält. 1200 Franken haben ihm Freunde und Bekannte bereits überwiesen, nachdem er seine Kontonummer auf Facebook veröffentlichte. Andere bieten ihre Hilfe an. Einer von ihnen ist der Berner Anwalt und Lobbyist Patrik Kneubühl, der unter dem früheren Bundesrat Christoph Blocher den Rechtsdienst des Justizdepartements leitete. Er kenne Kast seit eineinhalb Jahren über Facebook, sagt er. Gerne werde er Kast in Rechtsfragen unterstützen – unentgeltlich. Für Kneubühl zeigt Kasts Fall, woran die Kesb kranke: Die Behörde erlaube sich Willkür und missachte das rechtliche Gehör der Betroffenen. «Das ist ein Unrechtsregime.»

So wie Kneubühl denken auch andere. Mit jedem neuen Fall, der publik wird, entlädt sich in den Online-Kommentaren und sozialen Medien ein Sturm der Wut. Das beobachtet auch Markus Theunert vom Dachverband der Männer- und Väterorganisationen. «Offensichtlich empfinden es viele Menschen als nicht legitim, wenn der Staat im Namen des Kindswohls Vorgaben ‹guter› Erziehung durchsetzt», sagt er. Diese Reaktionen zeigten, dass es eine Debatte über die Zuständigkeiten des Staates in Familienthemen brauche.

Geführt wird diese Debatte allerdings weniger von etablierten Politikern. Es sind Leute wie Christian Kast, die zum Sprachrohr der Behördenkritiker werden. Das ist nicht unproblematisch. Auf seinem Profil weist sich Kast als Pegida-Anhänger aus, auch eindeutig rechtsextreme Seiten hat er abonniert. Grenzwertige Aussagen über Flüchtlinge oder seine eigene Frau hat er inzwischen von seinem Profil gelöscht. Und postet jetzt fast schon demonstrativ harmonische Pärchenfotos.

Kast weiss, dass inzwischen viele mitlesen, wenn er sich äussert. Vielleicht klingt er auch deshalb bereits gemässigter als viele seiner Unterstützer. Er sei durchaus für professionelle Kindesschutzbehörden, sagt er im Gespräch, «sie sollten einfach besser in die Wohngemeinden eingebunden sein». Seine Kinder seien ihm auch nicht grundlos weggenommen worden. «Meine Frau und ich haben versagt.»

Was hält Kast davon, dass er inzwischen zum Vorbild für Leute geworden ist, die online über die «Sauhunde» von der Kesb und ihre «Nazi-Methoden» schimpfen? Die Probleme der Kesb dürften jetzt von niemandem «instrumentalisiert» werden, «das taugt nicht zum Wahlkampfthema». Kast sagt es – und klingt schon wieder ein wenig wie ein abgebrühter Politiker.

Er hat rasch gelernt, wie seine Worte wirken.

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