Von Sandra Weiss

Diesmal dauerte die Freiheit 181 Tage für den Chef des Sinaloa-Kartells, Joaquín «El Chapo» Guzmán. Vor sechs Monaten gelang ihm eine spektakuläre Tunnelflucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis. In der Nacht zum Samstag ist Mexikos meistgesuchter Drogenboss in ebendieses Gefängnis 90 Kilometer ausserhalb von Mexiko-Stadt zurückgekehrt. «Mission erfüllt. Wir haben ihn», twitterte Mexikos Staatschef Enrique Peña am Freitagmittag. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe, doch die Presse musste sich bis kurz vor Mitternacht gedulden, bis Guzmán aus dem Bundesstaat Sinaloa in die Hauptstadt transferiert und dort der Öffentlichkeit präsentiert wurde – in blauer Jogginghose, mit kaltem Blick und weitgehend unverändert.

Seiner Festnahme vorausgegangen war eine monatelange Menschenjagd und eine atemberaubende Verfolgung, bei der der 58-jährige Chef des Sinaloa-Kartells seinen Verfolgern erneut fast entkommen wäre. Zum Verhängnis wurde ihm nach Angaben der Staatsanwaltschaft sein Ego. Guzmán habe vorgehabt, seine Biografie zu verfilmen, und deshalb Kontakte zu Produzenten und Schauspielern aufgenommen, wie die Generalstaatsanwältin Arely Gómez der Presse mitteilte. Diese Gespräche wurden abgehört und brachten die Ermittler auf seine Spur.

Bereits seit Oktober war ihm eine Sondereinheit der Marine auf den Fersen. Insgesamt mobilisierte die mexikanische Regierung über 9000 Soldaten und Sonderermittler. Im «Goldenen Dreieck» im Norden Mexikos nahmen sie ihn erstmals in die Zange. Bei der Suche hoben die Militärs ein Versteck in den Bergen aus und wurden dabei in ein Feuergefecht mit den Killern Guzmáns verwickelt. Ein Militärhelikopter habe Guzmán schon im Visier gehabt, als er in der unwirtlichen Region zu Fuss flüchtete, erzählte Gómez. Weil er aber in Begleitung von Frauen und Kindern gewesen sei, hätten die Soldaten das Feuer nicht eröffnet, und so sei ihm die Flucht erneut geglückt.

Die Beobachtung und Abhörung einiger seiner engsten Vertrauten sowie offenbar ein Tipp aus der Bevölkerung brachten die Ermittler schliesslich in die Stadt Los Mochis im Bundesstaat Sinaloa, wo Guzmán am Donnerstag in einem gepanzerten Fahrzeug ankam. Als sich die Marinesoldaten am Freitag im Morgengrauen dem Haus näherten, kam es zu einer Schiesserei, bei der fünf Drogenkiller getötet und sechs festgenommen wurden. Ausserdem wurde ein Arsenal schwerer Waffen, darunter ein Raketenwerfer, sichergestellt. Guzmán gelang zusammen mit seinem Sicherheitschef die Flucht durch die Kanalisation – einer seiner Lieblingstricks. Doch eine Einheit blieb ihm auf den Fersen und erwischte ihn in einem gestohlenen Auto auf einer Ausfallstrasse.

Das war das Ende seiner zweiten Flucht aus einem mexikanischen Hochsicherheitsgefängnis. Zum ersten Mal war er 2001 im Wäschewagen entwischt, nachdem er acht Jahre Haft abgesessen hatte. Im Februar 2014 hatten ihn die Ermittler in der nordmexikanischen Hafenstadt Mazatlán geschnappt, doch schon im Juli 2015 floh Guzmán erneut – diesmal durch einen Tunnel. Beide Male hatte er Wärter und die Gefängnisleitung bestochen. Deshalb will die mexikanische Regierung nun die Sicherheitsvorkehrungen nochmals verschärfen und die Umgebung der Haftanstalt von Soldaten patrouillieren lassen. Das ist Experten zufolge aber nicht wirksam, um die Schwächen und Korruptionsanfälligkeit des mexikanischen Strafvollzugs zu bekämpfen.

Die US-Regierung würde den Drogenboss am liebsten hinter US-Gittern sehen. US-Staatsanwältin Loretta Lynch beglückwünschte Mexiko, sprach von einem «gemeinsamen Erfolg» und forderte, Guzmán «für alle seine Verbrechen zu bestrafen». Sie spielt damit auf Schwächen im mexikanischen Justizsystem an, das in 98 Prozent aller Straftaten nicht in der Lage ist, die Täter mit handfesten Beweisen hinter Gitter zu bringen. Auch Guzmáns weitverzweigtes Firmen- und Geldwäscheimperium funktionierte nach seiner Festnahme nahezu unverändert weiter.

Die USA hatten im September deshalb die Auslieferung Guzmáns beantragt. Ob und wann diese stattfindet, war zunächst unklar. Gegen die erste Auslieferung hatten Guzmáns Anwälte Einspruch eingelegt, unter anderem deshalb, weil in den USA die Todesstrafe herrsche. Das Justizsystem in Mexiko ist bürokratisch und langsam. Es gibt auch politische Widerstände – möglicherweise haben nicht alle Politiker Interesse daran, dass Guzmán den USA sein Korruptionsnetzwerk offenlegt, um damit einen Strafnachlass zu erwirken. Innenminister Miguel Angel Osorio erklärte vor einigen Monaten, zuerst einmal müsse der Prozess in Mexiko abgeschlossen sein. Der Druck aus den USA auf den Bündnispartner dürfte jedoch zunehmen. Mexiko hängt wirtschaftlich von den USA ab und befindet sich nach dem Verfall des Peso und der Erdölpreise in einer wirtschaftlich heiklen Lage.

Guzmáns Lebensweg ist längst Legende in Mexiko. Geboren wurde er als Sohn armer Bauern in Las Tunas, einem Nest in den Bergen von Sinaloa, dem Hauptanbaugebiet für Heroin und Marihuana. Eine Region, so arm und vergessen, dass die Kartelle leichtes Spiel hatten. Jeder dort profitierte vom Drogengeschäft, das in den 50er- und 60er-Jahren seine Blüte erlebte – bis US-Präsident Richard Nixon den Drogenkrieg erklärte. Von da an nahmen die Razzien zu, und das Militär wurde zum erklärten Feind der Bevölkerung, die Kartelle hingegen zu ihrem Wohltäter und Beschützer. In diesem Ambiente wuchs Guzmán auf. Er war acht Jahre alt, als er erlebte, wie ein Militärkommando in das 250-Seelen-Dorf einfiel, Kinder, Frauen und Männer misshandelte und Geld stahl.

Seine kriminelle Karriere begann Guzmán als Gehilfe des Chefs des Guadalajara-Kartells, Miguel Angel Gallardo. Er war geschickt und loyal und stieg rasch auf. Nachdem Gallardo 1989 festgenommen wurde, übernahm Guzmán das Ruder. Mit Waffengewalt sicherte er sich die Kontrolle über die Grenzstadt Tijuana, wo er Tunnel graben liess, um die Drogen in die USA zu schmuggeln. 1993 entkam er einem Mordanschlag des verfeindeten Tijuana-Kartells – stattdessen starb Kardinal Juan Jesús Posada im Kugelhagel. Guzmán floh vor dem Medienrummel nach Guatemala, wurde dort aber denunziert und wenige Wochen später gefasst und ausgeliefert.

Sein eigentlicher Aufstieg zu einem der mächtigsten Drogenbosse und reichsten Männer der Welt – «Forbes» beziffert sein Vermögen auf 1,1 Milliarden US-Dollar – begann nach seiner Flucht im Wäschewagen. Skrupellos und gewalttätig baute er sein Imperium aus und schickte seine Killer los, um Schlüsselpositionen zu erobern – so wie Ciudad Juárez, wo er zwischen 2008 und 2010 das Juárez-Kartell bekriegte und schliesslich besiegte.

Doch im Gegensatz zu anderen Kartellen wie den Zetas oder den Tempelrittern liess Guzmán nicht zu, dass seine Statthalter Schutzgelder erpressten oder sich mit Entführungen querfinanzierten. Wo er herrschte, war Ruhe, der Bevölkerung spendierte er Dorffeste, und die Behörden waren gut geschmiert. Deshalb war er populär. Sieben Geliebte und gut ein Dutzend Kinder soll er haben. Seine erneute Festnahme dürfte nach Auffassung von Experten seinen Stern langsam sinken lassen – doch seine Söhne Iván Archivaldo und Alfredo stehen bereits in den Startlöchern.

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