Der Blick auf die Kondukteure hat sich innerhalb einer Woche verändert. Pendler nehmen die täglichen Billettkontrollen in Schnellzügen weniger als Schikane wahr, sondern vermehrt als Luxus. Nach den Attacken in unbegleiteten Regionalzügen in Würzburg (D), Salez (CH) und Vorarlberg (A) werden mehr Zugbegleiter gefordert. Der Kondukteur als Symbol von Sicherheit und Ordnung.

Das SBB-Personal ist auch ein Indikator der Sicherheitslage in den Zugsabteilen. Herrscht eine aggressive Stimmung, kriegen das die Kontrolleure als Erste zu spüren. Eine Auswertung der «Schweiz am Sonntag» ergibt ein erstaunliches Resultat: 2015 wurden so wenige Übergriffe auf das SBB-Personal registriert wie nie zuvor. 184 Angestellte wurden Opfer einer Tätlichkeit. Das ist immer noch viel. Jeden zweiten Tag kommt es zu einem Übergriff. Doch vor acht Jahren wurden fast täglich Tätlichkeiten gemeldet. Dabei beförderten die Bundesbahnen damals weniger Passagiere und beschäftigten weniger Zugspersonal als heute.

Für einen Rückgang der Übergriffe sorgte eine Personalaufstockung. 2009 wurden auf kritischen Linien nachts und am Wochenende mehr Zugsbegleiter und private Sicherheitsleute eingesetzt. 2012 stiegen die Übergriffe vorübergehend an. Betrunkene Jugendliche, Migranten und osteuropäische Banden wurden damals als Täter identifiziert. Im gleichen Jahr wurden sämtliche Intercity- und Interregio-Züge neu von zwei Kondukteuren begleitet. Zudem wurde die Transportpolizei bewaffnet. Die Anzahl der Übergriffe geht seither kontinuierlich zurück.

Auch ein weiteres Kriterium spricht für die verbesserte Sicherheitslage. Das Sicherheitsgefühl der Passagiere an den Bahnhöfen erreichte 2015 einen historischen Höchstwert, jenes in den Zügen blieb konstant hoch. Zu diesem Schluss kommen zumindest die SBB nach Telefonbefragungen und Online-Interviews.

Martin Killias widerspricht
Kriminologe Martin Killias schätzt die Sicherheitslage anders ein. Der positive Befund treffe nur auf begleitete Schnellzüge zu. In unbegleiteten Regionalzügen habe die Sicherheit abgenommen. Vor vier Jahren wurden mehrere Interregios zu Regio-Express-Zügen degradiert und somit kondukteurlos wie S-Bahnen. «Wenn kein Personal da ist, gibt es auch keine Übergriffe», sagt Killias. Zudem würden die SBB bei Stichkontrollen in S-Bahnen mit «einem massiven Aufgebot» aufmarschieren. Nur aus diesem Grund passiere nichts.

Killias’ Sicherheitsgefühl sank nach einem Erlebnis. Auf einer Zugfahrt habe er beobachtet, wie eine Frau belästigt worden sei. Als er die Polizei alarmiert habe, sei der Mann auf ihn losgegangen. Killias flüchtete aufs WC: «Es ist unglaublich, wie lange nichts passiert ist, von Lausanne bis Freiburg. Erst dann holte die Polizei den Mann aus dem Zug.»

Zahlenmaterial sammelte Killias im Zürcher Verkehrsverbund. Er untersuchte die vorübergehende Einführung systematischer Kontrollen in der S-Bahn. Innert kurzer Zeit sank nicht nur die Schwarzfahrerrate. Auch die Sachbeschädigungen gingen zurück. Durch den Rückzug des SBB-Personals aus den Regionalzügen seien Sicherheitslücken entstanden, sagt Killias. Auch in der Aviatik seien sie lange unentdeckt geblieben: «Flugzeugentführungen wären schon in den 50er-Jahren möglich gewesen, kamen aber erst 1968 auf.»

Trotz Differenzen bei der Einschätzung der Sicherheit besteht Konsens, wie sie gesteigert werden könnte: mit mehr Kondukteuren. Die SBB fühlen sich nicht zuständig und verweisen auf die Kantone, die den Regionalverkehr definieren. Dazu gehöre auch die Zugsbegleitung.

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