Für 60 Menschen kam dieses Jahr keine Hilfe. Sie hatten vergeblich auf ein Herz, eine Niere, eine Leber oder eine Lunge gehofft. «Das schmerzt», sagt Franz Immer, der frühere Herzchirurg und heutige Direktor von Swisstransplant. Die Stiftung ist für die Organvermittlung in der Schweiz zuständig.

81 Prozent der Schweizer wären grundsätzlich bereit, nach ihrem Tod ein Organ zu spenden. Doch tatsächlich spenden die wenigsten. Nirgendwo sonst in Mitteleuropa sind so wenige zu diesem Schritt bereit wie hierzulande. Nur 14 von 1 Million Schweizern retten nach ihrem Tod das Leben eines anderen Menschen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat deshalb einen Aktionsplan erstellt. Das ambitionierte Ziel: Die Zahl der Organspender bis 2018 auf 20 pro Million Einwohner zu erhöhen. «Es wird mindestens zwei Jahre dauern, bis die Vorgaben erreicht sind, doch wir sind auf dem Weg», sagt Immer.

Zurzeit warten 1394 Patienten auf ein Organ, darunter Kinder und junge Menschen. Seit Jahren wächst die Warteliste um weitere Namen an. Allerdings ist die Zunahme dieses Jahr erstmals nicht mehr so gross wie früher. Im Vergleich zu 2014 stehen 24 Personen mehr auf der Liste. In den vergangenen Jahren kamen jeweils bis zu 100 Patienten dazu. «Dies ist erfreulich, doch die Situation bleibt angespannt», sagt Immer.

472 Tage wartet ein Empfänger im Durchschnitt auf ein Herz. Die Schwierigkeit bei diesem Organ: Zwischen Spender und Empfänger sollten nicht mehr als 15 Altersjahre liegen. «Durch verschiedene Lawinenunfälle waren die Spender dieses Jahr eher jünger und das war für ältere Wartende ein Nachteil», sagt Immer. Wie stark sich unter anderem die Wintersportunfälle auf die Zahl der Spender auswirkt, zeigte sich im ersten Quartal. 47 Menschen haben ihre Organe gespendet. In den darauffolgenden Quartalen waren es jeweils noch je 31. Insgesamt konnten die Ärzte 358 Organe an Wartende weitergeben.

Akuter Bedarf besteht derzeit für Nieren und Lebern. 1072 Empfänger warten auf eine Niere. Bei der Leber sind es 174. Eine Expertengruppe hat in den letzten zwei Jahren Anpassungen in der Zuteilung beschlossen, die vom BAG umgesetzt wurden. So werden seither insbesondere Kinder bevorzugt. Denn eine Leber lässt sich auf zwei Spender aufteilen, sofern die zweite Person nicht mehr als 25 Kilogramm wiegt.

Ebenfalls bevorzugt werden seit 2008 Kinder und Jugendliche, die eine Niere brauchen. Damit möchte Swisstransplant jungen Menschen ermöglichen, eine Ausbildung zu absolvieren – ohne zeitaufwendige Dialyse (Blutwäsche). So erhalten Patienten unter 20 Jahren innert drei bis sechs Wochen eine Niere. Ist ein Patient älter, wartet er im Schnitt dreieinhalb Jahre.

Doch diese Massnahmen reichen noch nicht. «Es bräuchte pro Jahr 170 Spender», sagt der Direktor von Swisstransplant. Das sei eine Verdoppelung der Spender. «Ein ehrgeiziges Ziel, ich weiss es, aber es ist nicht unrealistisch.» Optimistisch stimmt ihn die neue Spender-App «Echo112». 100 000 Menschen haben sich dieses Jahr so registriert. Dieser digitale Spenderausweis wird beim Eingang in die Notaufnahme automatisch auf den Smartphones angezeigt. «Am wichtigsten ist jedoch, seine Liebsten zu informieren», sagt Immer. Denn die meisten Spender würden verloren gehen, weil ihr Wille nicht bekannt sei.

Als Organspender kommen Patienten mit schwersten Hirnschädigungen infrage. «Da der hirntote Mensch sich nicht mehr äussern kann, ist es für die Angehörigen wie auch für das Spitalpersonal entlastend, den Wunsch des Verstorbenen zu kennen», sagt Immer. Zu alt zum Spenden sei niemand. Massgebend sei, wie jemand gelebt habe. «Auch die Leber oder Lunge einer gesunden 88-Jährigen kann Leben retten.»

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