Was haben Staatsmann Winston Churchill, Politiker Peer Steinbrück und Showmaster Harald Schmidt gemeinsam? Alle blieben in ihrer Schulzeit einmal sitzen, alle mussten mindestens eine Klasse wiederholen.

In der Schweiz drehen gemäss Bundesamt für Statistik über 20 000 Buben und Mädchen jährlich eine solche Ehrenrunde. Das sind 2,4 Prozent aller Primar- und Oberstufenschüler. In manchen Kantonen liegt die Quote bei den Sekundarschülern gar bei 4,5 Prozent.

Für die Lehrer sind das viel zu viele. Der Schweizer Lehrerverband (LCH) will deshalb die Zahl der Sitzenbleiber reduzieren. «Eine Repetitionsquote von einem Prozent reicht völlig aus», sagt Jürg Brühlmann, Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle des LCH.

Er sieht die Zwangsrepetition nur als äusserstes Mittel, das von den Schulbehörden nicht leichtfertig gewählt werden dürfe. Schliesslich gebe es heute ein ganzes «Arsenal von Alternativen». Dazu zählt der Pädagoge beispielsweise altersdurchmischte Klassen, wie es sie in Bern oder der Ost- und Innerschweiz gibt. In diesen Klassen können die Kinder ihr eigenes Tempo besser wählen. Hat ein Schüler Mühe mit Mathematik, lernt er einfach mit den jüngeren Klassenkameraden. Umgekehrt kann er auch seine Talente auf einer höheren Stufe fördern. Diese individuellen Anpassungen senken die Repetitionsquote.

Ähnlich sieht es der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne). «Beim Übertrittsentscheid müssen wir davon wegkommen, nur auf die Noten zu schauen.» Eine solche Guillotine-Lösung sei nicht mehr zeitgemäss.

Der Präsident des Lehrerverbands, Beat Zemp, knüpft die tiefere Repetitionsquote aber daran, dass die Schulen das eingesparte Geld in bessere Lernbedingungen investieren. Das wären Millionenbeträge, weil jedes Kind, das sitzen bleibt, den Steuerzahler jährlich 12 000 bis 17 000 Franken kostet. Bei 20 000 Kindern sind das über 300 Millionen Franken.

Doch es geht um viel mehr als nur ums Geld, wie die neu entfachte Debatte in Deutschland zeigt. Dort will die rot-grüne Regierung in Niedersachsen das Sitzenbleiben gleich ganz abschaffen. Die Fronten sind verhärtet. Für die Traditionalisten ist dieses Vorhaben blanker Unsinn, eine Idee, auf die nur naive Utopisten kämen. Hingegen ist für viele linksgerichtete Reformpädagogen die Repetition ein reines Drohmittel, ein Relikt vergangener Zeiten. Durch Frust und Unlust fielen die Betroffenen noch weiter ab, sagen sie.

Auch in der Schweiz gibt es Abschaffungs-Befürworter. Einer ist Dieter Rüttimann, Schulleiter der Privatschule Unterstrass und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich. «Eine Klasse wiederholen zu müssen, schadet mehr, als es hilft», sagt er. Der Leistungsvorsprung sei schnell aufgebraucht. Wichtiger sei für die Schüler, in der gleichen Bezugsgruppe bleiben zu können.

SP-Nationalrat Matthias Aebischer war früher selbst Lehrer und unterrichtete an der Unter- und Oberstufe. «Für die Psyche eines Kindes ist es nicht gut, wenn es repetieren muss», sagt er. Zu oft werde diesen Schülern das Gefühl gegeben, sie seien weniger intelligent als andere. «Es ist einschneidend, aus einer Klasse herausgerissen zu werden.»

Drohten früher meistens Lehrer und Schulen mit Repetition, sind es heute vermehrt die Eltern, die auf die Ehrenrunde bestehen. Sie sehen ihren Nachwuchs dann besserer gerüstet für den Sprung ins Gymi. «Eltern setzten die freiwillige Repetition heute häufig gezielt zur Leistungssteigerung ein», sagt Brühlmann. Im Kanton Zürich darf die 6. Klasse deshalb nur wiederholt werden, wenn «aussergewöhnliche Umstände» vorliegen.

Mit neuen Lehrformen beschäftigen sich auch die Erziehungsdirektoren. Das Sitzenbleiben ganz abzuschaffen, ist für den Schaffhauser Regierungsrat und Präsidenten der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz, Christian Amsler (FDP), aber keine Option. Es gäbe viele Beispiele von Schülern, die von solch einer Ehrenrunde sehr profitiert hätten. Doch das traditionelle Klassendenken sei heute vermehrt unter Druck.

«Es braucht Flexibilität», sagt Amsler. Alters- und niveaudurchmischte Klassen seien deshalb eines der ganz grossen Themen – und würden auch im Lehrplan 21 gefördert. Die neuen Lehrmittel müssen diese Klassen stärker berücksichtigen. Die Erziehungsdirektoren halten nächste Woche ihre erste Plenarversammlung zum neuen Entwurf des Lehrplans 21 ab. Ende Juni soll der Lehrplan offiziell vorgestellt werden.

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