Von Renzo Ruf aus Des Moines (Iowa)

Verleger Jack Fowler ist sich einiges gewohnt. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert arbeitet der bärbeissige New Yorker für das Meinungsblatt «National Review». Weil die traditionsreiche Zeitschrift, in den Fünfzigerjahren durch den konservativen Intellektuellen William F. Buckley ins Leben gerufen, liebend gern heilige Kühe schlachtet, muss Fowler regelmässig aufgebrachte Leserinnen und Leser besänftigen.

Das Ausmass des Donnerwetters, das in den vergangenen Tagen über Fowler niedergegangen ist, hat aber auch den abgebrühten Meinungsmacher erstaunt. Er spricht von einem «Tsunami» und lacht trocken. Anlass: Die neuste Ausgabe des «National Review», in der 22 einflussreiche Kommentatoren aus dem rechten Politspektrum (fast) sämtliche Gründe auflisten, die dagegen sprechen, Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei zu küren. Fazit des Magazins: «Trump ist ein politischer Opportunist ohne philosophisches Rückgrat, der den breiten ideologischen Konsens innerhalb der Republikaner durch einen schwer fassbaren Populismus mit diktatorischen Beiklängen ersetzen würde.»

Mit der scharfen Kritik an Trump steht die Zeitschrift, die von Historikern als Bibel der konservativen Bewegung bezeichnet wird, nicht allein. Rechte Meinungsmacher schreiben seit Wochen gegen den populären Kandidaten an. Zuerst waren die Texte in einem leicht sarkastischen Ton gehalten, glaubte doch fast niemand daran, dass der New Yorker Immobilienspekulant die Stehkraft zu einer Präsidentschaftskandidatur mitbringen würde. Trump bewies das Gegenteil.

Je näher deshalb die Vorwahl-Saison kommt, die morgen Montag mit den Wahlversammlungen (Caucuses) in Iowa beginnt, desto dramatischere Töne schlagen die intellektuellen Konservativen an. Trump sei ein «langjähriger Linker», dessen Weltanschauung auf Pop-Kultur, progressiven Ideen und «vulgärem Nationalismus» aufbaue, schrieb Stephen Hayes, ein Kommentator des «Weekly Standard», in einem langen Leitartikel. (Das Meinungsblatt gilt als Hauszeitschrift des neokonservativen Flügels der Republikanischen Partei.)

Falls die Republikaner in den Vorwahlen dem Kandidaten Trump den Vorzug geben würden, hielt Hayes weiter fest, dann seien sie selbst schuld – denn in diesem Fall würde ein Demokrat (sprich: Hillary Clinton) weitere vier Jahre im Weissen Haus den Ton angeben. Ähnlich pessimistisch äusserte sich das «Wall Street Journal», die konservative Stimme der Finanz- und Wirtschaftswelt, über den Kandidaten Trump. Zwar könne letztlich niemand voraussagen, wie Trump abschneiden würde – seine Kandidatur wäre ein «black swan», ein unvorhergesehenes Ereignis mit unvorhersehbarem Ausgang.

Anzunehmen sei aber, dass ein republikanischer Bannerträger Trump die Wahlchancen sämtlicher Kandidaten seiner Partei gefährden würde. Damit sei nicht nur die republikanische Mehrheit im Senat in Gefahr (55 von 100 Sitzen), sondern auch die Dominanz im Repräsentantenhaus, schrieb das «Wall Street Journal». (Die Republikaner haben zurzeit 246 von 435 Sitzen.) Kandidat Trump wäre damit verantwortlich für Präsidentin Clinton und den wirtschaftspolitischen Schaden, den sie anrichten würde.

Andererseits: Besonnene Stimmen sagen, es sei zu früh, um Nachrufe auf die Republikanische Partei zu verfassen. Sie verweisen darauf, dass Trump ein geborener Geschäftemacher sei, der in New York City mit demokratischen und republikanischen Stadtpräsidenten zusammengearbeitet habe.

Ausgerechnet der ehemalige Chefstratege von Präsident Barack Obama, der Demokrat David Axelrod, schrieb diese Woche in einem Meinungsbeitrag für die «New York Times», dass der Aufstieg von Donald Trump rational nachvollziehbar sei. Denn «der Stil und die Persönlichkeit» des Amtsinhabers, der nach einer erfolgreichen Wiederwahl im Jahr 2012 nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren darf, habe einen entscheidenden Einfluss auf das Rennen seines Nachfolgers oder seiner Nachfolgerin.

Will heissen: Nach acht Jahren Barack Obama wollen die Amerikaner nicht wieder einen kopfgesteuerten Landesvater. So war es schon vor acht Jahren, als die Wählerinnen und Wähler nach einem Nachfolger für den Bauchmenschen George W. Bush suchten. Und acht Jahre zuvor, als sich Bill Clinton in den Ruhestand verabschiedete, nachdem er im Zuge eines Sex-Skandals fast durch das Parlament des Amtes enthoben worden war.

Der Politikprofessor Alan Abramowitz der an der Emory University in Georgia unterrichtet, verweist zudem darauf, dass die Gefahr einer Spaltung der konservativen Partei gering sei.

Denn bei den Republikanern handle es sich um eine «ideologisch höchst kohäsive» Vereinigung, die sich schon vor einiger Zeit von den letzten verbleibenden moderaten Amtsträgern verabschiedet habe.

«Die grosse Mehrheit der Republikaner hasst Präsident Barack Obama und Hillary Clinton derart», dass es den Stammwählern nie in den Sinn kommen würde, aus Protest für einen Demokraten zu stimmen», sagt Abramowitz. Der Graben, der sich zwischen den beiden Grossparteien aufgetan habe, sei viel zu gross – nicht einmal Baulöwe Donald Trump könnte ihn (aus Versehen) zuschütten.

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