Familie und Sexualität, darüber diskutieren in diesen Tagen rund 200 Kardinäle, Bischöfe und Priester in Rom. Papst Franziskus hat sie aufgefordert, über Empfängnisverhütung, Homosexualität und Scheidung einen «ehrlichen, offenen und brüderlichen Dialog» zu führen.

Nirgends klafft eine grössere Lücke zwischen der katholischen Kirche und der Lebensrealität der Gläubigen als beim Verständnis von Liebe und Beziehung. Das zeigt sich auch am Rückgang von kirchlichen Hochzeiten. Das Versprechen der bedingungslosen Liebe, einander im Leben und bis zum Tod treu zu bleiben, wird immer seltener vor Gott abgegeben. Noch knapp 20 Prozent der Paare lassen sich hierzulande in der Kirche trauen. Und auch die Taufen haben in den vergangenen Jahren um einen Fünftel abgenommen.

«Die Sakramente verlieren an Bedeutung», sagt Judith Albisser vom Pastoralsoziologischen Institut in St. Gallen. Passen die Liturgien der Kirche nicht mehr zu einem Menschen, werden für Feste an den Wendepunkten des Lebens häufig freie Redner, sogenannte Zeremonienmeister, engagiert.

Der neue Berufsstand hat grossen Zulauf. Die Ritualberater bedienen offenbar eine Nachfrage nach spirituellen Akten, welche die Kirche nicht mehr füllen kann. Wolfgang Weigand hat im Jahr 2000 begonnen, als Ritualberater zu arbeiten. Heute begleitet er über 40 Trauungen und etwa gleich viele Abdankungen pro Jahr. «Menschen haben für bestimmte Feierlichkeiten ein Bedürfnis nach einem zeremoniellen Rahmen, den sie sich selber nicht geben können», sagt Weigand. Er ist freischaffender Theologe, so wie mehr als die Hälfte der rund 40 aktiven Ritualberater in der Schweiz.

Es gibt auch philosophische oder esoterische Zeremonienmeister. Weigand stellt aber fest, dass sich manche Interessenten explizit an ihn wenden, weil er Theologe ist. «Sie wollen eine Sicherheit, dass ich im symbolischen Handeln geübt bin.» Wo es seiner Meinung nach passt, lässt Weigand auch religiöse Elemente mit einfliessen. «So wollte beispielsweise eine Witwe, dass wir am Ende der Abdankung zusammen das Vaterunser beten.»

Eine Beobachtung, die der Theologe besonders spannend findet: Bei Trauungen verlangen jüngere Paare kirchennähere Abläufe als Paare, die bereits zum zweiten Mal heiraten oder älter sind. «Sie wollen sich vor ihren Angehörigen das Ja-Wort geben, die Ringe tauschen und die Frauen wünschen sich ein weisses Kleid.»

Am häufigsten werden Ritualberater für Hochzeiten engagiert. Die Soziologin Fleur Weibel erstaunt dies nicht. Sie untersucht an der Universität Basel, wie Paare ihre Hochzeit inszenieren. Die Studie soll im Herbst 2016 fertig sein. Bereits jetzt kann Weibel sagen: Trauungsrituale ohne kirchlichen Segen liegen im Trend. Fast ein Drittel der von ihr untersuchten Hochzeitspaare wählte diese Form für die Vermählung. «Trauungsrituale bieten Platz für Individualität», sagt Weibel.

Sie ist überzeugt, dass sich diese Heirats-Form weiter etablieren wird. Auch darum, weil sie eine dritte Möglichkeit zu Kirche und Standesamt bietet. Eine kirchliche Trauung ist für viele keine Option mehr, da das Paar entweder konfessionslos ist oder ihnen der Bezug zur Religion fehlt. Und der Akt auf dem Standesamt ist einigen zu wenig emotional. «Zwar bieten heute auch Standesämter längere Trauungen mit Gedichten und musikalischen Einlagen an, doch häufig sind die Räume zu klein für eine ganze Festgemeinde», sagt Weibel.

Die ausserkirchlichen Zeremonien können ganz schön ins Geld gehen: Für Hochzeiten empfiehlt die Website Ritualnetz.ch ihren Mitgliedern Honoraranforderungen zwischen 900 und 2000 Franken. Doch die freien Rituale treffen den Zeitgeist. Das sieht auch Susanna Desax so. Die Philosophin bezeichnet sich mehr als Zeremonienleiterin denn als Ritualberaterin. Auf sie kommen auch mehrheitlich Menschen zu, für die der Glaube an eine höhere Macht fragwürdig ist. «Esoterische und religiöse Elemente für die Feier werden selten gewünscht, weil ich als Philosophin wohl eher Paare anspreche, denen dieser Bezug fehlt», sagt Desax. Umso wichtiger sei ihren Kunden, eine Zeremonie so zu gestalten, dass sie sich damit identifizieren können.

Die Gemeinde der Konfessionslosen hat sich seit 2000 praktisch verdoppelt. 21,4 Prozent oder 1,7 Millionen Menschen gehören in der Schweiz keiner Religionsgemeinschaft an. Die grösste Nachfrage an Ritualberatern dürften aber distanzierte Christen und religionsinteressierte Menschen haben, ist Oliver Krüger, Religionswissenschafter an der Universität Freiburg, überzeugt. «Die persönliche Beziehung der Gläubigen zum Pfarrpersonal schrumpft. An dieser Stelle können freie Ritualgestalter ‹einspringen›.» Krüger stellt aber auch fest: «Die Kirchen sind heute stärker darum bemüht, die einzelnen Gläubigen in das Ritualgeschehen zu integrieren. Liturgien werden ansprechender, dynamischer.»

Die zweiwöchige Synode in Rom dauert noch eine Woche. Die Erwartungen an das wichtige Bischofstreffen sind hoch, nicht wenige Katholiken erhoffen sich einen Kurswechsel. Doch die Fronten in der Kirche sind verhärtet: Selbst besonnene Kardinäle wie Walter Kasper aus Deutschland sprechen von einem an der Synode bevorstehenden «theologischen Krieg» zwischen Dogmatikern und Reformern. Künftige Leitlinien sind frühestens in zwei Jahren zu erwarten. Jetzt geht es erst um eine Bestandesaufnahme.

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