Von Claudia Weiss

Weiss, geschmeidig, gewachst, ungefähr einen halben Meter lang und manchmal nach Minze duftend: Mit einem solchen Stück sollten auch Schweizerinnen und Schweizer täglich ihre Zahnzwischenräume reinigen. «Zahnseide, einmal täglich», verordnen Zahnärztinnen und Dentalhygieniker streng, und wer seine Pflicht versäumt, muss mit Schelte rechnen.

Offenbar zu Unrecht, wie gleich zwei Cochrane-Studien zeigen. Internationale Expertengruppen haben diverse Zahnseiden-Studien der letzten Jahre verglichen und daraus geschlossen: Es gibt höchstens geringfügige und ungenügende Beweise dafür, dass Zahnseide gegen Plaque und Zahnfleischentzündungen hilft. Die eine Forschergruppe rund um Tina Poklepovic von der Universität Split fand sogar nebst drei Studien, die «keinen negativen Effekt auf Zahnzerfall zeigten», zwei Studien, die auf «negative Effekte wie Verletzungen und Probleme» hinwiesen.

«Zahnseide ist für Laien ungeeignet», sagt Ulrich P. Saxer, ehemaliger Leiter des Prophylaxe-Zentrums Zürich, der an keiner der Metastudien beteiligt war. Beim Versuch, sie zwischen zwei Zähnen hindurchzuzwängen, könne Zahnseide wie ein Nylonmesser wirken, das Zahnfleisch verletzen und es dadurch gar zum Schrumpfen bringen. «Ich sehe es am Zahnfleisch fast eines jeden Patienten, wenn er Zahnseide verwendet», sagt der Professor für Parodontologie, ein Fachgebiet der Zahnmedizin, das sich mit Schäden des Zahnhalteapparats wie Zahnfleischerkrankungen auseinandersetzt.

Für Saxer ist klar: «Heute gibt es bessere Alternativen.» Airfloss beispielsweise. Dabei werden die Zahnzwischenräume mit einem Gerät gereinigt, das feinste Wassertropfen mit Tempo 80 zwischen die Zähne schiesst. Fast so effizient wirken gemäss Saxers Erfahrung hydrodynamische Schallzahnbürsten, deren Borsten mit über 30 000 Hin- und Herbewegungen pro Minute Scherkräfte erzeugen. «Diese entfernen den bakteriellen Biofilm auch im Zahnzwischenraum», versichert der Zahnmediziner. «Bei Jugendlichen, die ja heute kaum mehr Karies in den Zahnzwischenräumen aufweisen, ist diese Technik genügend.»

Ausgezeichnete Argumente, die blöden weissen Wachsfadenrollen im Badezimmerkübel zu versenken. Oder sie gar nicht erst zu kaufen? «Nein», findet die Schweizerische Zahnärztegesellschaft SSO entschieden. «Uns sind jene Stimmen bekannt, die den Nutzen von Zahnseide infrage stellen», sagt Christoph Epting, praktizierender Zahnarzt in Basel und Präsident der Deutschschweizer Informationskommission. Alle der verglichenen Studien, die einen negativen Effekt der Zahnseide feststellten, dauerten zu kurz, um die tatsächlichen Auswirkungen auf allfälligen Zahnzerfall oder faulende Zähne zu erkennen. Das gestanden auch die Experten in ihrem Bericht ein.

Die offizielle Stellungnahme der SSO bleibt deshalb eindeutig: «Die Mehrheit der Schweizer Zahnärztinnen und Zahnärzte wie auch der Dentalhygienikerinnen befürworten nach wie vor den Einsatz von Zahnseide.» Und das nicht zu knapp: Ungefähr einen halben Meter täglich sollten alle Leute ab 16 Jahren verbrauchen. Das wären hochgerechnet rund 180 Meter pro Jahr. Effektiv lag der Verbrauch gemäss «Schweizerischer Monatsschrift Zahnmedizin» im Jahr 2004 bei kläglichen 7,8 Metern pro Person und Jahr. Diese Zahlen dürften heute nicht viel anders aussehen. Denn kaum jemand, der nicht Zahnarzt ist, scheint die Zahnseide zu mögen.

«Das Thema Zahnseide bereitet vielen Leuten Mühe», bestätigt Dominik Hofer, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Parodontologie SSP und praktizierender Fachzahnarzt für Parodontologie in Langnau BE. Für ihn, der jährlich Hunderte von Gebissen sieht, liegt klar auf der Hand: «Zahnseide ist einfach, billig, hygienisch und wirkungsvoll.»

Zahnfleischverletzungen ist er zwar tatsächlich schon begegnet: «Das sind Patienten – meist Männer –, die zu einem Termin bei der Dentalhygienikerin oder bei mir kommen. Mit schlechtem Gewissen traktieren sie dann ein paar Tage davor erstmals seit Monaten ihre Zähne so wild mit Seide, bis das Zahnfleisch blutet.» Zahnfleischverletzungen gebe es eigentlich nur, wenn die Zahnseide falsch angewendet werde. Wer sich hingegen genau instruieren lasse und regelmässig und konsequent «seidele», bringe sein Zahnfleisch weit weniger in Gefahr als jene, die sich allein auf Zahnbürste und Zahnpasta verlassen. Doch auch er gibt zu: «Das mit der Zahnseide ist ein Glaubenskrieg.»

Einig hingegen sind sich die Experten darin, dass die Zahnzwischenräume gereinigt werden müssen – wenn nicht mit Zahnseide, dann mit dem erwähnten Air Floss oder einer hydrodynamische Schallzahnbürste. «Man sollte unbedingt alle Flächen eines Zahns reinigen», sagt Ulrich P. Saxer. «Schliesslich streichen Sie ja auch nicht nur zwei der vier Wände Ihres Wohnzimmers.»

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