Mit 82,8 Jahren gehören Schweizer weltweit zu den Menschen mit der höchsten Lebenserwartung. Doch es gibt hierzulande grosse regionale Unterschiede, wie alt jemand wird. Das stellen Forscher der Universität Bern fest. «Die Kluft innerhalb der Schweiz ist in etwa so gross wie zwischen der Schweiz und Kuba», sagt Studienmitverfasser Matthias Egger vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin. 7,3 Jahre beträgt die maximale Differenz bei den Männern. Bei den Frauen sind es 3,7 Jahre. So stehen einem 30-Jährigen aus einem violett markierten Gebiet der oben gezeigten Landkarte noch 46,9 bis 48,9 Lebensjahre bevor. Mit anderen Worten: Er stirbt im Durchschnitt mit 77,9 Jahren. Ein 30- Jähriger aus einer gelben Region stirbt hingegen erst mit 82,5 Jahren.

Die Chancen auf ein langes Leben stehen vor allem in den urbanen Zentren wie Zürich, Bern, Basel, Genf und entlang von Seen gut. Anders sieht es in Alpentälern, im Jura und im Luzerner Hinterland und im Emmental aus.

Die Gemeinden mit der tiefsten Lebenserwartung sind: Unterschächen UR, Grengiols VS, Lugnez JU und Spiringen UR. Warum auch in Muotathal SZ die Lebenserwartung weniger hoch ist als andernorts, erklärt sich Gemeindeschreiber Thaddäus Langenegger mit dem Verhalten der Bevölkerung: «Die Muotathaler gehen bei Beschwerden nicht gleich zum Arzt. Und einige gehen erst, wenn es schon zu spät ist.» Zudem hätten die beiden Dorfärzte vor kurzem auch den Gemeinderat informiert, dass einige besser auf die Ernährung achten sollten.

Stefan Bertsch, Gemeindeschreiber in Mels SG, sieht unter anderem in der Steuerkraft ein Grund: «Im Sarganserland sind die Einkommen eher tief im Vergleich zu den Gebieten mit einer hohen Lebenserwartung.»

So zeigt sich denn auch: Am ältesten werden Bewohner in wohlhabenden Gemeinden wie Uitikon ZH, Küsnacht ZH, Commugny VD und Herrliberg ZH. Den Uitikoner Gemeindeschreiber Bruno Bauder erstaunt dies nicht. «Zum einen wohnen hier viele gut situierte Pensionierte, die es sich leisten können, zu einem guten Arzt zu gehen. Und zum andern wissen sie durch ihre Bildung, was für ein gesundes Leben wichtig ist.» Ebenfalls seien viele in ein gutes soziales Netzwerk eingebunden. Bendicht Oggier, Gemeindeschreiber von Engelberg OW, ist überzeugt, dass die Tourismusinfrastruktur zur hohen Lebenserwartung seiner Mitbürger beiträgt. «Wer Tennisplätze oder Skipisten vor der Haustüre hat, treibt auch länger Sport und hält sich so fit.»

Als Hauptgrund für die regionalen Unterschiede nennt Studienautor Matthias Egger sozioökonomische Faktoren wie Ausbildung, Einkommen, Zivilstand, Religion und Miete. So zeigen die Untersuchungen, dass ein Mann im Topkader im Vergleich zu einem Arbeitslosen bis zu 13 Jahre länger lebt. Ein verheirateter Mann kann mit 5,4 Lebensjahren mehr rechnen, als ein Single. Bei den verheirateten Frauen beträgt der Unterschied 4 Jahre. Zudem leben Katholiken etwas länger wie Protestanten.

Aber auch die Nachbarschaft hat einen Einfluss. Wer in einem Quartier mit Grünflächen, wenig Verkehrsbelastung und einer starken Gemeinschaft wohnt, lebt länger. «Für Menschen mit geringer Schulbildung und kleinem Einkommen sind Wohnungen in solchen Quartieren aber häufig nicht erschwinglich und sie müssen auf weniger attraktive Wohnlagen ausweichen», sagt Egger. Anhand der Städtegrafiken zeigt sich auch, wie unterschiedlich die Lebenserwartung je nach Quartier ist.

Während beispielsweise im Berner Kirchenfeld-Quartier ein 30-jähriger Mann noch etwa 52 Lebensjahre vor sich hat, liegt die Lebenserwartung eines 30-jährigen Bewohners im Matte-Quartier im Durchschnitt 2 Jahre tiefer . «Im Mittelalter war die Matte ein Quartier für Arme. Dass dort noch heute die Lebenserwartung tiefer ist, ist bemerkenswert», sagt Egger. Die Matte sei zwar mittlerweile ein beliebtes Trendquartier, doch es werde wohl noch etwas dauern, bis sich das Quartier vollends an die vornehme Altstadt weiter oben angeglichen habe.

Annemarie Tschumper vom Gesundheitsdienst der Stadt Bern kennt die Problematik. Mit gezielter Frühförderung will Bern einen Beitrag zu besseren Startchancen und zur Prävention künftiger Armut leisten. Um negative gesundheitliche Einflüsse von Quartieren zu reduzieren, brauche es vor allem eine bessere soziale Durchmischung, einen guten Lärmschutz und begrünte Aussenräume, wo man spielen und körperlich aktiv sein könne, sagt Tschumper.

Für die kantonale Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) sind Massnahmen zur Verbesserung der Chancengleichheit eine zentrale Aufgabe. «Die vorliegende Studie weist uns darauf hin, dass wir bezüglich Prävention ein besonderes Augenmerk auf sozial benachteiligte Gruppen und Regionen werfen müssen», sagt Michael Jordi, Zentralsekretär der GDK.

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