VON NADJA PASTEGA

Marcel Graf sitzt in Jeans und Polo-Shirt in seinem Wohnzimmer. Ein moderner, sportlicher Mann, 35 Jahre alt. Sein kurzes Haar ist grau meliert. Vor eineinhalb Jahren fiel die Schwester seiner Frau einem brutalen Verbrechen zum Opfer. Graf lancierte die Volksinitiative «Todesstrafe bei Mord mit sexuellem Missbrauch». Nach einem Tag zog er sie wieder zurück.

Graf wohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern in einer Einfamilienhaussiedlung in Knonau ZH. Vor dem Hauseingang stehen bunte Fahrräder, an der Wand des Wohnzimmers hängt ein Flachbildschirm, auf dem cremefarbenen Sofa liegen farbige Kissen. Die Kinder räumen Schlafsäcke vom Obergeschoss in den Keller, sie hatten über Nacht Freunde zu Besuch.

Eine ganz normale Familie – über die in den letzten Tagen etwas hereinbrach, das mit Normalität nichts mehr zu tun hat. Erstmals spricht Marcel Graf offen über die Drohungen, die zum Rückzug der Initiative führten.

Bisher blieb er ein Phantom. Gestern konnte ihn der «Sonntag» für ein Gespräch treffen. Das Interview fand bei Familie Graf zu Hause statt. Er spricht ruhig, überlegt. Fotos will der Initiant keine machen lassen: «Der Tod hat kein Gesicht. Es geht nicht um mich.»

Herr Graf, wie haben Sie die letzten Tage erlebt?
Marcel Graf: Wir haben damit gerechnet, dass wir eine Welle von Reaktionen auslösen werden. Am Tag der offiziellen Lancierung erhielten wir 500 Mails. Aber wir haben unterschätzt, wie massiv diese Reaktionen ausfallen werden. Es ist krass.

Wurden Sie bedroht?
Ja, es gab E-Mails, in denen uns gedroht wurde: «Ziehen Sie die Initiative zurück, wir wissen, wo Sie wohnen!» Oder: «Ihr seid die Ersten, die dran glauben sollten.» Wir bekamen nächtliche Terror-Anrufe, morgens um drei. Wenn ich an den Apparat ranging, wurde einfach aufgelegt. Das, zusammen mit der Belagerung durch Journalisten, hat unseren Kindern und Verwandten Angst gemacht. Darum haben wir die Initiative zurückgezogen.

Sie haben 18 Monate Zeit, um die Unterschriften zu sammeln. Ist es möglich, dass Sie darauf zurückkommen?
Ich würde sogar weiter gehen und sagen: Wir haben eine klare Forderung. Wenn sie nicht erfüllt wird, werden wir die Initiative an jene Kreise weitergeben, die sich bei uns gemeldet haben und sie übernehmen wollen.

Ihre Forderung?
In unserer Familie hat sich vor eineinhalb Jahren ein Kapitalverbrechen ereignet. Das Verfahren ist noch immer nicht abgeschlossen. Es passiert einfach nichts. Das ist unerträglich. Es gibt noch nicht mal einen Prozesstermin. Für uns ist es wichtig, dass das Strafverfahren endlich abgeschlossen ist, damit wir wieder leben können. Was uns passiert, ist kein Einzelfall. Ich fordere von den Justizverantwortlichen – und wenn wir oben anfangen, ist das Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf – dass die Strafverfahren bei Kapitalverbrechen beschleunigt und nach einem Jahr abgeschlossen werden müssen, wenn der Täter feststeht. Darauf hätte ich gern das Wort von Frau Widmer-Schlumpf.

Und wenn Sie dieses Wort nicht bekommen, wird die Initiative wieder aktiviert?
Ja, dann gebe ich die Initiative an Personen weiter, die sie übernehmen wollen. Wir hatten viele Anfragen. Als wir die Initiative zurückzogen, waren 80 Prozent der Reaktionen, dass wir nicht aufgeben sollten. Und ich spreche von Hunderten von Mails. Wir haben eine Lobby im Rücken, eine Masse.

Was sind das für Kreise, die sich für eine Weiterführung der Initiative interessieren?
Es sind Leute, die «kugelsicher» sind. Denen ist es egal, wenn sie unter Beschuss kommen. Sie sehen ihr Engagement für die Todesstrafe als Berufung. Es befinden sich viele Betroffene von Gewaltverbrechen darunter. Auch eine Schweizer Facebook-Gruppe, die sich für die Todesstrafe einsetzt, hat sich gemeldet und möchte die Initiative übernehmen. Zudem hatten wir eine Anfrage aus dem Welschland und aus dem Tessin.

Wurde schon mit der Unterschriftensammlung begonnen?
Wir gaben niemandem den Auftrag. Aber es gibt Leute, die den Unterschriftenbogen ausgedruckt und ausgefüllt an uns geschickt haben.

Sie haben vollständige Unterschriftenbogen bekommen?
Ja, ein paar. Sie kamen vom ersten Tag an rein. Aber wir haben uns zurückgezogen und die Homepage abgeschaltet.

Haben Sie einen juristischen Berater für die Formulierung der Initiative?
Nein, ich habe alles selber gemacht. Auch die Homepage. Meistens hab ich nachts daran gearbeitet, weil ich tagsüber arbeite. Einmal hab ich eine Woche Ferien genommen. Es dauerte etwa vier Monate, bis die Initiative startklar war.

Was war die Initialzündung für die Lancierung? Das brutale Kapitalverbrechen an einem Mitglied Ihrer Familie – es handelt sich um die Schwester Ihrer Frau – liegt eineinhalb Jahre zurück. Warum haben Sie die Initiative gerade jetzt eingereicht?
Am traurigsten Tag meines Lebens gab ich ein Versprechen: Ich warte bis zu jenem Tag, an dem sie 30 Jahre alt geworden wäre. Wenn der Täter bis dann nicht verurteilt ist, muss ich etwas machen. Da habe ich begonnen, die Initiative zu entwerfen.

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