Was wir diese Woche am TV und danach auf fast allen Online-Kanälen sahen, war unterhaltsamer als «Tatort», «Der Alte» oder «Schimanski». Wir erlebten Agent 00-Thiel in Operation «Thunderkamm, der Spion, der mich siebte». Der Hahnenkampf endete diesmal ungünstig für Talkikone Roger Schawinski.

Ich schaute die Fernsehdebatte auf meinem iPad und fiel fast vom Sofa. Die Verfassung des sonst so gewieften und schlauen Leiters des Gesprächs war beunruhigend. Im Rock ’n’ Roll nennen wir das: zu viel Dampf auf der Gitarre. Hat es mich überrascht? Einerseits schon, andererseits doch nicht. Irgendwann musste der letzte Tropfen kommen, der Moment, wo all die Seitenhiebe und Provokationen, die Roger austeilt, gegen ihn selbst angewendet würden. Karma nennt man das in Indien.

Doch was trieb den Gesprächsleiter zur Weissglut? Nebst der gepflegten Ultracoolness ist es klar die kompromisslose politische Haltung von Andreas Thiel. Der Mann hat als einer der Wenigen in der subventionierten Kultursauna eine etwas andere Weltanschauung und tut dies auch seelenruhig und angstfrei kund. Der Komiker ist intelligent, in sich ruhend, fit, praktizierender Yogi, multireligiös (mit muslimischen Freunden) und fadengerade. Er sieht den Koran (nicht die Muslime) als Anleitung zur Gewalt und Unterdrückung. Dazu findet er, dass mittlerweile unsere Gesellschaft und viele Medien derart linkslastig berichten, dass ein liberaler und staatskritischer Anarchist sofort als Rechtsextremist, Rassist, Abschotter und Blocher-Jünger hingestellt wird.

Genau diese Punkte wären eigentlich Stoff für eine interessante, vertiefte Diskussion. Leider nahm sie Roger nicht an. Sie wird hierzulande meist zu wenig sachlich, dafür emotional, überhitzt geführt.

Ich habe es selbst erlebt. Obwohl sicher fast jeder zivilisierte Mensch, auch Andreas und Roger, die ich beide kenne, Frieden, Freiheit, Wohlstand, Gerechtigkeit und Unterstützung für die Schwachen will – nur wie man dies umsetzt und verwirklicht, darüber streiten sich die Geister.

Als Talkmasterkönig ist Roger im eher sterilen SRF klar polarisierend, aber auch bereichernd. Nur wäre es an der Zeit, zu checken, dass es wenig bringt, immer wieder alte Peinlichkeiten, Äusserlichkeiten und Schwachstellen seiner Gäste genüsslich auszupacken und sie so blosszustellen. Gerade er, der für Menschenwürde und Fairness plädiert, sollte diese Schiene verlassen. Ständige Provokationen erlauben keinen wirklich vertieften, spannenden Talk, weil der Gast immer auf Abwehr- oder Rechtfertigungskurs ist. Das ist ermüdend, auch für die Zuschauer.

So kommt es, dass wir heute leider mehr über die Protagonisten der verunglückten Talksendung sprechen anstatt über die angesagte Sache; nämlich all das Unrecht und Leid, das heute im Namen sogenannter Götter, Propheten und Religionen auf dieser Welt geschieht. Um das wäre es eigentlich am letzten Montag gegangen und nicht um verletzte Eitelkeiten und vernebelte Halbwahrheiten. Der ganze mediale Hype und die extremen Äusserungen in allen Foren zu dieser Sendung zeigen: Es hat sich sehr viel gegen «Schawi-Allmighty» zusammengebraut im Lauf der Jahre. Die Schweizer sind harmonie- und konsenssüchtige Menschen. Direkte, selbstbewusst vorgetragene Provokation wird von den wenigsten goutiert.

Ich sehe das Ganze als Chance zur Selbstreflexion. Auch Roger Schawinski kann im Alter dazulernen. Er hat einiges in diesem Land bewegt – als Radio- und TV-Pirat und als Unternehmer, dafür gebührt ihm Respekt. Ich plädiere für den fried- und herzvollen Krieger, der seine Pfeile etwas im Honig tunkt, bevor er sie abschiesst.

Appell an Roger und Andreas (und alle Streithähne der Welt): Reicht euch die Hand und hört einander zu. Respektvoll mit Herz und Hirn. Ihr hättet es beide verdient. Gebt euch einen Ruck, denn wenn nicht einmal zwei solch Weitgereiste das schaffen, wie soll dann je Weltfrieden entstehen?

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