Zürich kippte als erste Stadt in der Deutschschweiz. Das war 1990. Chur (GR) ist das jüngste Beispiel: Vor einer Woche wählten die Churer den parteilosen, von den Grünen unterstützten Tom Leibundgut in die Regierung – und setzten der bürgerlichen Mehrheit ein Ende. Damit werden heute bereits 17 der 25 grössten Städte von einer rot-grünen Mehrheit regiert. Auch kleinere Städte wie Liestal (BL) oder Zug haben die Farbe gewechselt. Allein hätten die Sozialdemokraten den beispiellosen Machtwechsel in den urbanen Zentren nicht geschafft, sie waren und sind auf Koalitionspartner angewiesen, insbesondere auf die Hilfe der Grünen.

Dass die Städte Hochburgen der Linken sind, ist ein neues Phänomen. Historisch gesehen blieben links dominierte Städte die Ausnahme. In Zürich etwa erlangten die Sozialdemokraten zwar im Zug der Wirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre die Regierungsmehrheit. 1938 war das rote Zürich aber bereits wieder Geschichte. Ein Sonderfall ist die Neuenburger Uhrenstadt La-Chaux-de-Fonds, in der die Linken seit 100 Jahren an der Macht sind.

Die neue rote Welle rollte in den Neunzigerjahren an, und zwar weniger aufgrund wirtschaftlicher Krisen als aufgrund wachsender sozialer Herausforderungen. Die finanziell bessergestellten Leute zogen weg, Bund und Kantone interessierten sich kaum für die städtischen Probleme. Zurück in den «A-Städten» blieben die Armen, Arbeitslosen, Ausländer und Alten, Leute also, die kaum Steuern zahlen, aber auf staatliche Leistungen angewiesen sind. Aus Eigeninteresse und aufgrund der Erfahrungen ihres Umfelds wählten sie linke Parteien, die staatliche Leistungen sichern und ausbauen.

Ein Versprechen, das die Linken erfüllten. Aber sie taten mehr als das: Sie bauten den öffentlichen Verkehr aus und sicherten Schulen und Kulturinstitutionen. Sie bekamen ausufernde Drogenszenen wie in Zürich und Bern in den Griff, sie schufen Tagesstrukturen und andere familienergänzende Betreuungsangebote. Sie hüteten sich davor, die Steuern anzuheben – und investierten in den Bau von grösserem, attraktiverem Wohnraum, um auch wohlhabendere Familien wieder zurück in die Städte zu locken.

Die Rechnung ging auf: «Seit der Jahrtausendwende beobachten wir in den meisten grösseren Städten und vielen urbanen Agglomerationsgemeinden ein dynamisches Wachstum», sagt Renate Amstutz, Direktorin des Städteverbands. «Wir haben noch immer ‹A-Städte›, nur steht das A nicht mehr für ‹Arme, Arbeitslose und Alte›, sondern für ‹attraktiv›. Es ist die Vielfalt auf kleinem Raum, welche die Städte so attraktiv macht.»

Feststellen lässt sich diese Entwicklung nicht nur in den grossen Zentren. «Wir erleben eine Renaissance der kleinen Städte», sagt etwa Lukas Ott, der im Juni als erster Grüner zum Stadtpräsidenten des Baselbieter Kantonshauptorts Liestal gewählt wurde. Früher sei die in den 1960er- und 1970er-Jahren geborene «Generation X», die Werte wie Selbstverwirklichung, Solidarität und Naturerhaltung hochhält, in jungen Jahren in die grossen Städte abgewandert und dortgeblieben.

Heute hätten diese Leute Kleinstädte als lebenswertes Umfeld entdeckt. «Die Bevölkerung und die Atmosphäre in den Kleinstädten haben sich verändert», sagt Ott. «Der verstaubte Mief hat sich verzogen.» Das hat für Ott auch damit zu tun, dass die alten bürgerlichen Eliten, die Politik und Gesellschaft lange dominierten, ab 1989 durch eine neue, linkere Elite abgelöst wurden. Diese habe sich besonders in den Städten durch eine geschickte Politik bewiesen.

Diese neue Elite habe die Probleme der Städte früher identifiziert und gelöst, sagt Alexander Tschäppät (SP), der im November wohl als Berner Stadtpräsident wiedergewählt wird. «Rot-grün weiss besser, was die Bevölkerung in den Städten will.» Und das heisst für Tschäppät: ein ausgebauter öffentlicher Verkehr, verkehrsberuhigte Wohnzonen, Grünflächen, gute Schulen, Sicherheit, ein breites Kulturangebot. «Früher waren Tempozonen 20 oder 30 Utopien, heute sind sie auch in den bürgerlichsten Quartieren Realität. Die Hälfte der Stadtbewohner fährt kein Auto mehr. Das ist ein Lebensstil», sagt Tschäppät.

Es ist ein Lebensstil, der sich nicht nur in Bern zeigt: Auch in Zürich haben nur noch 52 Prozent aller Haushalte ein eigenes Auto. Vor zehn Jahren waren es noch 58 Prozent. Im Gegenzug nehmen die Zahl der Velos, die Abonnemente für den öffentlichen Verkehr und die Mobility-Mitgliedschaften weiter zu.

Die Bürgerlichen müssen sich fragen, ob sie die rot-grüne Dominanz je wieder brechen können. Ihr Problem besteht darin, dass sich ihr Programm zugespitzt auf ein Thema reduzieren lässt: Sparen und Steuern senken. «Bürgerliche politisieren in den Städten oft viel zu eindimensional, konzentrieren sich einzig auf Steuerfragen», sagt Kurt Fluri (FDP), Stadtpräsident von Solothurn, wo die Bürgerlichen trotz Einbussen noch immer eine komfortable Mehrheit halten. «Die Leute kommen trotz höherem Steuersatz zurück in die Stadt, weil sie näher bei den Schulen oder den Kulturinstitutionen sein wollen. Und weil sie nicht unbedingt ein oder zwei Autos in der Garage brauchen.» So habe Solothurn in den letzten fünf Jahren 1500 Bewohner hinzugewonnen, mehrheitlich aus der Mittelschicht.

Abgesehen von der monothematischen Politik haben die bürgerlichen Parteien ein zweites Problem: der Aufstieg der SVP. Zu oft sind die Kandidaten der Volkspartei nicht mehrheitsfähig. «Wer sich mit der SVP zusammentut, hat in den Städten sowieso keine Chance», sagt Kurt Fluri. Denn extreme Politik sei dort nicht gefragt. «Die Bereitschaft der Bürgerlichen zur Kooperation mit der SVP wird steigen, wenn sich die SVP im Ton mässigt und wenn das Phänomen Blocher aus den Köpfen verschwunden ist», ergänzt der Basler Regierungsrat Christoph Eymann (LDP). «Dann werden bürgerliche Mehrheiten wieder leichter möglich.»

Die Zerwürfnisse im Bürgerblock machen auch Urs Marti zu schaffen, der jetzt als Freisinniger der linksgrünen Churer Regierung vorsteht. Die Mehrheit entstand, weil der SVP-Kandidat das bürgerliche Lager gespalten hatte. «Für die Bürgerlichen in den Städten ist Geschlossenheit ein absolutes Muss», sagt Marti.

Einen anderen Ansatz verfolgt der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP). Er will im November die Wende aus der Mitte heraus schaffen, im Verbund mit der BDP, der EVP und insbesondere mit den Grünliberalen. Sein Rezept: finanzpolitische Strenge kombiniert mit einer Offenheit für Themen, welche die Stadtbürger interessieren. So steht die Mitte sowohl für den Atomausstieg wie auch für die Reduktion des CO2-Ausstosses ein. «Die Politiker müssen den spezifischen Problemen der Städte gerecht werden», sagt Nause. «Städte brauchen eine gewisse soziale Wärme. Stadtbewohner wollen Lebensqualität, Lebensfreude. Nur mit Schlagworten wie Sparen oder Sozialabbau hat man in den Städten keinen Erfolg.»

Nauses Wunschregierung für Bern: zwei linke Politiker, zwei aus der Mitte und ein Rechter. «Das ist rechnerisch möglich», sagt Nause. Bern könnte so zum Vorbild werden für alle Bürgerlichen, welche die linksgrüne Vorherrschaft in den Städten beenden wollen.

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