Mehr als ein Drittel der Gewaltstraftäter wird rückfällig – oft mit fatalen Folgen. Wie vergangenes Jahr, als ein verurteilter Mörder, der unter Hausarrest stand, die 19-jährige Marie in Payerne VD tötete. Bis heute gibt es im Schweizer Justizvollzug kein kantonsübergreifendes Beurteilungsverfahren, um die Rückfallgefahr von Tätern einzuschätzen. Das könnte sich jetzt ändern.

Das Zürcher Amt für Justizvollzug hat in den vergangenen drei Jahren einen Modellversuch durchgeführt. Für jeden verurteilten Sexual- und Gewaltstraftäter wurde eine individuelle Risikoprognose gemacht. Risikoorientierter Sanktionenvollzug, kurz ROS, heisst das Verfahren. Am sieben Millionen Franken teuren Projekt wirkten auch die Kantone St. Gallen, Thurgau und Luzern mit.

Wie Recherchen der «Schweiz am Sonntag» zeigen, ist das Projekt seit kurzem abgeschlossen. Die Beteiligten sind mit den Resultaten zufrieden. Der Zürcher Amtsleiter Thomas Manhart ist gar überzeugt: «Ein Fall wie derjenige von Marie, die von einem Sexualstraftäter im Hausarrest ermordet worden war, hätte sich mit einer vertieften Risikoanalyse nach ROS erkennen lassen können.» Das sagte er in einem Bulletin des Bundes.

So funktioniert ROS am fiktiven Beispiel von Herrn Hauser.

> 1. Triage: Wegen häuslicher Gewalt muss Herr Hauser vier Monate ins Gefängnis. Dort klärt der fallverantwortliche Vollzugsbeamte ab, wie hoch das Risiko ist, dass Herr Hauser rückfällig wird. Anhand einer Triage wird der Täter in die Kategorie A, B oder C eingestuft. Berücksichtigt werden dabei verschiedene Kriterien: Welche Tat hat er begangen? Was für Vorstrafen hat der Täter? Wie alt ist er?

Das Ziel ist es, ganz zu Beginn des Vollzugs aufzuzeigen, bei welchen Häftlingen vertiefte Abklärungen zum Rückfallrisiko nötig sind. Ist ein Täter bereits einmal mit einem Delikt wie Diebstahl oder Betrug aufgefallen, fällt er mit grosser Wahrscheinlichkeit in die Kategorie B. Hat er hingegen schon Gewalt ausgeübt, kommt er in die Kategorie C.

> 2. Abklärungen: Da Herr Hauser bereits wegen einer Körperverletzung und mehrfachen Drohungen vorbestraft ist, fällt er in die Kategorie C. Er gilt als Risikotäter. Ein Team von Forensikern untersucht alle B- und C-Fälle genauer. Eine solche Abklärung führt bei Herrn Hauser zutage, dass Beziehungskonflikte bei ihm emotionale Krisen auslösen und in Wut- und Gewaltausbrüche eskalieren können.

> 3. Planung: Damit Herr Hauser nach den vier Monaten Gefängnis nicht wieder rückfällig wird, soll er eine Therapie erhalten. Er ist damit einverstanden.

> 4. Verlauf: Herr Hauser setzt sich in der Therapie mit dem Delikt und seiner Persönlichkeit auseinander. Die bedingte Entlassung wird nach drei Monaten gutgeheissen, verbunden mit einem Jahr Bewährungszeit. Herr Hauser will eine ambulante Therapie weiterführen.

Das Bundesamt für Justiz (BJ), welches sich finanziell am Projekt beteiligte, stellt ROS ein gutes Zeugnis aus. «Eine Risikoeinschätzung ist deutlich besser möglich», sagt Cornelia Rumo Wettstein vom BJ. Das zeige sich auch am Fallbeispiel. Ohne ROS wäre er nicht als Risikotäter identifiziert und behandelt worden. Dadurch wäre er in künftigen Konflikten wohl wieder ausfällig geworden.

«ROS ist ein innovatives und übertragbares Modell für weitere Kantone», sagt Rumo Wettstein. Das sieht auch Amtsleiter Manhart so: «Mit 20 Institutionen, die heute danach arbeiten, haben wir die Kantonsgrenze schon überschritten. Wir hoffen, weitere Kantone werden von unserem Modell profitieren.» Der Kanton St. Gallen hat sich bereits dafür entschieden und ist zufrieden. Joe Keel, Leiter des Amtes für Justizvollzug St. Gallen, sagt aber auch: «ROS ist vor allem dann sinnvoll, wenn kantonsübergreifend alle an einem Vollzugsfall Beteiligten mit den gleichen Instrumenten arbeiten.»

Heute stuft jeder Kanton Täter nach eigenen Merkmalen und Massstäben ein. Anders bei ROS. Ein Team aus sieben Forensikern nimmt hier die Risikoabklärung vor. Wie deckungsgleich die Triage zu Beginn des Vollzugs in A-, B- und C-Fälle mit der Rückfallquote ist, untersuchte eine Arbeitsgruppe um Christian Schwarzenegger vom Kriminologischen Institut der Universität Zürich. Das Team wertete die Akten von 621 Straftätern aus, die in den Jahren 2004 und 2005 auf freien Fuss kamen. Gemäss ROS-Triage fielen 48 dieser Täter in die Kategorie C. 36 von ihnen sind bis heute wieder straffällig geworden. 11 davon mit einem Gewalt- oder Sexualdelikt. Das Triage-Instrument erwies sich also als geeignet, Fälle mit einem erhöhten Abklärungsbedarf bezüglich Gewalt- und Sexualdelinquenz zu erkennen.

Wie viele Rückfälle dank ROS künftig verhindert werden können, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Denn viele der Täter, die in den Kantonen Zürich, St. Gallen, Thurgau und Luzern im ROS-Modellversuch sind, kommen erst nach und nach auf freien Fuss. Fest steht aber, dass auch mit der Anwendung von ROS ein Restrisiko bestehen bleibt.

Ebenfalls erachtet es Strafrechtsexperte Benjamin Brägger als wichtig, dass durch den Fokus auf das Rückfallrisiko andere Bereiche wie etwa Wiedereingliederung oder soziale Arbeit nicht stark vernachlässigt werden. «Auch ein Risikotäter kommt irgendwann wieder frei, und je besser er in ein Umfeld mit Wohnung und Job eingebettet ist, umso eher wird er nicht wieder rückfällig.»

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