Die Fifa, so heisst es, habe viel mit dem Vatikan gemein. Beide haben einen Gott, beide haben religiöse Anhänger. Und über die Wahl ihres Oberhaupts sagt man: «Wer als Favorit ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder raus.» So kam es auch diesen Freitag in Zürich. Als neuer Fifa-Präsident schritt nicht der favorisierte Scheich Salman aus dem Hallenstadion, sondern der Walliser Gianni Infantino. Vom Notnagel zum Sieger. Selbst Fifa-Insider hielten das lange für unmöglich.
Einer, der die Mechanismen der Wahl kennt, wie kein anderer, ist Infantinos Vorgänger Sepp Blatter. Die «Schweiz am Sonntag» traf den ehemaligen Präsidenten gestern im Restaurant Sonnenberg. Er wirkt gelöst. Gut geschlafen hat er auch. Seine Analyse ist eindeutig: Afrika hat Infantino auf den Thron gehievt.

Damit gerechnet habe er zumindest in den Wochen vor der Wahl nicht, sagt Blatter. «Mich hat überrascht, dass er so gut beim Stimmenfang vorangekommen ist.» Europa habe fast komplett für den 45-Jährigen gestimmt. «Es gab höchstens zwei, drei Abweichler.»

Die entscheidende Neuigkeit erfuhr Blatter kurz vor dem 1. Wahlgang: «Die Afrikaner werden nicht im Block stimmen», informierte ein Insider den 79-Jährigen. «Da war mir sofort klar, dass Gianni gewinnen wird.» Auch als ehemaliger Präsident bleibt Blatter bestens vernetzt – und zum schwarzen Kontinent hatte er immer eine enge Beziehung. «Manche Afrikaner lassen sich nicht gerne in ein Diktat zwängen. Ungefähr 20 Stimmen dürften zu Gianni gegangen sein.»

Nach dem zweiten Wahlgang war alles klar. Mit dem schnellen Entscheid hatte kaum jemand gerechnet. Wenige Tage vor der Wahl sprach gar vieles für Salman. Amerikanische Verbände, die sich Wochen zuvor als Befürworter Infantinos positioniert hatten, äusserten sich plötzlich wankelmütig. Zudem machten noch am Abend vor der Wahl Gerüchte über einen Deal zwischen Salman und manchen osteuropäischen Verbänden die Runde. Von jener Nacht berichtet die «Süddeutsche-Zeitung»: Der kuwaitische Scheich al-Sabah, der als Unterstützer Salmans galt, soll bis tief in die Nacht Einzelgespräche mit Delegierten geführt haben. Infantino hingegen sass zu später Stunde noch im Luxushotel Baur au Lac mit einem einzigen Gesprächspartner am Tisch: dem aussichtslosen Mit-Kandidaten Tokyo Sexwale aus Südafrika. Wusste Infantino da schon mehr? Angeblich soll er einen Afrikaner zum Generalsekretär machen.

Für den ehemaligen Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld ist der Walliser über jeden Zweifel erhaben: «Gianni ist der glaubwürdigste und beste Präsident», sagt er. Infantino besitze eine hohe Integrität und habe eine immense Erfahrung. «Er kann als Hoffnungsträger den Ruf der Fifa wieder herstellen.»
Dass nun ausgerechnet wieder ein Walliser die Fifa anführt, ist für Blatter reiner Zufall. «Moment», sagt er schmunzelnd, «Vielleicht liegts doch am Walliser Lächeln.» Das packte Infantino auch am Freitagabend vor der Weltpresse aus. Seine erste Medienkonferenz verbrachte er strahlend. Da ein Daumen hoch, dort ein kurzes Zwinkern. Jedem Journalisten antwortete er in dessen Landessprache. Viel Substanz hatten die Aussagen nicht, doch das kann man ihm nach einem solchen Tag kaum verübeln. Oder doch?

«Wen will er damit beeindrucken?», fragte die «Süddeutsche Zeitung» zu seiner zur Schau getragenen Sprachbegabung. Ohnehin sind es die Deutschen, die ihn am kritischsten sehen. «Blatter light» und «Blatter II», titelten die Zeitungen. Wer die Deutschen Medien kennt, weiss, dass dies kein Kompliment ist. Die Schweizer Zeitungen jubelten hingegen. «Grande Gianni« und «Zum Glück Infantino», lauteten die Schlagzeilen. Ist er nun Heilsbringer oder Fehlbesetzung? Der «Guardian» brachte es vielleicht am besten auf den Punkt: Infantino ist ein Schimmer Hoffnung in der Dunkelheit.

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