Ungewollt kinderlose Paare setzten in der Schweiz zunehmend auf das Wunschkind aus dem Reagenzglas. Neuste Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigen: 6321 Frauen liessen sich vergangenes Jahr künstlich befruchten. Vor zehn Jahren waren es 3467.

«Die Zunahme widerspiegelt ein gesellschaftliches Phänomen», sagt Gynäkologin Estilla Maurer-Major. «Einerseits verspüren wieder mehr Paare den Wunsch nach Kindern, und andererseits sind die Mütter bei der ersten Geburt immer älter und benötigen eher medizinische Hilfe, um schwanger zu werden.»

Maurer ist auf Fortpflanzungsmedizin spezialisiert und führt in Zürich eine Kinderwunsch-Praxis. Zu ihr kommen Frauen und Männer, bei denen es mit Nachwuchs nicht klappt. Hunderte von Behandlungen führt die Gynäkologin jährlich durch. Häufig ist die Sterilität des Mannes die Ursache. Statistisch gesehen stellen die Männer in rund 43 Prozent der Fälle die Indikation für eine Behandlung dar. Noch vor fünfzehn Jahren war bei einer eingeschränkten Fruchtbarkeit des Mannes eine Samenspende unumgänglich. Das bedeutete, dass die Frau von einem anonymen Spender Erbgut erhielt. Mit der Folge, dass das Kind später nicht weiss, wer der leibliche Vater ist.

Heute kann man meist auf eine Samenspende verzichten. Von jährlich rund 2000 im Reagenzglas erzeugten Kindern stammen inzwischen nur rund 100 von Samenspendern.

Die häufigste Methode, die angewendet wird, ist die Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI). Dabei wird eine einzelne Samenzelle mit einer Spritze direkt zur Befruchtung in die Eizelle injiziert. 80 Prozent der insgesamt 10 827 Fortpflanzungs-Behandlungen wurden 2012 so durchgeführt.

Dagegen kommt die In-vitro-Fertilisation (IVF) in lediglich 20 Prozent zur Anwendung. Und zwar eher dann, wenn das Problem nur bei der Frau liegt. Wie bei der ICSI werden die Eizellen zusammen mit dem aufbereiteten Sperma in einem Reagenzglas zusammengebracht, doch die Samenzellen werden nicht eingespritzt.

Wie viele Versuche es braucht, bis es mit einer Schwangerschaft oder einem Kind klappt, ist individuell. Im Schnitt mündet jeder dritte Behandlungszyklus in einer Schwangerschaft. «Damit können wir rund sieben von zehn Frauen unter 35 zu einem Kind verhelfen», sagt Gynäkologin Maurer.

Die Chance sei stark vom Alter abhängig. Fest steht: Die Fruchtbarkeit der Frau sinkt stetig. Mit 35 liegt die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, bei rund 80 Prozent. Danach fällt die Fruchtbarkeit steil ab. Mit 40 liegt die Chance noch bei 10 bis 20 Prozent.

«Für viele Frauen ist der Kinderwunsch lange nicht aktuell und dann ist es plötzlich zu spät, sogar für Behandlungen. Das erlebe ich leider immer wieder im Praxisalltag», sagt Maurer. Noch vor wenigen Jahren wären keine 42-jährigen Frauen mehr mit einem Kinderwunsch zu ihr gekommen. «Heute kommt das gar ab und zu vor.»

Die älteste Frau, die sich vergangenes Jahr in der Schweiz künstlich befruchten liess, war 51 Jahre alt – die jüngste 19. «Sehr junge Patientinnen haben meist Migrationshintergrund. Sie stehen teilweise unter Druck, bereits kurz nach der Hochzeit Nachwuchs zu erhalten. Ist dies auf natürlichem Weg nicht möglich, verstehe ich, wenn sie auf die Medizin zurückgreifen.»

Und bei welchem Alter zieht die Kinderwunsch-Ärztin die Grenze? Gesetzlich sei festgelegt, dass beide Elternteile voraussichtlich bis zum 18. Lebensjahr für das Kind sorgen können. «Diese Regel schränkt vor allem die Männer ein, deren Zeugungsfähigkeit gelegentlich bis ins hohe Alter besteht. Bei Frauen zeigt sich, dass die Grenze bei rund 44 Jahren liegt», sagt Maurer. Dies vor allem auch darum, weil bei einer Kinderwunsch-Behandlung in der Schweiz die Eizellen von der Patientin selbst sein müssen. Es dürfen nicht wie bei den Samen Spenden verwendet werden. «Somit bilden die Vierziger eine natürliche Altersgrenze, und das ist auch gut», sagt Maurer.

Denn anders als die Männer müsse die Frau ein Kind körperlich auch noch austragen können. Und nach 45 würden die Schwangerschaftsrisiken stark steigen. Im Durchschnitt sind die Frauen, die sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden, 37 Jahre alt. Tendenz allerdings steigend.

Oft fällt es Betroffenen schwer, über ihre Kinderwunsch-Behandlung zu sprechen. Und bleibt eine Schwangerschaft über längere Zeit unerfüllt, kann dies beim Paar eine schwerwiegende Krise auslösen. «Das Hoffen während der Behandlung kann schnell in Verzweiflung und Frustration umschlagen, gerade, wenn es beim ersten Zyklus nicht klappt», sagt Maurer. Besonders nachdenklich stimmt die Gynäkologin, dass Frauen oft das Problem bei sich suchen. «Sie stellen sich meist vollkommen infrage.»

Verheiratet muss ein Paar für eine medizinisch unterstützte Fortpflanzung nicht sein, allerdings in einer eheähnlichen Gemeinschaft leben. Maurer hat auch schon Patienten abgewiesen. «Ich schaue mir jedes Paar genau an. Mir ist auch wichtig, was sie verbindet, denn jede Behandlung sollte zum Wohl eines künftigen Kindes sein.»

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!