Die Forschung zerbricht sich den Kopf über das Phänomen der «Generation Smartphone». Gleich drei neue Studien befassen sich mit der heutigen Jugend, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Die «Schweiz am Sonntag» hat sich auf die Suche nach Vertretern dieser Generation gemacht und sieben 15- bis 22-Jährige ins Sitzungszimmer der Redaktion eingeladen. Bei Chips und Rivella schildern sie ihre Sicht.

Empfindet ihr es als stressig, den ganzen Tag online zu sein?
Jovana: Ich finde es mühsam, wenn mir Freunde vorwerfen, ich würde sie ignorieren, wenn ich nicht sofort zurückschreibe. Will ich kurz mein Zimmer aufräumen, dann muss ich nebenbei noch Nachrichten von Freunden beantworten, die fragen, wo ich bin, was ich mache, wann ich nach draussen komme.
Azad: Aber wer ständig solche Nachrichten verschickt, ist doch selbst schon verloren. Ich habe auch einen solchen Kollegen. Der ist ständig am Handy. Wenn ich ihn sehe, verschickt er nebenbei Hunderte Nachrichten. Ich überlege mir sogar schon, ob ich ihn nicht mehr treffen will, weil mich das so nervt.
Jovana: Krass ist, dass es einen Streit auslösen kann, wenn ich nicht zurückschreibe. Manchmal habe ich überhaupt keine Lust, zurückzuschreiben. Wenn ich die Person das nächste Mal treffe, kann ich mich auf etwas gefasst machen.

Was würde passieren, wenn ihr mal eine Weile das Natel ausschalten würdet?
Azad: Es gibt ja Leute, die schon nur durchdrehen, wenn sie keinen Akku mehr haben.
Laura: Inzwischen gibt es sogar Notladegeräte für den Akku. Kennt ihr dieses grüne Ladegerät, das man sich am Kiosk ausleihen kann?
Alle bejahen. Jovana zieht etwas aus ihrer Tasche und legt es auf den Tisch.
Jovana: Meinst du dieses?
Alle lachen.
Laura: Mich macht es auch fertig, wenn ich keinen Akku habe. Aber vor allem, weil dann meine Mutter denkt, ich sei unter den Zug gekommen oder so und darum nicht mehr erreichbar.
Ainhoa: Wenn ich nicht online bin, habe ich Angst, dass genau in diesem Moment etwas Schlimmes passieren könnte und dass es dann keine Möglichkeit gibt, sich zu melden.

Seid ihr nie freiwillig offline?
Laura: Doch. Es gibt Tage, da bleibe ich zu Hause und das Handy ist den ganzen Tag im Flugmodus. Oder wenn ich mit meiner Familie zusammen bin, ist das Telefon ausgeschaltet. Dann brauche ich das ewige Drama und das dauernde Vibrieren nicht.
Azad: Es gibt diesen Spruch: «Wer nicht mit der Zeit geht, geht mir der Zeit.» Auch wenn wir gar nicht unbedingt online sein wollen, müssen wir einfach.

Wart ihr in sozialen Medien schon mit Mobbing konfrontiert?
Azad: Ich hatte früher Facebook, habe es dann aber wieder gelöscht. Weil ich gemerkt habe, dass die Leute schnell und ohne zu überlegen einen Kommentar hinschreiben können.
Ainhoa: Die Leute haben viel mehr Mut, etwas Böses zu schreiben. Denn man sieht sich ja nicht.
Altan: Es gibt auch Leute, die aufgefordert werden, Bilder zu verschicken, und sie machen es dann einfach. Das ist so dumm.
Laura: Aber ganz ehrlich: Snapchat wurde doch nur dafür gemacht, damit man sich Nacktbilder schicken kann.

Habt ihr das auch schon gemacht?
Alle verneinen vehement.
Aleksandar: Letztes Jahr haben wir in der Schule darüber gesprochen. Sie haben uns gesagt, was passieren kann und wo wir Grenzen ziehen müssen.

Haltet ihr euch an diese Regeln?
Aleksandar: Ich finde es total übertrieben, was sie uns in der Schule gesagt haben. Sie sagen, wir sollen das Handy nur nutzen, wenn wir etwas nachschauen oder jemanden anrufen müssen. Alles andere sei unnötig.

Sagt euch der Name Edward Snowden etwas?
Fast alle schütteln den Kopf.
Ainhoa: Es gibt doch jetzt einen Film über ihn. Hatte der nicht etwas mit dem Geheimdienst zu tun? Und er hat mitbekommen, dass man vom Handy alles mitlesen kann.

Habt ihr manchmal Streit mit euren Eltern wegen der Smartphones?
Jovana: Ja, sehr sogar. Meine Mutter kommt abends immer in mein Zimmer und fragt, ob das Handy nicht schon ganz heiss sei und ich es nicht endlich mal weglegen wolle. Dabei war ich doch den ganzen Tag arbeiten und habe das Handy dort gar nicht benutzt. Das glaubt sie mir aber nicht.
Aleksandar: Meinen Vater stört es eher, wenn ich so viel telefoniere.
Altan: Bei mir stört es meine Eltern, wenn wir zusammen am Tisch sitzen. Dann sagen sie, dass ich das Handy weglegen soll.
Marion: Bei mir ist es kein Problem. Ich glaube, ich bin genug alt, um zu wissen, wann ich das Handy weglegen muss.
Laura: Meine Mutter nervt es schon, wenn wir abends auf dem Sofa sitzen und ständig vibriert mein Handy. Wenn ich dann im Zimmer bin, habe ich kein Problem damit, das Natel wegzulegen. Denn ich weiss ja genau, dass ich am nächsten Tag früh aufstehen muss.

Stellt euch vor, ihr wärt Eltern eines 12-Jährigen. Würdet ihr ihm ein Smartphone geben?
Azad: Ich würde ihm vielleicht so ein altes Nokia-Handy geben, das er im Notfall benützen könnte. Das Problem wäre, dass er dann wahrscheinlich total ausgegrenzt würde. Aber ich würde es trotzdem so machen.
Jovana: Ich würde ihm auch ein älteres Modell geben. Denn ich sehe jetzt Zweitklässler auf dem Pausenplatz, die dasselbe Natel haben
wie ich. Ich habe mir mein Handy von meinem eigenen Geld kaufen müssen.
Ainhoa: Ich hätte Angst, dass sich mein Kind keine Grenzen setzen könnte. Ich selber kann mein Handy abends um elf Uhr weglegen und schlafen gehen. Ein Zwölfjähriger kann das nicht und würde vielleicht bis um drei Uhr nachts online bleiben.

Wann hast du dein erstes Smartphone erhalten?
Ainhoa: Mit 13 habe ich ein Samsung bekommen.

Das ist ja doch auch früh.
Ainhoa: Darum weiss ich auch, dass man es ausnutzen kann. Ich wollte es ja unbedingt, denn damit ist man cool. Aber ich konnte mich damals nicht so gut kontrollieren und mein Handy weglegen, um zu lernen.

Denkt ihr, dass ihr es in Zukunft einfacher haben werdet als eure Eltern heute?
Marion: Meine Mutter arbeitet als Pflegerin und ich arbeite jetzt auch als Pflegerin. Ich habe nicht das Ziel, die Chefin eines Rechtsanwaltsbüros zu werden. Es reicht mir, wenn ich mit meiner Arbeit zufrieden bin. Ich muss nicht unbedingt Millionärin werden.
Altan: Ich finde, unsere Eltern hatten es schwerer als wir. Mein Vater und meine Mutter haben geheiratet, als er noch in der Schule war. Dann kam er damals von der Kleinklasse in die Real, von der Real in die Sek und nebenbei hat er immer arbeiten müssen. Er hat Nachtschichten geleistet und tagsüber für die Prüfungen gelernt. Mir fällt es heute nur schon schwer, die Prüfungen zu bewältigen. Nebenbei noch zu arbeiten und Miete zu bezahlen, würde ich nicht schaffen.
Aleksandar: Ich glaube aber, heute wird von uns in der Schule viel mehr verlangt.
Marion: Das glaube ich auch. Es ist schwieriger als früher. Meine Mutter hätte keine Ahnung, wenn ich sie bei den Aufgaben um Hilfe bitte. Ich glaube, unsere Eltern hatten mehr Freizeit als wir.
Ainhoa: Unsere Eltern denken, wir hätten es eigentlich voll easy, weil wir zur Generation Smartphone gehören und die ganze Zeit nur rumhängen.
Marion: Unseren Eltern ist gar nicht bewusst, dass es heutzutage in der Schule viel anders abläuft als damals bei ihnen.
Altan: Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie in der Schule noch mit dem Lineal auf die Finger geschlagen wurde. Ich sitze lieber eine Stunde nach, als dass ich geschlagen werde.
Marion: Natürlich finde ich es schlecht, wenn geschlagen wird. Aber ich muss schon sagen, dass die Jüngeren immer frecher werden. Vor kurzem habe ich ein Mädchen gesehen, das war unter zehn Jahre alt, und die hatte eine Zigarette in der Hand.
Allgemeine Empörung.

Raucht jemand von euch?
Alle ausser Laura und Jovana schütteln den Kopf.
Jovana: Eigentlich ist Rauchen voll nicht in. Ich habe viele Freunde, die finden es total daneben. Die haben mir auch schon meine Zigi aus dem Mund gerissen.
Altan: Wenn ich bei meinen Verwandten in der Türkei zu Besuch bin, bieten sie mir Alkohol an. Auch wenn ich ablehne, hören sie damit nicht auf. Da bin ich auch schon einfach davongelaufen.
Aleksandar: Einer bei uns in der Schule hat geraucht. Er wurde so gemobbt, dass er wieder damit aufgehört hat.
Altan: Leute, die rauchen, stinken einfach so stark. Das mag ich nicht.
Marion: Ich finde Rauchen blöd, weil du dann von etwas abhängig bist. Es ist wie das Handy. Aber wenigstens ist das nicht so ungesund.

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