14 Jahre. In den meisten Ländern ist dies für Mädchen ein Alter, in dem eine Heirat noch ein ferner Traum ist. Nicht so bei Familien, die auf der Flucht sind. Je länger ein Krieg dauert, desto gefährdeter sind die Mädchen, sehr jung verheiratet zu werden. So zeigen neue Untersuchungen des UNO-Kinderhilfswerks Unicef, dass vergangenes Jahr jedes dritte Mädchen bei der Eheschliessung in jordanischen Flüchtlingslagern noch nicht volljährig war. Das sind dreimal so viele wie noch 2011.

Die Folge: Wie Deutschland, Schweden und Holland ist auch die Schweiz mit verheirateten minderjährigen Mädchen konfrontiert, die Asyl beantragen. «Allein diese Woche sind drei neue Fälle hinzugekommen», sagt Anu Sivaganesan, Vorsteherin der Fachstelle Zwangsheirat. Wie viele minderjährige Ehefrauen tatsächlich hierzulande Schutz suchen, ist unklar. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) führt dazu keine Statistik.

Oft jünger als 15 Jahre
Sorgen bereitet den Hilfsorganisationen vor allem, dass einige der verheirateten Mädchen noch nicht einmal 15 Jahre alt sind. Hier zeigt sich ein deutlicher Anstieg. Allein die Fachstelle Zwangsheirat betreute dieses Jahr 24 Kinderbräute. In den zehn Jahren zuvor waren es lediglich 5. Diese Entwicklung hängt wohl mit der neuen Migration aus Ländern wie Syrien, Somalia, Eritrea und Afghanistan zusammen. Dort sind die Menschen besonders in Not. «Den Eltern fehlt schlicht das Geld, für Nahrung, Kleidung und Unterhalt ihrer Töchter aufzukommen. Also werden die Kinder verheiratet, damit sie den Haushalt verlassen», sagt Simone Eggler von Terre des Femmes. Auch würden Eltern glauben, dass ihre Töchter als Ehefrauen besser versorgt und vor Vergewaltigung geschützt seien.

Doch was passiert, wenn diese Mädchen in der Schweiz Asyl beantragen? Die Behörden annullieren Ehen automatisch, wenn die Frau oder der Mann unter 16 Jahre alt ist. «Das ist richtig so», sagt Ruth-Gaby Vermot von der Schweizerischen Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht. Unter 16-Jährige seien mitten in der Entwicklung, eine Ehe mit allen Pflichten dürfe ihnen nicht aufgebürdet werden. Die Kinderbräute bekommen daher besonderen Schutz und werden als unbegleitete Minderjährige (UMAs) erfasst und betreut. Das heisst, man bringt sie ohne ihren Ehepartner in einem für Kinder geeigneten Ort unter.

Allerdings passt diese Vorgehensweise der Schweiz insbesondere den Ehemännern nicht immer. So klagte ein Afghane dagegen, dass die Schweiz seine religiös geschlossene Ehe mit einer 14-Jährigen nicht anerkannt hatte. Er ging bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und blitzte Ende 2015 ab.

Anders sieht allerdings die Situation bei den über 16-Jährigen aus. Ist das asylsuchende Ehepaar zwischen 16 und 18 Jahre alt, wird heute von Fall zu Fall entschieden. In Einzelgesprächen klären die Behörden: Sagten die Minderjährigen unter Zwang Ja? Erfuhren sie in der Ehe sexuelle Gewalt? Wie häufig solche Abklärungen stattfinden und wie oft die Ehe bestehen bleibt, ist vom SEM nicht zu erfahren. Dies ist für die Zürcher CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer unverständlich. «Mich interessiert, zu wessen Gunsten die Behörden mehrheitlich entscheiden», sagt sie. Es könne nicht sein, dass dies nicht offengelegt werde.

Neues Gesetz
Seit dem 1. Juli 2013 gilt in der Schweiz: Heiraten unter 18 Jahren werden grundsätzlich nicht anerkannt, Ausnahmen sind aber bei im Ausland geschlossenen Ehen möglich. Menschenrechtlerin Sivaganesan will daher vor allem wissen, wann diese Ausnahmen gewährt werden. Denn sie stellt sich auf den Standpunkt: «Schweizer Recht muss für alle gelten, auch für solche ohne Schweizer Pass.» Nur so bekämen die Mädchen ein Stück ihrer Kindheit zurück.

Auch Terre de Femmes und die Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht setzen sich dafür ein, dass die Minderjährigen so geschützt werden, wie dies die Kinderrechts-Konvention verlangt. «Wir erleben immer wieder, dass die Eheleute zusammen befragt werden», sagt Vermot. «Die minderjährigen Ehefrauen werden in Anwesenheit ihrer Männer aber kaum gegen die Heirat aussagen – aus Angst vor Gewalt oder weil ihre Kultur dies nicht zulässt.» Sie plädiert deshalb für sorgfältige Abklärungen durch kulturelle Vermittlerinnen. «Die Mädchen müssen sich sicher fühlen und wissen, dass sie hier ohne aufgezwungenen Ehemann leben dürfen.»

Fest steht: Reisen die Frauen ohne Pässe oder sonstige Dokumente in die Schweiz ein und korrigieren auf dem Asylantrag freiwillig oder nicht ihr Alter nach oben, dann bleiben sie unter dem Radar der Behörden und ohne Schutz.

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