Zum Zahnarzt geht niemand gern. Er steht für Angst, Tadel und Schmerz. Eine ähnliche Qual scheint für viele das Zahnmedizin-Studium zu sein: Jeder dritte Student, der seine Ausbildung in der Zahnmedizin beginnt, wechselt vor Abschluss die Fachrichtung – kein anderes Studium wird öfters abgebrochen.

Die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung hat in einer neuen Studie erhoben, wie viele Personen ihr Studium hinwerfen und ein neues beginnen. Dafür wurden Daten von 50 000 Bachelor-Studenten ausgewertet. Das Ergebnis ist ernüchternd: Jeder Fünfte beginnt ein Studium, von dem er erst später merkt, dass es nichts für ihn ist. Das ist doppelt ärgerlich: Die Studenten verlieren ein Jahr, Kantone und Bund tragen zusätzliche Kosten.

Dabei gibt es einige Faktoren, die einem Abbruch entgegenwirken: Wer nach der Matura ein Zwischenjahr einlegt, zieht sein Studium anschliessend eher durch. «Die angehenden Erstsemester befassen sich womöglich intensiver mit ihrer Fachrichtung», sagt Andrea Diem, Verfasserin der Studie. Die Studenten hätten mehr Zeit, um zu reflektieren. «Ausserdem kann es sein, dass sie eher einen Wechsel vermeiden, da sie bereits ein Jahr später eingestiegen sind.»

Wer sich in seiner Studienrichtung bereits auskennt, ist ebenfalls weniger wankelmütig. Angehende Studenten, die ein Fach wählen, das mit ihrem Maturaprofil übereinstimmt – wie Wirtschaft oder Englisch – wechseln seltener. Gleiches gilt für geschlechtstypische Fächer wie Sonderpädagogik, Dolmetscher oder Psychologie (über 80 Prozent Frauen) sowie Mikrotechnik, Informatik oder Physik (über 80 Prozent Männer). Diese Studierenden holen ihren Abschluss eher auf direktem Weg.

Ohne Druck zur Prüfung
Dass die Zahnmedizin mit fast 30 Prozent unangefochten an der Spitze der Wechselwilligen steht, hat einen besonderen Grund. Das Studium bietet eine Hintertür, um den Numerus clausus für die Humanmedizin zu umgehen. Zwar müssen angehende Zahnmediziner ebenfalls eine Aufnahmeprüfung ablegen, die Anforderungen für die Zulassung sind aber tiefer als jene der Humanmedizin. Hören diese Studenten nach einem oder zwei Jahren auf – sei es, weil sie die Prüfungen nicht bestehen oder weil sie keine Lust mehr haben –, dürfen Zahnmediziner die Lücke füllen, weil die ersten Semester praktisch identisch sind. So kommen sie doch noch zu ihrem ursprünglich anvisierten Studium. Ein Buebetrickli, das die meisten Universitäten tolerieren.

Es sei durchaus möglich, dass einige Studierende nach der Matura auf Nummer sicher gehen und sich für die Zahnmedizin einschreiben, sagt Dominic Schmid, Präsident des Verbands der Schweizer Medizinstudierenden. «Nach den ersten Semestern können sie ohne Druck nochmals zum Eignungstest antreten.» Schmid fügt aber an, dass dies kaum bei allen der Fall sei. Das Interesse an einer Fachrichtung könne sich während eines Studiums schlicht ändern.

Neben der Zahnmedizin sind auch die Geistes- und Sozialwissenschaften sowie historische und Kulturwissenschaften oft von Wechseln betroffen. Resistent sind hingegen Maschineningenieure und besonders Theologen. Nur jeder zehnte Theologiestudent wechselt seine Fachrichtung (siehe Tabelle). Weil im Rahmen der Studie keine Befragungen gemacht wurden, sind einige Ergebnisse schwierig einzuschätzen. So wechseln Studenten der Universität Zürich und Genf deutlich öfter als jene in Freiburg oder Lausanne.

Warum das so ist, lässt sich nicht abschliessend klären. «Ein Faktor könnten die unterschiedlichen Selektionsstrategien der Hochschulen sein», sagt Diem. Mehrere Fakultäten haben mit einem Assessmentjahr auf die wachsenden Studierendenzahlen reagiert, um frühzeitig ungeeignete Erstsemester auszusieben. Angehenden Studenten empfiehlt Diem, sich bereits vor dem Studium intensiv mit der Fachrichtung auseinanderzusetzen.

Derzeit studieren 145 000 Personen an Schweizer Universitäten. Die Ausbildungskosten betragen für die Kantone zwischen 10 000 und 20 000 Franken pro Person und Jahr.

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