Medienleute aus aller Welt möchten mit ihm sprechen. Fernsehstationen aus Deutschland und Italien möchten ihn interviewen. Aber der ehemalige Gardist G.* zögert, seine Identität öffentlich zu machen. «Ich muss mir das genau überlegen», sagt der Schweizer. «Ich mache mir Sorgen um meine Familie. Mit dem Vatikan ist nicht zu spassen.» Der Kirchenstaat sei «eine Macht». Und vor dieser Macht fürchtet sich der gläubige Katholik. Auch die Furcht, etwa von Ex-Gardisten als Verräter abgestempelt zu werden, hält ihn davon zurück, öffentlich aufzutreten.

In der «Schweiz am Sonntag» hatte G. erzählt, wie er im Vatikan mit eindeutigen Angeboten belästigt worden war. 15 bis 20 Geistliche bis hinauf zum Bischof und Kardinal hätten ihm sexuell motivierte Avancen gemacht, so der ehemalige Gardist. Mit Alkohol, Einladungen und sexuellen Angeboten sollen sich die Diener Gottes ihm genähert haben. Vorgesetzte, die er informierte, nahmen ihn nicht ernst. Die Doppelmoral, auf die er während seiner Gardezeit stiess, erschütterte und desillusionierte den jungen Mann. Er kehrte dem Vatikan zuletzt enttäuscht den Rücken.

Sein Fall, den die «Schweiz am Sonntag» letzte Woche publik machte, sorgte weltweit für Schlagzeilen. Zahlreiche Medien, von der deutschen «Welt» über den britischen «Telegraph» bis zur amerikanischen «Washington Post», brachten ausführliche Berichte, verfasst meist von Vatikan-Korrespondenten. Tausende von Leser-Kommentaren wurden weltweit aufgeschaltet, und bitterböse Karikaturen machten die Runde.

Ist G. überrascht von diesem grossen Echo? «Ein wenig, aber nicht wirklich. Ich habe einfach die Realität geschildert und finde es gut, dass darüber diskutiert und nicht mehr geschwiegen wird.»

Bei der «Schweiz am Sonntag» meldete sich diese Woche der Verwandte eines anderen ehemaligen Gardisten. Der Mann aus der Deutschschweiz, der vor zehn Jahren im Vatikan Dienst tat, soll ebenfalls von diversen Geistlichen sexuell belästigt worden sein. Der unterdessen verheiratete, «gross gewachsene Adonis» habe nach seiner Rückkehr fast identische Vorkommnisse geschildert. «Auch er wurde sexuell angemacht, und wie G. hat er von Bischöfen und Kardinälen eindeutige Angebote erhalten», sagt der Verwandte. Auch dieser Gardist habe von privaten Einladungen zu Essen mit viel Alkohol erzählt. Nachts habe auf den Korridoren ein emsiges Kommen und Gehen geherrscht. «Geistliche gingen zu ihm, wenn er Wache hatte. Und einer, der Freude an ihm hatte, kam ihn sogar in die Schweiz besuchen.»

Dem Ex-Gardisten sei zu Beginn gar nicht bewusst gewesen, was da ablaufe. «Er glaubte anfänglich, diese Leute seien einfach besonders nett.» Erst nach und nach habe er gemerkt, was da in Wirklichkeit vor sich ging. Mit Namen hinstehen werde sein Verwandter nie und nimmer, glaubt der Mann. «Er ist sehr katholisch.» Und er wolle dem Ruf der Garde nicht schaden. Auch bei ihm spielen die Angst vor der Macht der Kirche und der Schutz seiner Familie eine Rolle.

Die Furcht ist nicht unbegründet. Es gibt zum Teil gehässige Reaktionen von Ex-Gardisten, die die sexuellen Belästigungen im Vatikan als üble Nachrede und Rufschädigung an der päpstlichen Garde bezeichnen. Andere werfen G. vor, dass er sich dies alles nur ausgedacht habe, um sich an der Garde zu rächen. «Die Aussagen eines Ex-Gardisten, welcher nicht einmal die Grösse hat mit seinem Namen und Bild hinzustehen», seien «wenig glaubwürdig», kritisierte ihn denn auch ein Leserbriefschreiber.

G. sieht das Problem nicht bei der Anonymität. Er ist froh, dass jetzt ein weiterer Fall bekannt wurde, und hofft, dass noch weitere Opfer den Schritt an die Öffentlichkeit wagen, damit der Druck auf die herrschende Doppelmoral im Vatikan wächst.

Diese Botschaft ist bei der Gardisten-Medienstelle bisher nicht angekommen. Diese sieht im Netzwerk der Homosexuellen kein Problem, wie sie letzte Woche mitteilte. «Für sie stehen ganz andere Themen im Zentrum ihrer Kameradschaft», sagte Sprecher Urs Breitenmoser. Dies steht allerdings im Widerspruch zu Aussagen, die ein amtierender Kommandant einst machte: Er warnte seine Gardisten explizit vor gewissen Geistlichen, die er namentlich nannte. Eine Anfrage bei der Medienstelle, ob man Kenntnis von dieser Warnung hat, blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

* Initialen geändert, Name der Redaktion bekannt

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