Das Schweizer Gesundheitswesen gilt als eines der besten weltweit. Es gibt keine langen Warteschlangen. Selbst teuerste Operationen können selbst Schweizer in durchschnittlichen Verhältnissen bequem über ihre Krankenkasse abrechnen lassen.

Und doch tun sich Risse im System auf. Die Kosten steigen und steigen. Damit belasten die Prämien den durchschnittlichen Schweizer Haushalt immer mehr. Offenbar ist es bereits so weit gekommen, dass sich ein grosser Teil der Bevölkerung den Gang zum Arzt nicht mehr in jedem Fall leisten kann.

Zu diesem Schluss kommt ein neues Forschungsprojekt. Dieses hat die universitäre Poliklinik in Lausanne zusammen mit dem Institut für Hausarztmedizin durchgeführt. 47 Hausarztpraxen halfen mit. Sie brachten über 2000 Patienten dazu, detaillierte Fragebogen zu beantworten.

Gemäss den Studien haben in der Westschweiz rund 11 Prozent der Bevölkerung in den letzten zwölf Monaten aus finanziellen Gründen auf eine medizinische Leistung verzichtet. Thomas Bischoff, Co-Autor der Studie und Titularprofessor an der universitären Poliklinik in Lausanne, sagt dazu: «Wenn rund 11 Prozent der Bevölkerung eine Pflege nicht erhalten, die sie eigentlich brauchen, dann ist das für unsere reiche Schweiz zu viel.» Die Lücke im Gesundheitssystem entsteht so: Finanziell nicht auf Rosen gebettete Haushalte wollen ihre Prämie für die Krankenkasse nach unten drücken. Dafür wählen sie eine möglichst hohe Franchise aus.

Das spart ihnen erst einmal Geld. Solange sie gesund bleiben, zahlen sie weniger Prämie. Doch sobald sie irgendeine Behandlung brauchen, wird die Sparstrategie zum Bumerang. Sie müssen dann den Betrag der Franchise aus der eigenen Tasche bezahlen und dazu 10 Prozent des Selbstbehalts.

«Solche Haushalte gehen dann lieber einmal nicht zum Arzt, als eine hohe Rechnung zu riskieren», erklärt Bischoff. Im Endeffekt würden viele Menschen in der Schweiz ohne eine Pflege bleiben. «Obschon unser System vorsehen würde, dass sie diese Pflege bekommen sollten.»

Eigentlich wären die Sozialsysteme zuständig, wenn sich Menschen eine Behandlung nicht mehr leisten können. Doch die 11 Prozent fallen in der Westschweiz zwischen Stuhl und Bank. «Es geht ihnen noch zu gut, als dass die Sozialversicherung für sie aufkommen würde.» Viele würden auch vor dem Gang zur Sozialversicherung aus Scham zurückschrecken. Wer hingegen bereits in den Sozialsystemen drin sei, erhalte im Normall die nötige finanzielle Unterstützung für die Pflege.

Zuvor hatten bereits andere Studien auf ähnlich grosse Probleme in der ganzen Schweiz hingedeutet. In Umfragen der US-Stiftung Common Wealth Funds etwa hatten 13 Prozent der befragten Schweizer angegeben, bereits einmal nicht genug Geld für eine Behandlung oder ein Medikament gehabt zu haben. Die Zahlen der US-Stiftung hatten jedoch den Nachteil, nur die persönliche Wahrnehmung der Befragten wiederzugeben. Die neue Studie aus der Westschweiz hat diese Schwäche mithilfe vieler Zusatzfragen aus dem Weg geräumt.

Die Studie will zudem Hausärzte darauf aufmerksam machen, dass ihre Patienten allenfalls auf von ihnen empfohlene Behandlungen verzichten könnten. «Hausärzte schätzen die finanzielle Situation ihrer Patienten meist als zu gut ein», warnt Bischoff.

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