Während der Fussball-WM, diesem märchenhaften Fest der Lebensfreude, schien die Welt für ein paar Wochen in Ordnung. Der Bürgerkrieg im Osten der Ukraine, die Gewalteskalation in Israel, das Morden der Islamisten in Syrien und im Irak: Diese Dramen rückten ans Ende der «Tagesschau» und auf die hinteren Seiten der Zeitungen, sie verschwanden, trügerisch, ein Stück weit aus unserem Bewusstsein.

Und dann dieser Absturz. 298 Menschen sterben am Donnerstag, als ein Flugzeug der Malaysia Airlines über dem Gebiet der Ostukraine von einer Boden-Luft-Rakete getroffen wird, mutmasslich abgefeuert von prorussischen Separatisten. Unter den Toten 80 Kinder, die wohl noch nie gehört haben von dem Konflikt, dem sie zum Opfer fielen. Barack Obama bezeichnet den Absturz als «Weckruf für Europa».
In der gleichen Woche fliegen täglich Dutzende von Hamas-Raketen aus dem Gaza-Streifen Richtung Israel. Die israelische Armee reagiert auf den Beschuss, indem sie Bodentruppen ins Palästinenser-Gebiet schickt, erstmals seit 2009. 70 000 israelische Soldaten werden mobilisiert. In den letzten zehn Tagen kamen in der Region etwa gleich viele Menschen ums Leben wie beim Todesflug der Malaysia Airlines.
Zur selben Zeit morden im Irak und in Syrien die Terroristen der Organisation «Islamischer Staat» (IS, vormals Isis). Sie gilt als noch barbarischer als die al-Kaida. Die UNO teilt am Freitag in Genf mit, «Ziel der IS-Attentate sei der Tod von so vielen Zivilisten wie möglich». Sie würden Schulen, Spitäler, Märkte, Moscheen und Restaurants anvisieren. Täglich gebe es «eine schreckliche Menge von Menschenrechtsverletzungen», heisst es in dem UNO-Bericht.

Bald ist es 25 Jahre her seit dem Fall der Berliner Mauer und dem vermeintlichen Ende des Ost-West-Konflikts. Die fröhlichen Bilder dieser Zeit mit den damaligen Staatenlenkern George Bush, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl liessen vermeintlich keinen Zweifel offen: Der Kalte Krieg ist vorbei.
Nun ist dieser Begriff auf einmal wieder da. US-Präsident Obama macht Russlands Präsidenten Putin verantwortlich für die Flugzeugkatastrophe, obschon noch nicht definitiv klar ist, wer den Abschuss befahl. Putin gibt der Ukraine die Schuld. Es ist ein Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten.
Zu dieser neu aufgebrochenen Konfliktlinie kommt zeitgleich eine zweite: die Dauerkrise im Nahen Osten, die sich wieder verschärft hat.
Warum brodelt es gerade jetzt? Darüber werden Historiker dereinst Bücher schreiben, eines aber scheint klar: Diktatoren, Rebellen und Terroristen haben zurzeit leichtes Spiel. Keiner setzt ihnen Grenzen. Der frühere Weltpolizist USA greift militärisch nicht mehr ein, der Zauderer Obama, unter dem Druck einer kriegsmüden Öffentlichkeit, setzt ganz auf Diplomatie – so wie es die Europäer schon seit längerem tun.

Der Westen, der die internationale Nachkriegsordnung erschaffen hat, ist keine politische und militärische Autorität mehr: die USA nicht, und noch viel weniger die EU, die sich diese Woche lieber mit Postenschacher in eigener Sache befasste als mit dem Konflikt in der Ukraine, wo es um ureigene europäische Interessen geht. Und die UNO als Garantin des Völkerrechts ist zahnlos, der Sicherheitsrat gelähmt.
Es herrscht ein Macht- und Autoritätsvakuum, und das wird ausgenützt von so unterschiedlichen Kräften wie von Putin, der Russland zu alter Grösse führen will; von China, das unterwegs zur wirtschaftlichen und politischen Supermacht ist; oder auch von islamistischen Terroristen, die von einem Gottesstaat träumen, und von den Taliban, die in Afghanistan neuen Auftrieb haben.
Und die Schweiz, wie betreffen sie diese Konflikte? Die Folgen sind sowohl innen- wie aussenpolitischer Natur, und zwar in dreierlei Hinsicht:

Flüchtlinge: Allein in Syrien sind 2,8 Millionen Menschen auf der Flucht. Es sind diesmal nicht Wirtschaftsflüchtlinge, sondern echte Kriegsflüchtlinge, und wir tun gut daran, sie als solche zu behandeln. Doch die Kantone sind ungenügend vorbereitet.
24 000 neue Asylgesuche werden für dieses Jahr insgesamt erwartet.

Armee: Während andere Länder die Militärausgaben erhöhen, sind sie bei uns gesunken. Die Schweiz gab für die Landesverteidigung vor zwanzig Jahren noch fast 6 Milliarden Franken aus, nun ist es 1 Milliarde Franken weniger. Ausgerechnet die linksliberale «Süddeutsche Zeitung» forderte gestern mit Blick auf Europa: «Die Wehretats dürfen nicht länger sinken. Die EU-Staaten müssen wieder mehr für ihre Sicherheit ausgeben, zumal die USA immer widerwilliger dafür eintreten.» Diese Argumentation wird man mehr und mehr auch hierzulande hören.

Neutralität und gute Dienste: Die Schweiz findet sich plötzlich wieder in ihrer alten Rolle als Vermittlerin. Auch das erinnert an den Kalten Krieg. Palästinenserpräsident Abbas forderte diese Woche Bundespräsident Didier Burkhalter auf, eine internationale Konferenz zur Gaza-Krise einzuberufen. Im Ukraine-Russland-Konflikt ist Burkhalter in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) eine Schlüsselfigur. Vorgestern stand er erneut im Rampenlicht, als er verkündete, die OSZE werde 30 Beobachter zur Absturzstelle schicken, um die Ermittlungen zu unterstützen.
Bislang gelang Burkhalter der Balanceakt zwischen seinen Rollen als Bundespräsident und als OSZE-Vorsitzender. Dabei ist es richtig, dass die Schweiz nicht leichthin Sanktionen der USA oder der EU gegen Russland nachvollzieht. Die Neutralität – wie oft wurde sie schon totgesagt! – gewinnt im unübersichtlichen geopolitischen Umfeld an Bedeutung. Denn wo eine klare Weltordnung fehlt, sind Gut und Böse schwer auseinanderzuhalten. Da sind glaubwürdige, unparteiische Vermittler gefragt – und die Schweiz mit ihrer Tradition ganz besonders.

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