Waffenschmuggel war in Schweizer Gefängnissen lange Zeit kein Thema mehr. Doch nun drohen Sicherheitslücken – aus der Luft. Da sogenannte Mini-Drohnen in der Schweiz ohne Bewilligung fliegen dürfen und sämtliche Gefängnisse offene Innenhöfe haben, nimmt diese Bedrohung eine neue Dimension an.

Zwar dürfen die Mini-Drohnen nicht schwerer als 30 Kilogramm sein, doch sie können ohne weiteres Lasten wie Waffen oder Sprengstoff transportieren. «Nicht auszudenken, welche Gefahr besteht, wenn radikale Inhaftierte diese Dinge in die Hände bekommen», sagt Monika Kummer, Leiterin des Regionalgefängnisses Bern.

Genf reagiert jetzt als erster Kanton auf die Bedrohung von oben. Die Regierung hat am Mittwoch sämtliche Drohnenflüge in einem Abstand von 300 Meter um Gefängnisse, Justizgebäude und Polizeiposten verboten.

Erste Versuche mit Quadrokoptern, Drogen oder Handys hinter die Anstaltsmauern zu transportieren, gab es bereits. «Es wird aber nicht bei Versuchen bleiben,» sagt Marcel Ruf, Direktor der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lenzburg AG. Durch den technischen Fortschritt werden die Drohnen leistungsfähiger, präziser und günstiger. «Es ist deshalb davon auszugeben, dass sowohl die Verbreitung als auch die kriminellen Absichten zunehmen werden.»

Welches Gefahrenpotenzial von Drohnen ausgeht, hat das westliche Militärbündnis Nato kürzlich untersucht und kommt zum Schluss: Die Bedrohung steigt, doch es sind noch wenig Lösungen vorhanden. Es gibt zwar Firmen, die an Warnsystemen tüfteln, um heranfliegende Drohnen aufzuspüren. Doch es fehlt an Abwehrsystemen.

Am Nato-Bericht mitgeschrieben hat auch der Rüstungskonzern Rheinmetall. Für Fabian Ochsner von der Schweizer Niederlassung steht fest: «Es braucht Möglichkeiten, um die Drohnen vom Himmel zu holen.» Rheinmetall arbeite derzeit an einer elektronischen Intervention, um die Steuerung lahmzulegen, und an einer Intervention mittels Laser, um die Drohne abzuschiessen.

Ein solches Flugabwehr-System von Rheinmetall, mit welchem die Luftwaffe den Luftraum vom Boden aus schützt, kommt jeweils während des World Economic Forums in Davos GR zum Einsatz. «Am WEF ist die Drohnen-Gefahr gegenwärtig», sagt Ochsner. «Doch im Alltag ist vielen die Gefahr noch nicht ganz bewusst.» Das werde sich aber ändern, sobald «etwas passiert».

Warum es ausser Netzpistolen nur wenige Abwehrsysteme gibt, liegt auch an den Gesetzen in der Schweiz. So ist es nicht erlaubt, ferngesteuerte oder mit GPS gesteuerte Drohnen mit Störsender zu manipulieren. Anders sieht es aus, wenn es darum geht, die flinken Flugobjekte mit Erkennungssystemen aufzuspüren. In den vergangenen Jahren ist in diesem Bereich ein neues Geschäftsfeld entstanden. So hat die Rheinmetall ein Radarsystem entwickelt, das auf mehrere hundert Meter Distanz sämtliche Flugobjekte detektiert und Informationen zu Grösse, Art und Gewicht an einen Rechner weiterleitet. «So können die Benutzer erkennen, mit was für einem Flugobjekt sie es zu tun haben.»

Die Firma Koller Engineering aus Nottwil LU hat dagegen ein System entwickelt, das Drohnen über die Akustik aufspürt. «Alle Drohnen fliegen mit Propellern und nähern sich dadurch nie geräuschlos», sagt Firmenchef Andreas Koller. So könne ein gerichtetes Mikrofon eine Drohne auf bis zu 1000 Meter Entfernung erfassen und Alarm schlagen. «Nähert sich die Drohne mit der üblichen Geschwindigkeit von 30 bis 50 Kilometern pro Stunde, vergehen ein paar Sekunden von der Alarmauslösung bis die Drohne dann im Gelände ist.»

Kostenpunkt, um ein Gefängnis in der Grösse einer JVA Lenzburg auszurüsten: 30 000 Franken für das Akustik- und 150 000 Franken für das Radarsystem.

Nach möglichen Lösungen im Umgang mit Drohen haben diese Woche Gefängnisdirektoren aus der Schweiz, Deutschland und Österreich an einer Tagung gesucht. «Die Erkennung von Mini-Drohen scheint praxistauglich gelöst, doch für einen wirkungsvollen Schutz braucht es auch Mittel zur Intervention», sagt Andreas Naegeli, JVA-Pöschwies-Direktor. Als mögliche Interventionsmittel kommen für ihn künftig aber nur Systeme in Frage, die keine Drittpersonen gefährden. Auch stehen für ihn gesetzliche Anpassungen erst zur Diskussion, wenn neue Abwehr-Techniken ausgereift sind. Vorerst prüft er deshalb verschiedene Erkennungs-Systeme.

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