Sie ist klein, aus Plastik und lässt sich in 16 Einzelteile zerlegen. Doch ihre Wirkung ist durchschlagend: Die Kunststoffpistole aus einem 3-DDrucker kann tödliche Schüsse abgeben – und stellt die Behörden damit vor neue Herausforderungen. Das gilt insbesondere für das Sicherheitspersonal an Flughäfen. Schliesslich erkennt der Metalldetektor die neuartige Kunststoffwaffe nicht.

Deshalb wurden nun die Sicherheitsbestimmungen an den Schweizer Flughäfen verschärft. Seit wenigen Wochen schulen die Behörden das Sicherheitspersonal in Zürich, Genf und weiteren Flughäfen auf die Bedrohung aus dem 3-D-Drucker. Das bestätigt das Bundesamt für Zivilluftfahrt auf Anfrage.

Dabei lernen die Sicherheitskräfte die aussergewöhnliche Form der Waffe kennen. Der Lauf und Abzug gleichen mehr einem Stück Seife als einer Pistole. Weil sich die Waffe auseinanderschrauben lässt, müssen die Kontrolleure auch deren Einzelteile erkennen können. Das gilt sowohl für das Personal neben den Metalldetektoren als auch für die Leute, die das Gepäck per Röntgengerät durchleuchten.

Am Flughafen Zürich ist die Kantonspolizei für die Kontrollen zuständig. Details will die Polizei nicht preisgeben. Sprecher Marc Besson bestätigt allerdings: «Wir haben Kenntnis von der Problematik mit Waffen aus 3-D-Druckern.» Das Personal werde ausdrücklich darauf geschult. Dabei hilft der sogenannte X-Ray Tutor, eine Erfindung aus der Schweiz. Es ist ein Trainingssystem, das speziell für die bessere Erkennung von verbotenen Gegenständen in Röntgenbildern entwickelt wurde. Das Sicherheitspersonal lernt damit, potenzielle Gefahren in Gepäckstücken – wie Bomben oder Schusswaffen – in wenigen Sekunden zu erkennen.

Das in Zürich entwickelte Programm sorgt nicht nur in der Schweiz für Sicherheit. Es wurde in den letzten zehn Jahren an 600 Flughäfen in über zwanzig Ländern installiert, darunter in den USA, Kanada, Australien und Deutschland. Nun haben Sicherheitsexperten den X-Ray Tutor mit Daten von Waffen aus dem 3-D-Drucker aufgerüstet. Die Schweizer Flughäfen haben das Update bereits installiert. Weitere Länder werden bald folgen.

Die 3-D-Waffe sorgte erstmals diesen Frühling für internationales Aufsehen. Ein junger Texaner stellte ein martialisches Video online, das neben Kriegsbildern die neue Waffe zeigt.

Mit Sonnenbrille und ernstem Blick feuert der Texaner die Pistole ab. «Liberator», Befreier, nennt er sie. Ihre Baupläne wurden innerhalb von nur zwei Wochen mehr als 100 000-mal aus dem Internet heruntergeladen, bevor die US-Regierung einschritt und die Anleitung vom Netz nahm. Zu spät, wie sich später herausstellte. Kopien der Dateien liegen auf amerikanischen Rechnern, auf russischen, ägyptischen, spanischen oder auch Schweizer Computern.

Die Ausbreitung der Kunststoffpistole sei «unmöglich zu verhindern», verkündete das US-Ministerium für Innere Sicherheit. Auch das deutsche Bundeskriminalamt testete die Waffe und kam zum Schluss: Sie funktioniert.

Noch hat sie einen Griff aus Metall und kann nur einen Schuss abgeben. Doch Experten vermuten, dass mit der Zeit die Technologie sowohl ausgefeilter als auch billiger wird. Heute kostet ein hochwertiger 3-D-Drucker über 10 000 Franken. Die billigsten gibt es mittlerweile aber schon ab 1000 Franken.

Erst diesen Donnerstag entdeckte die britische Polizei bei einer Razzia in Manchester Waffenteile, die aus einem 3-D-Drucker stammen. Die Behörden befürchten, dass sich Kriminelle die Technologie aneignen. Sollten die beschlagnahmten Teile tatsächlich zur Herstellung einer Pistole gedient haben, sei dies «ein Wendepunkt im Kampf gegen das organisierte Verbrechen», teilt die Polizei mit.

In der Schweiz darf die Pistole nicht gedruckt werden. Sie fällt unter das Verbot der nichtgewerbsmässigen Herstellung von Waffen. Ob solche Pistolen dennoch im Umlauf sind, wissen die Behörden nicht. Bislang wurden am Flughafen Zürich keine Waffen aus 3-D-Druckern sichergestellt.

David Schiller, Waffen- und Sicherheitsexperte, hält es allerdings für unwahrscheinlich, dass solche Pistolen für eine Flugzeugentführung verwendet werden. Schiller ist Berater und Ausbilder für Militär und Polizei in Deutschland, der Schweiz und Israel. Terroristen würden vorher einen Weg finden, eine gewöhnliche Pistole an Bord zu schmuggeln.

Einzig, dass der Metalldetektor nicht auf die Kunststoffwaffe anspringt, erschwere die Arbeit. Entscheidend sei deshalb gut ausgebildetes Personal, das verdächtiges Verhalten erkennt. Terroristen seien vor allem dann gefährlich, wenn sie gut schauspielern und das Sicherheitspersonal ablenken könnten.

Doch mit dem Internet würden Sicherheitskräfte weltweit vor neue Probleme gestellt. «Mir wäre auch wohler, wenn Baupläne für Bomben und Waffen nicht einfach aus dem Netz heruntergeladen werden können», sagt Schiller. «Das Internet ist zu einer Fernuniversität für Attentäter und Psychopathen geworden.»

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