VON NADJA PASTEGA

Bei Nahrungsmitteln in Fukushima wurde gestern erhöhte Radioaktivität nachgewiesen – die japanische Regierung stoppte sofort alle Lieferungen aus der Region. Auch andere Regionen Japans könnten verseucht werden.

Jetzt brauche es Import-Kontrollen in der Schweiz, sagt André Herrmann, Vorsitzender der Eidgenössischen Strahlenschutzkommission und nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl zuständig für die Lebensmittelprüfung in der Schweiz: «Man muss die Importe aus Japan genau überprüfen.» Vor allem bei Lebensmitteln, die in grösseren Mengen eingeführt würden, brauche es «Schwerpunktkontrollen».

Er rechne «zurzeit nicht mit einer krassen Kontamination der Lebensmittel wie bei Tschernobyl», sagt Herrmann. Entscheidend sei aber, wie sich die Windverhältnisse entwickeln würden. Die radioaktive Wolke in Japan sei – anders als bei der Atomkatastrophe in der Ukraine – nicht in die Höhe geschleudert worden. «Das heisst, die Partikel kommen schneller wieder runter», so Herrmann: «Wenn der Wind in Japan Richtung Festland weht, würde die Kontamination in der direkten Umgebung möglicherweise noch grösser sein als in Tschernobyl.»

Derzeit wehe der Wind Richtung Ozean. Das sei günstig. «Wenn der Wind landeinwärts dreht, wird das ganze Land kontaminiert.» Zu den heiklen Produkten, die kontaminiert sein könnten, zählen Milchprodukte, Tabak und pflanzliche Produkte wie Gemüse, Reis und Tee. Besonders problematisch seien Nahrungsmittel aus dem Meer.

«Radionuklide werden in Meeresprodukten vorkommen», warnt Herrmann. Die radioaktiven Stoffe könnten zudem durch Schalentiere und Algen «aufkonzentriert» werden. «Fischzucht, Algen- und Schalentierfarmen entlang der betroffenen japanischen Küste dürften kaum noch unkontaminierte Produkte erzeugen können.» Diese Nahrungsmittel müssten «besonders überwacht werden».

Eine Hiobsbotschaft für Sushi-Liebhaber – für den kulinarischen Japan-Klassiker werden auch Algen verwendet. Der Fisch in den Sushis stammt hingegen meist aus europäischen Gewässern. Die Schweiz importierte letztes Jahr Nahrungsmittel im Wert von 17 Millionen Franken aus Japan. Eingeführt wurden laut Statistik der Oberzolldirektion unter anderem 24 Tonnen Algen, 23 Tonnen Gemüse und Gemüse-Mischungen, 23 Tonnen Reis und 10 Tonnen Grüntee.

Italien hat bereits sämtliche Lebensmittelimporte aus Japan gestoppt. Die EU empfahl ihren Mitgliedern strenge Import-Kontrollen. In der Schweiz sollen ab nächster Woche am Zoll Stichproben durchgeführt werden, kündigt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) an: «Der Zoll wird eine vorgegebene Anzahl Proben zu vorbestimmten Lebensmitteln, die direkt aus Japan kommen, erheben», sagt Mona Neidhart vom BAG.

Für Schweizer Konsumenten gebe es «derzeit keine Gefährdung», man müsse aber «wachsam» bleiben, sagt Herrmann. Das gelte auch für die Überwachung der Luft auf Radioaktivität. «Man muss die Luftmessungen intensivieren», fordert der oberste Strahlenschützer der Schweiz. Das BAG habe bereits spezielle Luftsammel-Geräte in Betrieb genommen.

«Ein Flugzeug der Armee kann zudem mit einem Filter ausgerüstet werden, um die Luftaktivität zu messen», so Herrmann. In den nächsten Tagen werde die Radioaktivität in der Schweiz messbar ansteigen. «Es ist aber keine Gefährdung für die Bevölkerung zu befürchten.»

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