Kerzengerade sitzt Angela Magdici auf ihrem Stuhl. Die Hände ruhen auf dem Tisch, die linke über der rechten – so, als ob sie sich an sich selber festhalten wollte. Das dunkle Haar fällt ihr über die Schulter. Über der Stuhllehne hängt ihr feuerroter Mantel, auf ihrem Schoss liegt der Schal, den sie zuvor draussen gegen die Kälte und gegen das Blitzgewitter der Kameras über den Kopf geworfen hatte. Ihr Blick ruht auf Stephan Aeschbacher, Präsident des Bezirksgerichtes Dietikon. Es ist Dienstag, 24. Januar 2017, 16.30 Uhr, kurz vor dem Showdown.

In Magdicis Rücken sitzen zwanzig Zuschauer. Mehr haben im kleinen Gerichtssaal nicht Platz. Die meisten von ihnen sind Journalisten. Sie sind gekommen, um den letzten Teil der Geschichte mitzuschreiben. Einer Geschichte, die vor einem Jahr begann und Magdici zum ungewollten Medienstar im In- und Ausland machte. Eine KV-Absolventin, verheiratet, mit sauberem Leumund, verhilft dem Bad Boy Hassan Kiko zur Flucht – aus Liebe. Er ist Syrer, Asylbewerber, Kickboxer und mehrfach verurteilter Sexualstraftäter in Sicherheitshaft. Sie seine Gefängnisaufseherin.

In der Nacht auf den 9. Februar 2016 folgt sie ihrem Impuls. Sie will mit diesem Mann zusammen sein. Also schliesst sie seine Zelle auf und führt ihn aus dem Gefängnis. Mit dem BMW ihres damaligen Noch-Ehemannes fährt sie Kiko ausser Land und lässt ihr altes Leben hinter sich. Ihren Job, ihre Familie, ihren Ehemann. Eine Geschichte wie aus einem Hollywood-Film, ein gefundenes Fressen für die Medien. In den Wochen und Monaten nach der Flucht wird jedes Ereignis aus Magdicis Privatleben – egal ob wahr oder nicht – auf allen Kanälen ausgeschlachtet.

Immer wieder Selbstjustiz
Anwalt Urs Huber wirft der angetrabten Journalistenschar einen strengen Blick über die Schulter zu und setzt zum Plädoyer an: «Es wurde eine Bonnie-und-Clyde-Story konstruiert und eine regelrechte Hetzjagd geführt. Hier wurde mit unfairen und ganz harten Bandagen gegen meine Mandantin gekämpft.» In den Augen von Magdici derart unfair, dass sie es fünf Wochen nach der Flucht nicht mehr aushält. Nachdem der «Blick» titelt «Ist Magdici tot?», hat sie genug. In ihrem Versteck in Italien zeichnet sie mit Kiko eine Videobotschaft auf. Wieder ist es ihr Bauchgefühl, das sie zu dieser Entscheidung verleitet, wieder handelt sie im Affekt. Ähnlich wie beim schlecht geplanten Ausbruch aus dem Gefängnis denkt sie auch bei der Videobotschaft nicht an die Konsequenzen. Sie will aus der Welt schaffen, was ihr unrichtig und ungerecht erscheint.

Wieder ist der Schaden, den sie mit ihrer Tat anrichtet, grösser als der Nutzen. Eine Woche nach dem Versenden der Videobotschaft klicken die Handschellen. Aus der Traum von der Zweisamkeit. Was sie sich denn vorgestellt habe, fragt Gerichtspräsident Aeschbacher. «In Italien arbeiten, Fuss fassen, leben, zusammen sein», sagt Magdici, und ihre Gutgläubigkeit scheint sie in diesem Moment selbst ein wenig zu erstaunen, denn im nächsten Satz gibt sie zu: «Wir waren unglaublich naiv.»

Das Video lieferte den italienischen Carabinieri nicht nur den letzten Hinweis auf das Versteck von Magdici und Kiko, sondern heizte die Gerüchteküche über das Paar zusätzlich an. Zurück in der Schweiz, kennt jeder ihr Gesicht. Auf der Strasse wird sie angestarrt, in den sozialen Medien beschimpft. Sie erhält Morddrohungen. Einer schreibt, er wolle sie vergasen. Einen neuen Job zu finden, ist für Magdici schwierig. Erst nach vielen Bewerbungsschreiben findet sie eine Anstellung und arbeitet heute in der Lebensmittelbranche. Ihre Schicht beginnt um Mitternacht. Dann, wenn niemand sie sehen kann.

Zu ihrem Prozess wird sie weder von Freunden noch von Familienangehörigen begleitet. Weil sie ihr Umfeld nicht noch mehr in diese Sache reinziehen will, wie sie sagt. Bei ihrem Schlusswort versagt ihre Stimme. Sie hat Tränen in den Augen. «Meine Familie ist heute nicht da, aber ich möchte mich vor allem bei ihnen entschuldigen. Auch meine Berufsehre wollte ich nie in den Dreck ziehen. Ich habe meinen Job gerne gemacht.» Bereut sie, was sie getan hat? Magdici sagt, ja, das tue sie. «Ich habe einen Fehler gemacht. Ich würde es heute nicht wieder tun. Es hat nichts gebracht, ausser dass ich jetzt hier sitze.»

Nach wie vor sei sie aber von Hassan Kikos Unschuld überzeugt. Obwohl er drei Mal im Zusammenhang mit Sexualdelikten straffällig geworden ist. Die zweite Verurteilung, jene wegen Vergewaltigung einer 16-Jährigen, findet Magdici ungerecht. «Ich denke nicht, dass sich das so abgespielt hat, wie es das Gericht schildert. Ich glaube ihm», sagt sie zu Gerichtspräsident Aeschbacher.

«Von Reue ist wenig zu spüren»
Dieser kommt zum Schluss: Von Selbstjustiz und Liebe getrieben, hat Magdici einen mehrfach verurteilten Sexualstraftäter befreit und damit ihre Vertrauensstellung als Aufseherin schändlichst missbraucht. Die Berichterstattung über ihre Person mit Prangerwirkung sei im Urteil zu berücksichtigen, sagt er. Jedoch müsse man bedenken, dass sie es selbst war, welche die Öffentlichkeit gesucht habe. Dann neigt Aeschbacher den Kopf nach vorn und schaut mit strengem Blick über seinen Brillenrand zur Angeklagten: «Von Reue ist heute wenig zu spüren. Auch halten Sie nach wie vor an Hassan Kikos Unschuld fest. Sie bereuen nicht die Tat, sondern dass diese misslang.» Das Urteil lautet: 15 Monate bedingte Freiheitsstrafe.

Nach dem Prozess will sie nichts mehr sagen. Sie verweist auf ihren Anwalt. Und doch bricht es aus ihr heraus, das Impulsive, das spontane Bauchgefühl. Sie verwirft die Hände und sagt: «Was hätte ich denn noch machen sollen, dass mir der Richter meine Reue abnimmt? Ich habe ja geweint. Obwohl ich mir doch vorgenommen habe, das nicht zu tun, ist es einfach passiert. Aber eben: Das bin einfach ich.»

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