Bis zu 150 000 Blitze gehen jährlich in der Schweiz nieder. Besonders häufig schlagen sie gemäss Meteo Schweiz auf Berggipfeln und im Tessin ein. Dabei erreichen die kräftigsten Blitze Stromstärken von bis zu 300 000 Ampere und Temperaturen von bis zu 30 000 Grad. Dass ein Blitz einen Menschen trifft, ist äusserst selten. Doch vergangenes Jahr gab es neun Blitzopfer – ein Kletterer starb beim Biwakieren am Eiger. Das zeigen neuste Zahlen der Bergnotfall-Statistik des Schweizer Alpen-Clubs (SAC).

«So viele Verletzte sind ungewöhnlich», sagt Ueli Mosimann, Verantwortlicher für Sicherheit beim SAC. In den zehn Jahren davor ist kein Berggänger mehr durch einen Blitz gestorben. Getroffen werden durchschnittlich drei Menschen pro Jahr.

Die Zunahme der Blitzopfer führt Bergführer Mosimann unter anderem auf mangelnden Respekt zurück. «Ich beobachte immer wieder Situationen, in denen Berggänger auf einem exponierten Grat weiterlaufen, obwohl das Gewitter bereits sehr nah ist.» Dabei gebe es in so einer Situation nur eines: Schutz suchen und warten, bis das Gewitter vorübergezogen ist.

Ebenfalls ist für Mosimann unverständlich, wie Berggänger trotz drohendem Gewitter noch Klettersteige in Angriff nehmen. «Die dort angebrachten Stangen, Leitern und Seile aus Metall sind ein einziger grosser Blitzableiter.» Im Südtirol sterben deswegen jedes Jahr Kletterer. Es sei eine Frage der Zeit, bis es auch in den hiesigen Klettersteigen zu einem tödlichen Blitzunfall komme.

Doch wie überlebt überhaupt ein Mensch einen solch naturgewaltigen Stromstoss? «Bei einem direkten Treffer tritt der Blitz oft durch den Kopf oder die oberen Extremitäten ein. Dann sind die Überlebenschancen am geringsten», sagt Thomas F. Lüscher, Klinikdirektor der Kardiologie am Universitätsspital Zürich. Häufiger seien indirekte Treffer: Der Blitz schlägt neben dem Wanderer ein und ein Gegenstand oder der Boden leiten den Strom weiter. «Zwar ist dadurch die Stromstärke schwächer, doch die Muskeln verkrampfen sich trotzdem. Dies kann zu einem Herzstillstand sowie Atemlähmung führen – und ohne Wiederbelebungsmassnahmen zum Tod», sagt Lüscher. Oft verletzt der Strom die Haut an der Ein- und Austrittsstelle sowie manchmal auch das Hirn und die Nerven.

Bei rund der Hälfte der Überlebenden treten Langzeitschäden auf. Das zeigen erste Untersuchungsergebnisse des Neurologen Ingo Kleiter von der Klinik der Ruhr-Universität in Bochum. Er ist einer der wenigen Ärzte, die sich auf Langzeitfolgen bei Blitzopfern spezialisiert haben. Bei manchen seiner Patienten treten Konzentrations- oder Schlafstörungen auf. Andere erkranken an einer Depression oder erleiden eine posttraumatische Belastungsstörung – dieses Trauma ist auch bei Kriegsopfern häufig. «Es gibt Patienten, die unter so starken Nervenschmerzen in Armen und Beinen leiden, dass sie nicht mehr arbeiten können», sagt Kleiter. Ein Grund für die Langzeitfolgen könnte die Schädigung des Nervensystems durch den Stromstoss sein.

Ein Blitzeinschlag ist prinzipiell in einem Umkreis von bis zu 50 Metern gefährlich. Überdurchschnittlich oft getroffen werden laut ersten Studienergebnissen junge Männer, die gerne Sport in den Bergen treiben. «Dies hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass man sich dort bei nahendem Gewitter nicht schnell genug in Sicherheit bringen kann», sagt Kleiter.

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