Die dörfliche Idylle ist in Attiswil BE empfindlich gestört. Zwischen Bauernhöfen und Einfamilienhäusern steht seit Ostern ein riesiges weisses Festzelt. Doch darin feiert die Attiswiler Dorfbevölkerung kein Marathonfest, sondern darin tragen zehn Grabungsleute mit Spezialwerkzeugen die Humusschicht ab – Millimeter für Millimeter. Abhumusieren heisst das in der Fachsprache der Archäologen. Das Team wurde vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern geschickt. Die Chefin auf dem Platz ist eine Grabungstechnikerin, ihre Kollegen sind teilweise gelernte Maurer auf Jobsuche.

«Es könnte sein, dass wir hier auf eine archäologische Sensation stossen», sagt die Grabungstechnikerin. Neben dem riesigen Zelt, das Platz für 700 Personen bietet, stehen zwei Bauwagen mit Küche und Pausenraum. Stolz zeigt die Leiterin der Ausgrabung in Attiswil die Funde der vergangenen zwei Wochen: viele kleine Keramikscherben, die «vermutlich» von irgendwelchen Tonbehältern stammen, die möglicherweise eine keltische Sippe vor 2500 Jahren hinterlassen hat.

Attiswil ist zu einem Hotspot für die Archäologen aus Bern geworden, da sie in der Nähe bereits auf Überreste eines römischen Gutshofs stiessen. Die aktuelle Ausgrabungsstätte liege allerdings an einem ganz anderen Ort und auch nicht in einer speziellen Schutzzone, wo archäologische Schätze vermutet würden, sagt Gemeindepräsident Daniel Zumstein. Der private Bauherr, Urs Grütter von der Sotimo AG, ist aus allen Wolken gefallen, als ihm von der Behörde mitgeteilt wurde, dass auf seinem Grundstück gegraben werden soll.

Nach Ostern legten die Grabungstechniker los und dürften noch bis Mitte oder Ende Juli weitergraben. Wenn er erst nach den Sommerferien mit seinen Arbeiten beginne, sagt Bauherr Grütter, dann wird er zu spät fertig, um das Dach vor dem Winter hochzuziehen. Der Einzug der ersten Käufer der Eigentumswohnungen dürfte sich um Monate verzögern. «Das ist eine Katastrophe», sagt Grütter.

Auch Gemeindepräsident Zumstein ist nicht erfreut. Die Gemeine plant mehrere Alterswohnungen in unmittelbarer Nähe zu Grütters Parzelle. Auch dort wird der Archäologische Dienst ein Festzelt aufstellen und während Monaten abhumusieren.

Doch im Unterschied zum privaten Bauherr Grütter, ist dies für die Gemeinde mit Kostenfolge verbunden. Sie muss zwischen 30 und 50 Prozent der Grabungskosten selber tragen. Das macht nach Schätzungen rund 500 000 Franken – für die kleine Gemeinde mit 1300 Einwohnern kein Pappenstiel. Wegen der horrenden Kosten, von denen die Gemeinde nichts hat, und weil weitere Bauprojekte gefährdet sind, hat Zumstein eine Beschwerde an den Berner Regierungsrat Bernhard Pulver geschrieben.

Mit durchschnittlich 120 Ausgrabungen pro Jahr, 30 Festangestellten und derzeit über 100 Mitarbeitern zählt der Archäologische Dienst Bern zu den grössten der Schweiz. Zuletzt wurde das Budget von 9,5 Millionen Franken wegen vieler Baugesuche sogar übertroffen. Ganz anders in St. Gallen: Dem fünftgrössten Kanton stehen lediglich 730 000 Franken zur Verfügung.

Eine Umfrage des «Sonntags» zeigt: Es herrscht kantonaler Wildwuchs – auch bei der Kostenbeteiligung. So gilt im Kanton Schwyz das Verursacherprinzip, das heisst, der Bauherr muss allfällige Ausgrabungen vollumfänglich decken. Hingegen bezahlt in Zürich bei Bauvorhaben von Einzelpersonen und Firmen der Kanton die Ausgrabungen.

Der Berner Kantonsarchäologe Daniel Gutscher versteht den Ärger der Gemeinde Attiswil über die auferlegten Zwangskosten. Doch für sie entstünde die Chance, durch die Funde neue Touristen anzulocken. Ausserdem passe sich der Kanton der Finanzlage der Gemeinden an.

Gutscher sieht sich als «Anwalt der stummen Zeugen». Schliesslich handle es sich bei den Funden um ein Stück Geschichte. Ausserdem seien 120 Ausgrabungen bei jährlich über 6000 Baubewilligungen nicht überrissen.

Markus Pfanner von der Zürcher Baudirektion ergänzt: «Fakt ist, dass es Kantone gibt, die wegen ihrer Fläche, der Geschichtsträchtigkeit ihres Bodens und der aktuellen Bautätigkeit in sensiblen Gebieten derart abfallen, dass es fraglich ist, ob sie dem gesetzlichen Auftrag überhaupt nachkommen können.» Dies sei umso unverzeihlicher, als jede unbeobachtet verwüstete Fundstelle unwiederbringlich zerstört sei.

175 laufende Projekte betreut die Zürcher Kantonsarchäologie derzeit, bei einem Jahresbudget von 7,2 Millionen Franken und 32 Vollzeitstellen. Ganz im Gegensatz zum Kanton Schwyz, der gar keinen fest angestellten Archäologen beschäftigt. Diese werden nur engagiert, falls Ausgrabungen anstehen. Als archäologische Kontaktstelle fungiert das Staatsarchiv. Dennoch habe der Kanton Schwyz einige «archäologische Filetstücke» zu bieten, sagt Staatsarchivar Valentin Kessler und führt die ur- und frühgeschichtlichen Siedlungsspuren im Zürichsee an. Mehrere Taucher suchen derzeit den Grund nach Beilen, Dolchen und anderen Überbleibseln ab.

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