VON PIRMIN KRAMER

Die neuesten Zahlen des Bundesamtes für Strassen (Astra) zeigen: Prozentual am meisten zugenommen haben in den vergangenen drei Jahren Fahrausweis-entzüge wegen «charakterlicher Nichteignung»: 562 Entzüge 2007, 812 Entzüge 2009 – ein Anstieg von 45 Prozent.

Wann ist ein Autofahrer charakterlich nicht geeignet? «Das sind Menschen, die sich einfach nicht an die Verkehrsregeln halten können», sagt Urs Kaegi, Verkehrspsychologe. Meist handle es sich um «notorische Schnellfahrer». Weitere Gründe für das Urteil «charakterlich nicht geeignet»: «Eine Häufung von Übertretungen» oder «Fahrten mit Alkohol». Kaegi fasst zusammen: «Diese Autofahrer sind gefährlich.»

Wer entscheidet? Eine obligatorische Fahreignungsuntersuchung müsse über sich ergehen lassen, wer drei schwere Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz begehe. Daneben könne das Strassenverkehrsamt so ein Gutachten schon dann anordnen, wenn ein Fahrer sehr negativ aufgefallen sei, sagt Markus Hubacher von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). «In diesen Fällen überprüfen dann die Psychologen die charakterliche Eignung. Wenn diese nicht gegeben ist, wird einem Fahrer das Ticket wegen Charakterschwäche auf unbestimmte Dauer abgenommen.»

Warum diese Zunahme? Primär dafür verantwortlich sei die Verschärfung des Strassenverkehrsrechts von 2005, das mehr Fahreignungsgutachten ermögliche, sagt Andreas Widmer, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Verkehrspsychologie.

Tatsächlich: Die Zahl der psychologischen Gutachten hat sich in den letzten zwei Jahren verdoppelt, ist von 1106 (2007) auf 2399 (2009) angestiegen. Das bedeutet: Immer häufiger lassen die Strassenverkehrsämter auffällige Autofahrer von Psychologen auf die Frage hin überprüfen, ob ihr Charakter für eine Fahrt auf der Strasse geeignet ist.

«Andererseits stehen die Diagnostiker seit ein paar Jahren stärker unter dem Druck der Öffentlichkeit und der Medien, Führerausweisentzüge zuhanden der Behörden zu empfehlen», sagt Widmer. Urs Kaegi, Ausbildner von Verkehrspsychologen, bestätigt: «Früher wurde im Zweifelsfall eher für den Autofahrer entschieden, nach dem Motto ‹Geben wir ihm nochmals eine Chance›. Heute wird im Zweifelsfall meist auf Führerausweisentzug entschieden oder dann eine Auflage empfohlen.» Die Strafen seien strenger geworden, die Kontrollen häufiger und Verdachtsfälle würden heute konsequent verfolgt, sagt er.

Dass immer mehr notorischen Schnell- und Alkoholfahrern der Ausweis auf unbestimmte Zeit entzogen wird, freut Markus Hubacher von der Beratungsstelle für Unfallverhütung. «Das zeigt, dass gefährliche Autofahrer in der Schweiz frühzeitig aus dem Verkehr gezogen werden können, und das ist erfreulich.»

Psychologe Kaegi ergänzt: «Den Führerausweis wegen ‹charakterlicher Nichteignung› zu verlieren, ist aus administrativer Sicht eine der härtesten Strafen. Denn bei diesem Urteil wird der Ausweis erst einmal auf unbestimmte Zeit entzogen, bis die charakterliche Eignung wieder hergestellt ist. Und man benötigt ein neues, positives verkehrspsychologisches Gutachten, damit man wieder Auto fahren darf.»

Silvan Granig von der Schweizer Strassenopfer-Stiftung Road Cross: «Diese Entwicklung ist sehr erfreulich. Offenbar hat ein Umdenken stattgefunden: Notorische Schnellfahrten werden immer seltener als Kavaliersdelikte angesehen – auch bei Strassenverkehrsämtern und Psychologen.

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